Editorial 09/2022

Aus LinuxUser 09/2022

Editorial 09/2022

Zukunftssicher

Ein Jahr vor dem 30. Geburtstag von Debian steht für das Projekt eine tiefgreifende, längst überfällige Veränderung an: In Zukunft werden die Installationsmedien wohl endlich dringend notwendige, aber unfreie Firmware-Komponenten enthalten und so den Anwendern das Leben erleichtern.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

dieser Tage kann Debian seinen 29. Geburtstag feiern: Am 16. August 1993 kündigte ein gewisser Ian Murdock das “Debian Linux Release” an. Den Namen der neuen Distribution leitete er ganz unbescheiden aus dem Namen seiner Freundin (und späteren Frau) Debra Lynn und seinem eigenen ab: Deb-Ian. Noch im selben Jahr veröffentlichte er auch das Debian-Manifest, eine Zusammenstellung seiner Sichtweise zu Debian. Im Vordergrund stand dabei eine offene Entwicklung im Geist von Linux und GNU. Daraus entwickelten sich unter anderem die von Bruce Perens formulierten Debian Free Software Guidelines (DFSG [1]), die im Wesentlichen besagen, dass unfreie Software in der Distribution nichts zu suchen hat. Auch sonst gilt Debian in Sachen Softwareauswahl als äußerst konservativ und quasi als das Gegenteil von Bleeding Edge. Neuerungen halten in die Distribution eher später als früher Einzug.

Eben das erwies sich im Lauf der Jahre gerade als das Erfolgskonzept von Debian. Während andere zeitgenössische Distributionen wegstarben, wuchs und gedieh das Projekt, und nicht nur das: Im Lauf der Zeit entstanden rund 500 Ableger [2], sodass sich Debian mit gewissem Recht die “Mutter aller Distributionen” nennen könnte. Zu den bekanntesten Debian-Kindern zählen Knoppix, Ubuntu und Linux Mint. Mit seiner konservativen Software- und Update-Politik eroberte sich Debian rasch einen festen Platz als Server-Distribution. Wie es dort mit seinen Pfunden wuchern kann, belegt beispielsweise der Blog-Eintrag eines zufriedenen Admins, der vor Kurzem einen Produktivserver mit rund 200 Benutzern ohne große Probleme auf das aktuelle Debian 11 “Bullseye” upgradete [3]. Knackpunkt der Geschichte: Die Maschine lief seit 1993 mit Debian 0.93r5 und war zuletzt 2015 auf Debian 8 “Jessie” migriert worden. Fast 30 Jahre nahtloser Betrieb unter einer Distribution – das macht Debian so schnell kein anderes Betriebssystem nach.

Doch wo Licht ist, gibt es auch Schatten. Weil die DFSG auf ausschließlich freie Software insistieren, liefert Debian keine Firmware-Blobs mit aus. Vor drei Jahrzehnten war das keinerlei Problem, da Hardwarekomponenten die Firmware via ROM integrierten. Selbst vor 10 Jahren benötigten meist nur WLAN-Chips zusätzliche Firmware, die sich auch nachträglich einspielen ließ. Heute dagegen hängt das Funktionieren nicht nur von NICs, sondern auch von Grafikkarten und Audiochips zunehmend von Firmware-Uploads ab. In einem gepfefferten Blogpost [4] fasste der Debian-Entwickler Steve McIntyre die Folgen prägnant zusammen: Wer heute einen neuen Laptop mit Debian zu installieren versuche, ende ohne Netzwerk (die meisten Rechner verfügen über keinen RJ45-Anschluss mehr), mit rudimentärer Grafikdarstellung per Framebuffer und ohne Audio-Prompts, was sehbehinderte Nutzer komplett ausschließe.

McIntyre hält das – zu Recht – für rundum schlicht unakzeptabel und fordert, dass das Debian-Projekt seine diesbezügliche Politik schnellstens ändert. Man müsse aufhören, so zu tun, als bräuchten Debian-Systeme keine unfreie Firmware, alles andere bereite den Nutzern unnötig Schwierigkeiten. Als Lösung schlägt er vor, solche Firmware künftig in Form eines eigenen Repos non-free-firmware mit auf den offiziellen Debian-Installationsmedien auszuliefern. Wie er auf einem äußerst interessanten Talk [5] auf der DebConf 22 in Prizren Mitte Juli bekannt gab, ist ein solches Repository bereits eingerichtet – es stellt sich nur noch die Frage, wie genau man es an die User ausliefert. Die meisten Debian-Entwickler scheinen aber erfreulicherweise McIntyres pragmatischen Vorschlag zu unterstützen, es in die offiziellen Installationsmedien aufzunehmen.

Hoffen wir, dass die Neuerung schon bald mit dem kommenden Debian 12 “Bookworm” bei uns aufschlägt. Damit wäre das Projekt dann bestens gerüstet für die nächsten drei Jahrzehnte Erfolgsgeschichte.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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2 Kommentare
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Michael Ziehm
3 Jahre her

Wer Debian nutzt, der sollte einen Blick auf freeBSD werfen.
Das ist ein ebenso solides Betriebssystem aber eine ganze Spur besser.

Ich mag die saubere Trennung zwischen dem Grundbetriebssystem und den Benutzerprogrammen, Desktop und Co..
Es benötigt zwar etwas Handarbeit beim einrichten, für Debiannutzer ist das aber kaum ein Problem.
Zur Belohnung bekommt man ein System, das Debian an Stabilität übertrifft und dessen Software bei weitem aktueller ist, als bei Debian.
freeBSD beweist, dass Aktualität und Stabilität sich nicht ausschließen müssen.

Passen muss freeBSD lediglich dort, wo Touchpads, Touchscreens und allerneuste WLAN-Chips zum Einsatz kommen, also auf Notebook, etc.

EinNutzerdesgutenLinux
3 Jahre her

FreeBSD aktueller als Bookworm?
Hmmm.
Zumindest mein Bookworm ist stabil.
Linux mydebian 5.18.0-4-amd64 #1 SMP PREEMPT_DYNAMIC Debian 5.18.16-1 (2022-08-10) x86_64 GNU/Linux
Ich bleib dabei. ;)

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