Intels Vorzeigedistribution Clear Linux im Test

Aus LinuxUser 07/2022

Intels Vorzeigedistribution Clear Linux im Test

© Computec Media GmbH

Klare Sache

Clear Linux OS gebührt die Krone der schnellsten vollwertigen Linux-Distribution. Daneben bietet Intels Vorzeigedistribution auch innovative Konzepte.

Linux-Distributionen gibt es bekanntlich zu Hunderten. Oft blühen die interessantesten Vertreter eher im Verborgenen. Zu dieser Gattung gehört auch das einst von Intel im hauseigenen Open Source Technology Center [1] aus der Taufe gehobene Clear Linux Project for Intel Architecture, kurz Clear Linux OS. LinuxUser berichtete bereits in den Ausgaben 04/2016 [2] und 07/2019 [3] darüber.

Clear Clear Linux OS, kurz Clear Linux, nicht zu verwechseln mit Clear OS, ist sowohl Vorzeigeobjekt für die Leistungsfähigkeit der Intel-Prozessoren als auch ein innovatives Container- und Server-Betriebssystem, das sich dank dreier Desktop-Umgebungen auch für den Desktop eignet. Intel verfolgt mit diesem Projekt keine kommerziellen Ziele.

Nach der Entstehung im Jahr 2015 richtete sich das von Grund auf gebaute und als Rolling Release ausgelegte Clear Linux eher an Entwickler, die Cloud und Container konzipieren. Erst später begann es sich mit den passenden Umgebungen langsam auch für Desktop-Anwender zu öffnen. Zunächst war 2016 XFCE im Angebot, ein Jahr später löste es Gnome ab. Im darauf folgenden Jahr überarbeiteten die Entwickler dann den sperrigen Installer und erweiterten das Angebot um den KDE-Plasma-Desktop.

Desktop-Eignung

2020 verkündete Intel  dann wieder eine stärkere Konzentration auf Cloud und Server, da sich dort am ehesten die Arbeitsabläufe optimieren lassen. Schließlich sei der Hauptgrund für die Existenz von Clear Linux die Optimierung auf Intels Hardware, hieß es seinerzeit. Gnome als Desktop sollte bleiben, ohne allerdings allzu viel Entwicklerressourcen zu erhalten. Ob das so auch umgesetzt wurde, lässt sich nicht sagen, aber heute gibt es Clear Linux erfreulicherweise mit Gnome, KDE Plasma oder XFCE als Desktop. Auf der Download-Seite des Projekts stehen drei Live-Editionen für Desktop, Server und Container zur Verfügung. Die Desktop-Version installiert eine Gnome-Umgebung.

Wir waren erfreut, dass Intel Gnome 42 nur einen Tag nach dessen Veröffentlichung über ein Update bereitstellte. Bevorzugen Sie Plasma oder XFCE, gibt es zwei Möglichkeiten: Installieren Sie die Desktop-Variante, dann fügen Sie den Plasma-Desktop zusätzlich als Bundle hinzu und wählen beim Booten zwischen Gnome und Plasma. Soll es nur Plasma oder XFCE sein, dann laden Sie die Server-Variante herunter und fügen den gewünschten Desktop nach der Installation des Systems hinzu. Dazu genügen die beiden Befehle aus Listing 1. Für XFCE ersetzen Sie desktop-kde durch desktop-xfce.

Listing 1

Plasma installieren

$ sudo swupd bundle-add desktop-kde
$ sudo reboot

Große Auswahl

Darüber hinaus stehen Abbilder für Clouds wie Amazon Web Services, Azure und Google Compute sowie vorgefertigte virtuelle Maschinen für KVM oder VMware bereit. Bevor Sie Clear Linux herunterladen, werfen Sie am besten einen Blick auf die Kompatibilitätsliste [4], denn die Distribution bevorzugt aktuelle Hardware. Wenn Sie Clear Linux in einer virtuellen Umgebung nutzen möchten, greifen Sie am besten zu einem der präparierten Images zurück: Die Installation des ISO-Images in einem Hypervisor verlangt spezielle Einstellungen, die Sie jeweils selbst ermitteln müssten. Das Image KVM Legacy bietet die einzige Möglichkeit, Clear Linux ohne UEFI zu nutzen.

Zusätzliche Software installieren Sie entweder als Flatpak oder als kuratiertes Anwendungspäckchen. Ein eigener Software-Shop bietet rund 3000 Anwendungen als Flatpak oder in Bundles an. Mit dem neuen Werkzeug Mixer [5] lässt sich die Distribution auch komplett nach eigenen Wünschen in einem Container zusammenstellen und als Image bauen.

Kein Zustand

Intel verwirklicht mit Clear Linux ein zustandsloses Dateisystem, der Fachbegriff hierzu lautet Stateless [6]. Dabei handelt es sich um eine relativ neue Art, über den Zustand eines Betriebssystems zu verschiedenen Zeitpunkten nachzudenken.

Zustandslose Systeme speichern ihren Zustand nicht dauerhaft, sondern starten immer in demselben definierten Zustand. Eine Live-CD verhält sich per Design zustandslos, da sie immer im selben Zustand hochfährt. Da viele Anwendungen, Dienste und Geräte zumindest eine minimale Konfiguration erwarten, erzeugt Systemd entsprechende Dateien in /etc oder /var, bevor die jeweiligen Anwendungen starten.

Clear Linux definiert diese Zustandslosigkeit etwas anders. Um ein zustandsloses Design zu erreichen, setzt Intel voll und ganz auf Systemd. Die Distribution trennt damit die Benutzerkonfiguration von der verteilten Konfiguration des Betriebssystems. Durch den Verzicht auf das Verzeichnis /etc ermöglicht Clear Linux eine zustandslose Betriebssystemarchitektur, was diverse Vorteile bietet.

Falls sie sich jetzt fragen, wie das System ohne /etc/fstab und mit völlig leerem /boot-Verzeichnis funktionieren soll, so liefern wiederum Systemd und seine Boot- und Mount-Mechanismen die Antwort. Alle einzuhängenden Partitionen erstellt der Dinest beim Start als mount.unit.

Der Autor installierte die Server-Variante und darauf einen Plasma-Desktop (Abbildung 1). Zur Installation weiterer Software als Bundle oder Flatpak dient entweder der hauseigene Paketmanager Swupd oder im Fall von Plasma der Softwaremanager Discover. Um Anwendungen über Discover oder – im Fall von Gnome – über Gnome Software zu installieren, gilt es, zusätzlich das Bundle desktop-autostart einzurichten.

Abbildung 1: Dank einer intuitiven grafischen Oberfläche stellt die Installation von Clear Linux keine große Herausforderung dar.

Abbildung 1: Dank einer intuitiven grafischen Oberfläche stellt die Installation von Clear Linux keine große Herausforderung dar.

Software nachrüsten

Bundles aggregieren verschiedene zusammenpassende oder voneinander abhängige Anwendungen. Als Beispiel dient die Bereitstellung von KDE-Apps, die das Bundle Desktop enthält. Zunächst ermitteln Sie mit dem Befehl aus der ersten Zeile von Listing 2 den korrekten Namen für das Bundle. In unserem Fall war es das Paket desktop-kde-apps, das sich anschließend mit dem Befehl aus der dritten Zeile installieren ließ. Der Installer lädt zunächst das Manifest des Bundles. Dann listet er alle enthaltenen Komponenten auf und richtet sie ein. Am Ende bestätigt er das erfolgreiche Einrichten des Bundles mit 44 Abhängigkeiten.

Listing 2

Bundle einrichten

$ sudo swupd bundle-list | grep desktop-kde
[...]
$ sudo swupd bundle-add desktop-kde-apps

Nun lassen sich weitere Anwendungen als Flatpak installieren. Clear Linux bringt von Haus aus nur ein Grundgerüst an Paketen mit, abgesehen von Konqueror verzichtet die Basis auch auf Webbrowser. Es liegt entsprechend in Ihrer Entscheidung, wie Sie Ihr System von Grund auf gestalten. Verfügbare Anwendungen finden Sie im Store (Abbildung 2) von Clear Linux [7]. Über die Suche gelangen Sie zu Anwendungen oder Bundles, deren Beschaffenheit Sie mit einem Klick auf Details einsehen.

Abbildung 2: Der Clear Linux Software Store bietet Anwendungen als alleinstehende Flatpaks oder als Bundle von Abhängigkeiten zu einem Paket an.

Abbildung 2: Der Clear Linux Software Store bietet Anwendungen als alleinstehende Flatpaks oder als Bundle von Abhängigkeiten zu einem Paket an.

Geht es nur um die Installation, genügt ein Klick auf Get. Um installierte Flatpaks auch ohne Neustart zu nutzen, müssen Sie noch den Pfad anpassen (Listing 3). Benutzen Sie häufiger die Konsole, lässt sich der lange, maschinengenerierte Host-Name nicht gut lesen und nimmt zu viel Platz ein. Mit sudo hostnamectl set-hostname Name und anschließendem Reboot passen Sie den Hostnamen an Ihre Wünsche an.

Listing 3

Pfad anpassen

$ export PATH=/var/lib/flatpak/exports/sjare:$PATH
$ export PATH=/home/USER/.local/share/flatpak/exports/share:$PATH

Leistung

Clear Linux wird stets für seinen Geschwindigkeitsvorteil gelobt. Obwohl sich das beim Desktop kaum als Entscheidungskriterium anbietet, gibt es Bereiche, wo die Distribution in unserem Vergleich klar gegen Kubuntu auf derselben Maschine dominierte und manche Archive etwa in der halben Geschwindigkeit entpackte. Da wir Intel-Hardware verwenden wollten, musste ein älteres Thinkpad T540p mit einem fast zehn Jahre alten Intel i3-4000M Prozessor für den Test herhalten. Der Systemstart dauerte damit knapp unter zehn Sekunden und die Bedienung war in allen Belangen sehr zügig. Im Leerlauf belegte der Plasma-Desktop rund 670 MByte an Hauptspeicher (Abbildung 3).

Abbildung 3: Clear Linux OS mit Plasma Desktop belegt nach dem Start rund 670 MByte im Arbeitsspeicher. Der Start bis in den Desktop dauerte auf einem rund 10 Jahre alten Notebook nur 10 Sekunden.

Abbildung 3: Clear Linux OS mit Plasma Desktop belegt nach dem Start rund 670 MByte im Arbeitsspeicher. Der Start bis in den Desktop dauerte auf einem rund 10 Jahre alten Notebook nur 10 Sekunden.

Fazit und Ausblick

Clear Linux ist nicht in erster Linie für den Desktop-Betrieb gedacht, was man der Distribution an manchen Stellen durchaus anmerkt. Deshalb geht eine Empfehlung für die Desktop-Nutzung eher an erfahrene Nutzer, die ein System nach eigenem Gusto aufziehen möchten.

Auch um das Lesen der Dokumentation [8] kommt man stellenweise nicht herum. Zudem sollte man die Installation mindestens im Wochenrhythmus aktualisieren, da es oft mehrmals täglich Updates gibt. Eine FAQ erläutert einige der Einschränkungen, denen Clear Linux unterliegt, sowie Workarounds dafür [9].

Was die Aktualität verfügbarer Software angeht, gib sich Clear Linux keine Blöße. So standen zum Zeitpunkt des Tests mit Gnome 42 und Plasma 5.24.3 zwei Desktop-Umgebungen in der jeweils aktuellsten Version bereit, flankiert von Kernel 5.16.17. Als Anzeigeprotokoll kommt sowohl bei Gnome als auch bei KDE Plasma standardmäßig Wayland zum Einsatz. (tle)

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