Editorial 03/2022

Aus LinuxUser 03/2022

Editorial 03/2022

Lügenpresse!

Wenn ein bekannter Open-Source-Blogger die IT-Medien in Bausch und Bogen einseitiger Berichterstattung zugunsten von Linux beschuldigt, lohnt es sich, etwas genauer hinzusehen, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Schnappatmung stellt sich bei mir eher selten ein. Etwa, wenn mich beim Radeln mal wieder ein Autofahrer zehn Meter vor der nächsten Kreuzung überholt, um 1,4 Sekunden einzusparen, die er sonst hinter mir bleiben müsste, bevor er dann vor mir eine Vollbremsung hinlegt, weil er ja eigentlich rechts abbiegen will. Oder wenn ich das jährliche Schreiben öffne, in dem mir die Stadtwerke die Höhe der Abschlagszahlungen für Strom und Wasser für die kommenden 12 Monate mitteilen. Vor zwei Wochen ist mir das erste Mal bei der Lektüre eines Blogposts zum Thema Linux kurzzeitig die Luft weggeblieben.

Im Open-Source-Blog-Netzwerk [1] stieß ich auf den Kommentar “Open-Source-Welt – einseitige Berichterstattung und ihre Folgen” [2]. Der Titel weckte selbstredend mein Interesse. Meine Schnappatmung verursachte die Tatsache, dass der Autor Gerrit Heim (Mercurius) darin IT-Journalisten in Bausch und Bogen eine “tendenziöse … Inselberichterstattung … ohne professionelle Korrektive” vorwirft und konstatiert, “dass es … seriöse Nachrichtenmedien im IT-Bereich allgemein und vor allem im Open-Source-Segment nicht (mehr) gibt”. Durch diese Ignoranz den journalistischen Qualitätskriterien gegenüber verfestige sich bei den Lesern “ein schiefes Gesamtbild”. Das macht Heim konkret an einem Beitrag von LinuxNews [3] über den Stand von Open-Source-Projekten bei der Stadt München und den Folgeberichten großer IT-Medien wie Heise [4] und Golem [5] fest, die auch LiMux zitieren.

Heims Linux-Lügenpresse-Vorwurf will und kann ich so nicht stehenlassen. Zum einen ignoriert er selbst fröhlich das in seinem Kommentar immer wieder eingeforderte “Gesamtbild”. Über freie Software in Verwaltungen und Behörden kann man, selbst wenn sie vielleicht Schwächen hat, nur positiv berichten, eben gerade aufgrund des Gesamtbilds. Um sich proprietäre Software von US-Konzernen im öffentlichen Dienst schönzureden, müsste man ausblenden, dass sie letztlich den jederzeitigen Zugriff von Dreibuchstabendiensten der USA auf die Daten jeden Bürgers ermöglicht, die digitale Souveränität Deutschlands und Europas unterminiert und der lokalen Wirtschaft schadet.

Klar, Nuklearenergie ist auch ganz toll, lässt man mal die Hunderte Tonnen jährlich anfallenden Atommülls außer Acht, die mehrere Zehntausend Jahre lang hochradioaktiv strahlen. Und zwei Tonnen schwere SUVs mit 200-kW-Dieselantrieb als Pkw kann man durchaus super finden, wenn man nicht ständig auf die Klimaerwärmung starrt wie das Karnickel auf die Schlange. Verantwortlicher Journalismus muss aber gerade auf das Gesamtbild achten – und da gibt es keine Alternative zu Open Source und “Public Money, Public Code” [6] bei Kommunen, Ländern, dem Bund und der EU.

Außerdem würde ich mir von Gerrit Heim wünschen, dass er vor dem Lostippen einfach mal ein paar Fakten nachprüft, so wie wir Journalisten das tun. Dann wüsste er, dass der von ihm als tendenzfreies Vorbild zitierte Blogger Ferdinand Thommes als freiberuflicher Journalist auch seit vielen Jahren als Stammautor für LinuxUser schreibt, eines der vermeintlichen “Tendenzmedien”. Dann wäre ihm klar, dass LiMux kein “absoluter Flop” [7] war, sondern in einem Beratergutachten kurz vor dem Abschuss des Projekts durchgängig Bestnoten kassierte [8]. Und dann hätte er auch nicht übersehen, dass LiMux keineswegs “seit 2017 tot” ist, sondern im Dezember 2021 noch den letzten Softwarestand veröffentlicht hat [9].

Letzten Endes liegt aber genau hier der Unterschied zwischen einem privaten Blogger und einem Journalisten: Der Privatier darf in seinen Postings zum Besten geben, was immer er mag, solange er damit keinen Straftatbestand erfüllt. Dagegen machen die Pressegesetze einen Journalisten persönlich dafür verantwortlich, was er veröffentlicht, und schreiben dafür eine besondere Sorgfaltspflicht fest. Tipp: Das Gütesiegel dafür heißt V.i.S.d.P., “Verantwortlich im Sinne des Presserechts”, und findet sich im Impressum des Mediums.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

  1. Open-Source-Blog-Netzwerk: https://osbn.de

  2. Blogpost von Gerrit Heim: https://curius.de/2022/02/open-source-welt-einseitige-berichterstattung-und-ihre-folgen/

  3. “Nachgefragt: Was macht München in Sachen Open Source?”: https://linuxnews.de/2022/01/nachgefragt-was-macht-muenchen-in-sachen-open-source/

  4. “Nach LiMux-Aus: IT-Referat bremst neuen Open-Source-Kurs Münchens”: https://www.heise.de/news/Nach-LiMux-Aus-IT-Referat-bremst-neuen-Open-Source-Kurs-Muenchens-6345428.html

  5. “Münchner IT-Referat verzögert Open-Source-Pläne”: https://www.golem.de/news/nach-limux-muenchner-it-referat-verzoegert-open-source-plaene-2202-162877.html

  6. Initiative “Public Money, Public Code”: https://publiccode.eu/de/

  7. “LiMux – ewige Phantomschmerzen?”: https://curius.de/2022/01/limux-ewige-phantomschmerzen/

  8. Editorial: Jörg Luther, “Münchner Geschichten”, LU 04/2017, S. 3, https://www.linux-community.de/38832

  9. “LiMux 6.0 letztmalig veröffentlicht”: https://linuxnews.de/2022/01/limux-6-0-letztmalig-veroeffentlicht/

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDF
LinuxUser 03/2022 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

4 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Thomas S.
4 Jahre her

Ein guter Journalist, der seinen Beruf so ausübt, wie er gedacht ist, läßt jegliche persönliche Meinung außen vor. Die hat da einfach nichts verloren. Objektiv und neutral muss es sein. Alles andere ist Haltungsjournalismus. Und das ist beileibe kein Kompliment.

Es ist schon schlimm genug, dass heutzutage alles einfach nur noch von anderen Kollegen übernommen wird, ohne dass der Wahrheitsgehalt vor einer weiteren Veröffentlichung überprüpft wird. Da wird die Sorgfaltspflicht mit Füßen getreten. Im Bereich der Politik besonders zu beobachten.

Jörg Luther
4 Jahre her
Reply to  Thomas S.

Ein guter Journalist, der seinen Beruf so ausübt, wie er gedacht ist, läßt jegliche persönliche Meinung außen vor. Die hat da einfach nichts verloren. Objektiv und neutral muss es sein. Alles andere ist Haltungsjournalismus. Und das ist beileibe kein Kompliment. Ja, mit Ausnahmen: Der Leitartikel (Editorial), der Kommentar und die Glosse sind explizit meinungsorientierte Artikelformen und werden deshalb gesondert als solche gekennzeichnet. Es ist schon schlimm genug, dass heutzutage alles einfach nur noch von anderen Kollegen übernommen wird, ohne dass der Wahrheitsgehalt vor einer weiteren Veröffentlichung überprüpft wird. Da wird die Sorgfaltspflicht mit Füßen getreten. Im Bereich der Politik besonders… Mehr »

Anomymous was sonst
4 Jahre her

Was für ein miserables Editorial. Wörter wie Lügenpresse werden in diesem Editorial benutzt, um den Blogger mit seiner berechtigten Kritik negativ zu framen. Mit diesem Framingbezeichner “Lügenpresse” soll beim Leser eine Verknüpfung zu Coronaleugnern, braunen Rechten, Flacherdlern, Aluhutträgern usw. hergestellt werden und hat allein den Zweck, den Blogger zu diffamieren, anstatt in der Sache auf seine Kritik einzugehen. Und da Lügenpresse nicht reicht, wird dieses Frame wiederholt, in dem man auch noch die Kernenergie in den Blickpunkt rückt und auf den Atommüll verwiesen, der nahezu ewig bleiben soll. All das, damit man sich Erhaben über den Blogger stellen kann, ganz… Mehr »

Jörg Luther
4 Jahre her

Was für ein miserables Editorial. Der Meinung dürfen Sie gern sein. Sie hätte aber mehr Gewicht, wenn Sie auch den Mut aufbrächten, namentliich zu Ihren Vorwürfen zu stehen. Wörter wie Lügenpresse werden in diesem Editorial benutzt, um den Blogger mit seiner berechtigten Kritik negativ zu framen. Ich wüsste nicht, wie sich “Inselberichterstattung ohne professionelle Korrektive”, “schiefes Geambild”, “unseriöse Medien” und alles was Herr Heim darüber hinaus in seine Blogpost der IT-Presse in Bausch und Bogen vorwirft, sonst in einem Wort zusammenfassen ließe. Wie würden Sie das denn bezeichnen? Da kriegt man schon Brechreiz und ganz nebenbei stimmt das mit dem… Mehr »

Nach oben