Editorial 01/2023

Aus LinuxUser 01/2023

Editorial 01/2023

Langzeitbeziehungen

Deutsche Schulen dürfen Microsoft Office 365 grundsätzlich nicht nutzen, sagen die Bundesdatenschutzbehörde und die Deutschen Datenschutzkonferenz. Doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und so dürfe sich am Einsatz von Microsoft-Produkten an Schulen wohl nicht so schnell etwas ändern, fürchtet Redakteurin Carina Schipper.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Kürzlich flatterte eine Pressemitteilung in mein Postfach, deren Quintessenz im Grunde ein alter Hut ist: Die DSGVO und der Einsatz von Microsoft Office 365 an Schulen vertragen sich nicht. Nach zweijährigen, eher erfolglosen Verhandlungen mit dem Konzern aus Redmond kommt der gemeinsame Ausschuss der deutschen Bundesdatenschutzbehörde und der Deutschen Datenschutzkonferenz (DSK) zu einem vernichtenden Ergebnis: Deutsche Schulen dürfen Microsoft Office 365 grundsätzlich nicht nutzen.

In einem Papier der Arbeitsgruppe “Microsoft-Online-Dienste” der DSK lassen sich Details zur Kritik, den Verhandlungen mit Microsoft und deren Ergebnisse nachlesen [1]. Offensichtlich bemüht sich der Konzern bisher nur recht halbherzig um DSGVO-Compliance. Zwar hat das Unternehmen im September 2022 einen aktualisierten “Datenschutznachtrag zu den Produkten und Services von Microsoft” veröffentlicht, von datenschutzrechtlicher Lupenreinheit kann aber noch lange keine Rede sein.

Die DSK-Arbeitsgruppe schreibt dazu ernüchternd und unmissverständlich: “Beim Einsatz von Microsoft 365 lassen sich hierbei auf Grundlage des ‘Datenschutznachtrags’ weiterhin Schwierigkeiten erwarten, da Microsoft nicht vollumfänglich offenlegt, welche Verarbeitungen im Einzelnen stattfinden. […] Eine Verwendung personenbezogener Daten der Nutzenden (zum Beispiel Mitarbeitenden oder Schüler:innen) zu eigenen Zwecken des Anbieters schließt den Einsatz eines Auftragsverarbeiters im öffentlichen Bereich (insbesondere an Schulen) aus.”

Microsofts Unwille, sich in der Sache ernsthaft zu bewegen, überrascht kaum. Warum sollte sich das Unternehmen eine unaufhörlich sprudelnde Datenquelle selbst versiegeln? Angesichts der dank dieser Datenflut noch zu machenden Milliarden sollten die EU-Bußgelder am Ende doch eher Peanuts sein. Hinter dieser Denke steckt ein nicht zu unterschätzender, für menschliches Verhalten verantwortlicher Faktor: Sozialisierung.

@:Welche Macht Sozialisierung als gezielt eingesetztes Instrument besitzt, hat Microsoft früh verstanden. Schon zu meinen Grundschulzeiten Ende der 1990er war das Office-Paket für Schüler und Lehrer kostenfrei. Im Klassenzimmer stand ein Rechner mit Windows 98 und später XP. Am Gymnasium hatten wir dann einen Computerraum und das Wahlfach IT. Anfang der 2000er-Jahre bedeutete Letzteres an meinem neusprachlichen Gymnasium vor allem Microsoft Office. Meine Erwartungshaltung, endlich den Mysterien von PCs auf den Grund zu gehen, kollidierte hart mit der Realität. Retrospektiv frage ich mich, was mein IT-Lehrer – hauptberuflich Linux-Admin – wohl dachte, als man ihm den “Microsoft-Lehrplan” vorlegte. Star- beziehungsweise LibreOffice existierten damals schließlich schon.

Später im Germanistikstudium benutzte ich die MS-Programme weiter. Ich kannte sie ja schon, gratis waren sie obendrein. Wie ich wurden vermutlich unzählige Schulklassen sozialisiert. Microsofts Vorgehen an der Stelle ist so trivial wie genial. Das Aufbauen langfristig angelegter Kundenbeziehungen fängt im Kindesalter an. Hinzu kommt, dass sich dabei eine Art Teufelskreis ergibt. Wer schon als Schüler und Student auf Windows und MS Office getrimmt wurde, wird es auch als Lehrkraft verwenden und weitergeben. Dabei sind die freien Alternativen längst nicht mehr so unbekannt. Welche Vorzüge beispielsweise LibreOffice im Vergleich zu den Produkten aus Redmond aufweist, liegt auf der Hand. Darüber hinaus unterscheiden sich die Benutzeroberflächen der Konkurrenten heute kaum mehr. Personen, die mit Word 2007 aufgewachsen sind, sollte das Umgewöhnen nicht allzu schwerfallen.

Durch seine über inzwischen Jahrzehnte gehegte und gepflegte Omnipräsenz hat sich Microsoft in gewisser Weise unverzichtbar gemacht. Das erklärt aus meiner Sicht zumindest teilweise, warum sich trotz der offenkundigen DSGVO-Inkompatibilität so wenig tut. Um Microsoft tatsächlich in die Schranken zu weisen, müssten Schulen, Behörden und Unternehmen konsequent auf Open-Source-Produkte wie Linux und LibreOffice setzen. Möglich wäre das aus technischer Sicht freilich seit geraumer Zeit. Wie so oft gibt es hierbei nur ein Problem: den Menschen als Gewohnheitstier.

Herzliche Grüße,

Carina Schipper

Redakteurin

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