Durch eine beinharte Haltung gegenüber unfreier Firmware erschwert Debian seinen Anwendern zunehmend die Installation der Distribution. Ein auf Benutzerfreundlichkeit pochender Entwickler will das jetzt ändern und das Projekt zu einem Überdenken seiner Politik bewegen.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
zusammen mit Slackware, der ältesten noch aktiven Linux-Spielart, gehört Debian zu den Urgesteinen der Distributionslandschaft. Während Ersteres heute nur noch eine eher beschauliche Nebenrolle spielt, darf Debian den Ruhm für sich beanspruchen, einer beachtlichen Anzahl von Kindern (wie Ubuntu) und Enkeln (oft ihrerseits Ubuntu-Ablegern) das Leben geschenkt zu haben. Die “Mutter aller Distributionen” gilt als zuverlässige und extrem stabile Systemplattform mit opulent ausgestatteten Paketquellen und kommt deshalb im Produktivbetrieb recht häufig vor, insbesondere als Server. In der Liste der populärsten Linux-Derivate auf Distrowatch.org [1] jedoch tummelt sich Debian jedoch stets rund um Platz 9, deutlich hinter seinen Ablegern und Kindeskindern. Warum ist das so?
Einer der wesentlichen Gründe dafür liegt in der Philosophie des Projekts: Nach den Richtlinien der Debian Free Software Guidelines dürfen die Paketquellen nur freie Software enthalten. Wiewohl ein hehres Ziel und in der Anfangszeit der Computerei kein wirkliches Problem, hat diese Praxis im letzten Vierteljahrhundert die Ausbreitung der Distribution immer mehr behindert. Zur verpönten unfreien Software zählen nämlich auch Firmware-Blobs für diverse Hardwarekomponenten, ohne die man diese nicht zum Laufen bekommt. Lange Zeit betraf das fast ausschließlich WAN- und WLAN-Boards, für die das Projekt dann die Firmware (sofern das rechtlich überhaupt möglich war) verschämt über ein inoffizielles Non-free-Repo bereitstellte, von wo man sie händisch nachziehen musste. Schon damals griffen viele Anwender lieber zu Ablegern wie Ubuntu, bei denen direkt nach der Installation alle Rechnerkomponenten funktionierten, weil das Installationsabbild die “böse” Firmware direkt mitbrachte.
Heute jedoch liefern Hardwarehersteller zunehmend Platinen und Chipsets aus, die ohne passende Firmware bestenfalls rudimentär oder oft auch gar nicht funktionieren. Dazu zählen neben Netzwerkadaptern immer mehr Grafikkarten und Audiochips. Entsprechend hakelig gestaltet sich das Einrichten derart ausgestatteter Rechner unter Debian: Wie soll man die fehlende Firmware nachziehen, wenn ohne sie keine Netzwerkkarte funktioniert und man auf dem Bildschirm kaum etwas sieht? Klare Worte dafür fand kürzlich der Debian-Entwickler Steve McIntyre: “Der Firmware-Support in Debian ist scheiße, und das müssen wir ändern.” Da kann man ihm kaum widersprechen.
McIntyre präsentiert in seinem Blogpost [2] zum Thema fünf Optionen, wie Debian künftig mit unfreier Firmware umgehen könnte, und will diese in Form einer Grundsatzentscheidung (“General Resolution”) seinen Kollegen zur Wahl stellen. Die Möglichkeiten reichen von der Beibehaltung des Status quo bis hin zum Ausliefern offizieller Abbilder mit der verpönten Firmware. Ich persönlich hoffe ja, dass das Projekt über seinen Schatten springt, die normative Kraft des Faktischen anerkennt und in Zukunft vollwertige Images bereitstellt, mit denen sich ein Rechner auch ohne Kopfstände voll zum Laufen bringen lässt. Ich befürchte aber, so einfach wird es nicht werden – schade eigentlich, denn das ansonsten exzellente Debian hätte eine mindestens so weite Verbreitung verdient wie seine Tochter Ubuntu.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
- “DistroWatch Page Hit Ranking”: https://distrowatch.com/dwres.php?resource=popularity
- “Firmware – what are we going to do about it?”: https://blog.einval.com/2022/04/19



