Mikrofone mit USB-Anschluss waren lange eher billige Massenware. Inzwischen gibt es jedoch auch hochwertige Alternativen für Podcaster und Musiker.
Die US-amerikanische Firma Mackie [1] ist durch nur einen Sound-Mixer bekannt und berühmt geworden, den CR-1604. In den 1990er-Jahren gab es kaum einen zweiten Mixer, der für einen Preis unter 1000 D-Mark einen ähnlich makellosen Klang zu bieten hatte. Mackie verbaute dieselbe gut abgestimmte Elektronik auch in ihren größeren 8-Bus-Mixerkonsolen, und alle hatten vor allem eine Qualität gemeinsam: In den Mikrofonkanälen waren die besten Vorverstärker dieser Preisklasse eingebaut. Die VLZ-Preamps können ein enttäuschend flach und dumpf wirkendes Mikrofon brillant und dynamisch klingen lassen, und zwar ohne Rauschen oder Verzerrungen hinzuzufügen.
Da liegt es durchaus nahe, dass diese Experten für Mikrofonvorverstärker irgendwann dazu übergingen, Mikrofon und Preamps als komplettes Gerät anzubieten. Die Entwicklung von USB-Sound-Interfaces erlaubte schließlich den letzten, konsequenten Schritt: Mikrofone, die perfekt vorverstärkt mit nur einem Kabel angeschlossen ein erstklassiges Signal bieten. Zielgruppe sind Endverbraucher, die kein großes Interesse daran haben, komplexe Studio-Setups zu verkabeln und einzustellen.
Mackie bietet solche Mikrofone seit 2019 zu erschwinglichen Preisen an. Wir haben uns drei davon genauer angesehen (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die USB-Mikrofone von Mackie liefern Komplettlösungen. Zubehör wie ein Gelenkstativ für den Schreibtisch und Poppschutz kosten extra. Von links nach rechts: die Chromium-Komplettlösung, das vielseitige Carbon und auf dem Stativ das günstige EM91-CU.
Anschluss finden
Alle USB-Mikrofone von Mackie sind “class compliant”. Das bedeutet, dass sie keine eigene Treibersoftware benötigen, sondern dem Industriestandard genügen. Jedes Betriebssystem, das diesen generischen Standard umsetzt, erkennt solche Geräte. Es bindet sie dann genauso automatisch in den Nutzerkontext ein wie zum Beispiel USB-Tastaturen oder -Mäuse. Auch das Audiotreibersystem Alsa für Linux setzt diesen Standard um, und so werden alle drei Testkandidaten auch tatsächlich erkannt und konfiguriert, ohne dass irgendwelche Handarbeit nötig wäre (Abbildung 2).

Abbildung 2: Alsamixer und Qasmixer eignen sich beide dazu, die spartanischen Einstellmöglichkeiten des Carbon-Modells zu bedienen. Die Audioausgabe des Audio-Interfaces wird hier nicht benötigt und ist deshalb auf null heruntergeregelt.
Soweit der gute erste Eindruck: Das für den Test genutzte System mit Ubuntu Studio 20.04 besitzt allerdings bereits eine komplette Audiokonfiguration auf Basis eines 10-kanaligen Envy24-Chips der im Rechner verbauten MAudio-Soundkarte. Die USB-Mikros bringen eigene Soundchips mit, und in der Welt des Audioservers Jack darf es nur einen Audiochip geben, dessen tatsächliche Sample-Rate den Takt vorgeben muss.
Jack kann grundsätzlich keinen weiteren Chip einbinden, es sei denn, dieser wäre über die SPDIF-Schnittstelle der MAudio-Karte synchronisiert. Dieses Feature wurde in den 1990er-Jahren von Profis gern verwendet, heute unterstützt das aber kein Gerät mehr.
Nun bietet Ubuntu Studio eine USB-Bridge-Funktion, die das von Alsa erkannte Gerät einbinden sollte – diese Funktion versagte im Test jedoch vollständig. Zwar führt Jack die Mackie-Mikros sogar mit ihrem Namen unter den Eingängen auf, zu hören ist allerdings nichts. Von Hand lassen sich die Mikrofone jedoch in das System einbinden.
Integration in Jack
Parallel mit Jack entstanden diverse Tools, mit denen man im Terminal alles mit dem Sound-Server machen kann, was überhaupt technisch möglich ist. Die Retter heißen alsa_in und alsa_out. Dabei verwenden wir zunächst alsa_in, um das zu bekommen, wofür Mikrofone gemacht sind: ein Signal aufzunehmen und am Eingang bereitzustellen. Wer auch den Ausgang des Carbon oder Chromium nutzen möchte, verwendet alsa_out auf dieselbe Weise:
$ alsa_in -j CarbonUSB -dhw:1,0
Dieser Befehl sieht einfach aus, enthält aber eine unschöne Hürde, die den katastrophal wirren Namenskonventionen des ALSA-Systems geschuldet ist. Zunächst tragen Sie nach der Option -j einen frei wählbaren Namen ein, unter dem das Gerät in Jack erscheinen soll. Nach der Option -d gilt es, das gewünschte Device aus der Liste der von Alsa erkannten Geräte auszuwählen. Alle diese Bezeichner beginnen mit hw:. Danach folgt die Nummer, die das Gerät bei der Konfiguration bekommen hat, und nach einem Komma die Nummer einer (fast immer unbenutzten) Subschnittstelle, die im Normalfall 0 lautet.
Chaos bei den Namen
Wirklich umständlich ist es, die richtige Nummer zu finden. Die einschlägigen Einträge unter /proc/asound enthalten sie nicht in Verbindung mit dem Bezeichner, an dem man das Gerät erkennen könnte. Ein einfacher Hack schafft Abhilfe: Wer im Terminal alsamixer eingibt, bekommt die Text-Oberfläche des ALSA-Systemmixers, samt der Einstellungen des Standardgeräts. Drücken Sie [F6] für eine nummerierte Liste der verfügbaren Soundkarten und deren allgemeinverständliche Namen (Abbildung 3).
![Abbildung 3: Nach einem Druck auf [F6]+ zeigt die Liste hier das EM-91CU unter dem Namen, den das Interface Alsa mitgeteilt hat. Mit [Eingabe] lässt sich hier auch gleich die Lautstärke einstellen.](/wp-content/uploads/2021/07/b03_alsamixer-name-300x161.jpg)
Abbildung 3: Nach einem Druck auf [F6]+ zeigt die Liste hier das EM-91CU unter dem Namen, den das Interface Alsa mitgeteilt hat. Mit [Eingabe] lässt sich hier auch gleich die Lautstärke einstellen.
Die Namen der Mackie-Geräte in dieser Liste lauten so, wie sie auf der Schachtel stehen; die Nummer am Anfang ist die, die Sie nach hw: eintragen müssen. Alle drei Testkandidaten lassen sich mit dem alsa_in-Befehl tadellos in Gang bringen und mit Alsamixer und/oder Qasmixer korrekt einstellen.
Wer nun hofft, dank alsa_in aus einem Dutzend billiger USB-Soundkarten ein 24-Kanal-Interface in Gang zu bringen, wird auf Schwierigkeiten stoßen. Zwei Mikrofone am selben USB-Hub gleichzeitig erzeugen nur noch gruselige Toneffekte. Zwar kann Alsa beide konfigurieren, aber sobald man ihr Signal anfordert, behindern sie sich gegenseitig auf dem Bus und sind letztlich beide unbrauchbar.
Wer einen PC oder Laptop mit zwei sauber getrennten USB-Hubs besitzt, kann zumindest an jeden davon ein Mikro anschließen und gleichzeitig benutzen. Damit wäre auch das sicher häufige Szenario möglich, in dem eins der USB-Mikros zu einem existierenden USB-Interface hinzukommen soll.
Für einfache Benutzung in Voicechat-Software wie Discord, Chat-Anwendungen im Browser oder in Spielen lassen sich die angeschlossenen Mikros auch mit Pulseaudio verwenden, wobei freilich die zusätzlichen Bearbeitungsmöglichkeiten mit Jack-Anwendungen wie Carla [2] wegfallen.
Mikros für jeden Zweck
Alle drei Testgeräte zählen zu den Elektret-Kleinmembran-Kondensatormikrofonen. Dieser Mikrofontyp kommt seit rund 100 Jahren vor allem für menschliche Stimmen im Studio zum Einsatz, findet aber auch bei Aufnahmen akustischer Instrumente Anwendung. Beim Aufzeichnen sehr lauter Signale, etwa aufgedrehter Gitarrenverstärker, sowie bei Live-Auftritten von Rockbands kommen hingegen meist dynamische Mikrofone zum Einsatz. Sie reagieren weniger empfindlich auf große Lautstärke und sind insgesamt robuster.
Die Mackie-Modelle sind also für die Studioarbeit gebaut, sei es im Aufnahmestudio oder beim Streaming und der Videoproduktion. Genau das haben wir getestet, wobei wir mit einem MG 15 CDR von Marshall auch einen kleinen, aber ordentlich lauten E-Gitarrenverstärker auf die Mikros losließen. Immerhin empfiehlt der Hersteller die Mikros auch für Aufnahmen im Home-Recording-Bereich, und wer tolerante Nachbarn hat, nutzt dabei vielleicht auch einen kleinen Gitarren-Amp (Abbildung 4).

Abbildung 4: Das EM91-CU vor seiner Bewährungsprobe: Der kleine Marshall lässt die Gibson VLine schon auf 12 Uhr deutlich lauter erklingen als in Wohnzimmern üblich.
Sprachaufnahmen gelingen mit allen drei Kandidaten tadellos, das Chromium fängt die Stimme am schönsten ein. Es gibt keinerlei Verzerrungen, und auch in 20 Zentimetern Entfernung behält die Stimme ihren Charakter und ihre Deutlichkeit. Das Carbon steht dem kaum nach, wobei sich ein wirklich gleich guter Sound allerdings erst einstellt, wenn man nicht weiter als 10 Zentimeter Abstand zum Mikro hält und einen Poppschutz benutzt.
Das preiswerte EM91-CU kann mit den großen Brüdern nicht wirklich mithalten, liefert aber seinen etwas mittelmäßigeren Sound gleichmäßig im ganzen Bereich zwischen circa 10 und 20 Zentimeter Abstand. Da es nur eine Nierencharakteristik bietet, sollte es aber tatsächlich in Sprechrichtung angebracht sein, was einige Youtuber möglicherweise weniger bequem finden.
Drei Spezialisten
Im Detail zeigen die drei Geräte allerdings bemerkenswerte Unterschiede. Das mit einem Preis von etwa 50 Euro recht günstige EM91-CU zeigt sich in seiner mitgelieferten Spinnenaufhängung bemerkenswert robust. Keines der anderen Mikros kommt so problemlos mit dem Krach des Gitarrenverstärkers zurecht.
Regelt man das Mikro in Alsamixer auf nur noch 10 Prozent herunter, bekommt man eine sehr ordentliche Aufnahme sowohl vom recht aggressiven Clean-Kanal des Marshall als auch von seinem verzerrten Kanal. Sprache zeichnet der kleinste Testkandidat ordentlich auf, aber nicht spektakulär. Eine Aufnahme einer Akustikgitarre gelingt, klingt aber etwas verwaschen und “bedeckt”. Wer als Sänger oder Komponist LoFi toll findet, mag das vielleicht, aber vielen anderen erscheint das nicht detailreich und brillant genug.
Für etwas über 100 Euro bietet sich das Carbon als Alternative an, das ungewöhnlichste Gerät im Test. Zunächst einmal beherbergt sein metallener Zylinder nicht nur eine Elektretkapsel, sondern gleich zwei. Das und einige andere Tricks erlauben das Umschalten zwischen allen gängigen Richtcharakteristiken (Abbildung 5).

Abbildung 5: Am Carbon lassen sich mit Drehknöpfen alle gängigen Richtcharakteristiken und die Vorverstärkung des internen Onyx-Preamps einstellen. Auf der Vorderseite gibt es einen Stummschalter und einen Regler für den Kopfhörerausgang.
Die Kugelcharakteristik zeigt besonders die bemerkenswerte Empfindlichkeit des Carbon, die erheblich größeren Abstand erlaubt als die beiden anderen Mikros. Aber auch die Nieren- und Achter-Modi erlauben bei brillanter Qualität mehr Bewegungsfreiheit als beim EM91. Dadurch kommt aber auch die Raumakustik stärker ins Spiel, und seine Empfindlichkeit macht das Carbon auch als einzigen Testkandidaten anfällig für unschöne Nahbesprechungseffekte wie Plopplaute und von dumpfem Grollen begleitete Atemgeräusche. Ein Poppschutz schafft hier Abhilfe, das Carbon ist allerdings generell nicht für sehr geringe Abstände gebaut. Etwa 20 bis 30 Zentimeter stellten sich im Test als ideal heraus (Abbildung 6).

Abbildung 6: Der Poppschutz von Mackie passt gerade so über das erstaunlich leichte, aber große Gehäuse des Carbon. Auf ein richtiges Stativ montiert, gelingen damit schöne Aufnahmen von Gesang und Akustikgitarren ohne unerwünschte Spitzen.
Mit dem Marshall ist das Carbon völlig überfordert. Die Aufnahme bleibt auch verzerrt, wenn man es im Mixer buchstäblich auf null regelt und den Gain-Regler am Mikro selbst ebenfalls herunterdreht. Freilich könnte man den Abstand auf zwei Meter vergrößern, aber so werden E-Gitarren eher selten aufgenommen. Die Akustikgitarre bringt das Carbon dafür ganz superb auf die Festplatte. Wer sich mit Johnny Cash messen kann, könnte mit dem Carbon sicher eine Platte wie dessen “American Recordings” aufnehmen.
Aufnahmen in Stereo
Superb ist auch der Stereomodus des Carbon, den es im Prinzip aus zwei Kugeln bildet. Bei sehr guter Tonqualität lassen sich Signale in der Aufnahme frappierend genau im Raum orten. Wer anspruchsvolle Hörspiele oder minimalistische Ensemble-Live-Aufnahmen plant, der bekommt mit dem Carbon ein Werkzeug, das einem Profi-Setup aus zwei ausgemessenen Kugelmikros für 2000 Euro pro Stück zumindest nahe kommt.
Stereo kann auch das mit 250 Euro kostspieligste Modell, das Chromium. Es ist aber bei Weitem nicht so empfindlich wie das Carbon, und so wirken Signale aus größerer Entfernung etwas weniger definiert als beim Carbon. Dafür ist es aber auch deutlich weniger anfällig für Übersteuern und Atemgeräusche. Selbst mit nur einem Zentimeter Abstand gelingen perfekte, detailreiche und ausgewogene Sprachaufnahmen. Mit keinem anderen Mikro im Test, einschließlich des klassischen AKG Perception, lässt sich Flüstern so perfekt und problemlos aufnehmen wie mit dem Chromium (siehe Kasten “Vergleich mit einem Klassiker”).
Vergleich mit einem Klassiker
In Bauweise und empfohlenen Einsatzgebieten ähneln die drei Testkandidaten Einsteigermodellen von Kleinmembran-Kondensatormikrofonen, wie einige namhafte Hersteller sie als rein analoge Geräte seit Jahrzehnten anbieten. Der Autor verwendet seit Langem ein AKG Perception 100, das für etwa 150 Euro angeboten wurde und das man heute noch gebraucht oder als Restbestand für 50 bis 100 Euro findet. Der im Vergleich günstig erscheinende Preis relativiert sich dadurch, dass es sich beim AKG um ein reines Analoggerät handelt, das einen Vorverstärker mit Phantomspeisung (ähnlich USB-Bus-Powered) sowie eine Soundkarte benötigt, um Aufnahmen am PC zu erstellen.
Das Setup des AKG besteht aus den VLZ-Vorverstärkern in einem Mackie-402-Mixer, der seinen Ausgang an die Wandler einer MAudio-Audiophile-Soundkarte schickt. Letzteres ist im Vergleich gegenüber den USB-Testmikros ein wenig unfair, da die Soundkarte damit schon in den Profibereich fällt, während die USB-Interfaces in den Mikros eher billige Massenprodukte sind. Insgesamt schlug das AKG-Set beim Kauf mit etwa 450 Euro zu Buche. Mit einer billigeren Soundkarte oder einem günstigen USB-Interface mit Mikrofoneingang dürfte man aber auf einen Preis irgendwo zwischen Chromium und Carbon kommen.
Die Verarbeitung der Testkandidaten ist sehr gut, aber das AKG ist das, was Elektroniksnobs “wertig” nennen (Abbildung 7). Mit seinem unzerstörbaren Aluminiumdruckgussgehäuse wiegt das Perception spürbar mehr als das fast doppelt so große Carbon, was übrigens auch ein überdurchschnittlich solides Stativ voraussetzt. Ein wirklich großer Vorteil: Das Perception lässt sich mit fast beliebig langen analogen Kabeln mit XLR-Anschluss verwenden. Längere USB-Kabel kosten hingegen reichlich Geld und erweisen sich im harten Studioalltag als weniger robust und zuverlässig als herkömmliche Mikrofonkabel.
Die Aufnahmequalität des AKG zeigt eine gewisse Überlegenheit – nicht frappierend, aber spürbar. Sprachaufnahmen wirken etwas kräftiger und ausgeglichener, Equalizer und sonstige Polituren braucht es nicht. Ein optimal eingestelltes Chromium kann etwa das Gleiche leisten. Das Carbon benötigt etwas Nachhilfe, und das günstige EM91-CU wirkt hörbar weniger brilliant und natürlich. Bei der Konfrontation mit dem Marshall Amp bleibt das AKG deutlich souveräner als die Mackie-Modelle. Das kann freilich auch mit den genaueren Regelmöglichkeiten des Mackie-VLZ-Mixers zusammenhängen, der sein Signal vorverstärkt. Das EM91-CU liefert ebenso brauchbare Ergebnisse, kann aber die Dynamik eines lauten Signals nicht so gut abbilden wie das Perception. AKG gab für das Perception einen unverzerrten Maximalschalldruck von 135 dB an, sehr laute Rockkonzerte spielen sich um 100 dB ab.
Das Chromium und das Carbon nehmen die Umgebung in Stereo auf; das funktioniert mit dem Perception alleine gar nicht, und es besitzt auch nur eine fest eingestellte Nierencharakteristik. Eine Taste zum Stummstellen und Regler fehlen dem AKG ebenfalls, das etwas teurere Perception 200 würde auch nur eine Umschaltung von Niere auf Acht erlauben.

Abbildung 7: Das nur mit schwerem Gerät zerstörbare Gehäuse des Perception besteht aus 3 Millimeter dickem Aluminium. Seine Membran ist etwas größer als die der USB-Testkandidaten, obwohl es kleiner als das Carbon ist. Das XLR-Kabel führt zu einem Mackie-VLZ-402-Mixer, der als Vorverstärker und Stromversorgung fungiert.
Sehr viel größer als 20 Zentimeter sollte der Abstand besser nicht werden, wenn beispielsweise ein Hörbuch einen intimen Charakter der Stimme bekommen soll. Für Kommentare im Videostudio liefert das Chromium aber durchweg eine viel bessere Qualität als jedes gängige Headset-Mikro und auch als das EM91. Dank Stereomodus verteilen sich Stimmen in Gesprächsrunden automatisch passend zum Video in den Lautsprechern. Auch falls jemand laut werden sollte, liefert das Chromium nicht so schnell Verzerrungen wie das Carbon.
Line-In für Instrumente
Ein weiteres Argument für die Investition in das Chromium ist sein USB-Interface. Es bietet außer dem auch am Carbon vorhandenen Kopfhöreranschluss Eingänge für ein externes Stereosignal via Miniklinke sowie einen vollwertigen Instrumenteneingang für E-Gitarre oder Analogsynthesizer. Alle Kanäle lassen sich analog mit solide ausgeführten Drehknöpfen regeln, und ein fünfstufiges LED zeigt den Pegel von Ein- und Ausgang an.
Damit macht das Chromium einen Laptop zu einem brauchbaren Tonstudio für das Home-Recording von prinzipiell jedem in diesem Bereich produzierten Musikstil (Abbildung 8). Über den Instrumenteneingang lässt sich eine Gitarre an den Jack-Eingang von Carla oder Guitarix anschließen, was Metalsounds ermöglicht (siehe Kasten “Signalpolitur”). Wer zu Aufnahmen aus dem Bandprobenraum oder ähnlichen Playalongs üben möchte, spielt diese über den AUX ein und balanciert die Lautstärke bequem mit den Reglern am Chromium ein. Der Kopfhörerausgang ist allerdings sehr leise – wem die Verstärkung nicht genügt, der wird ihn wohl gern mit einem Miniklinke-auf-Cinch-Kabel an eine Stereoanlage oder dergleichen anschließen.

Abbildung 8: Auf dem Laptop ist Jack direkt mit dem Interface des Chromium gestartet. Das System läuft stabil und ohne Aussetzer bei Latenzen unter 10 Millisekunden. Auf dem Laptop arbeitet die mit dem Mikro gelieferte Musikproduktionssuite Tracktion Waveform 11.
Signalpolitur
Bei edlen High-End-Mikrofonen wird meist angestrebt, das Signal so originalgetreu wie möglich einzufangen. Wer für wenige Tausend Euro ein Brauner-Mikro und einen angemessenen Vorverstärker kauft, wird genau das benutzen wollen, was dabei herauskommt, und absolut nichts anderes. Wir reden hier aber von Komplettlösungen für weniger als 300 Euro, die zwar ebenfalls sehr schön aussehen, ihre eigentliche Mikrofontechnik im Wesentlichen jedoch mit dem 50-Euro-Modell der Serie gemeinsam haben.
Das unbearbeitete Ergebnis klingt schon sehr ordentlich, kann aber durchaus eine Politur mit digitalen Effekten vertragen. Bei Aufnahmen ist das eine simple Standardprozedur: Die Plugins lassen sich in den Kanalzug mit der Aufnahme einsetzen, und so bekommt man leicht ein deutlich verbessertes Resultat. Was aber, wenn man als Streamer oder im Voicechat nicht aufnehmen, sondern live sprechen möchte?
Hier kommt unter Linux der tief im Server Jack verankerte Plugin-Host Carla von Filipe Coelho ins Spiel. Wie schon in den Tipps zum Anschluss der Mikrofone an Waveform erwähnt, kann Carla den von alsa_in erzeugten Signalausgang der Mikros beliebig mit in Jack verfügbaren Eingängen verdrahten. Bei dieser Gelegenheit lässt sich auch der ganze in Linux verfügbare Fundus von Effekt-Plugins in Echtzeit auf das Signal anwenden, bevor man es an Discord oder den Webbrowser weiterleitet (Abbildung 9).

Abbildung 9: Mit Carla und Ardour lässt sich das Signal der Mikros nicht nur mit EQ und Kompressoren bearbeiten (rechts), sondern auch mit hübsch animierten Mess-Plugins wie dem links zu sehenden Calf Analyzer unter die Lupe nehmen.
Das gut ausgestattete und solide verarbeitete Interface im Fuß des Stativs bringt eine geringere Flexibilität mit sich: Da das Chromium seine Elektronik nicht vollständig im Gehäuse des Mikros selbst verbaut, lässt es sich nicht vom Standfuß abmontieren, um es auf ein anderes Stativ zu setzen. Auch das Carbon kommt mit einem Tischstativ, aus dem es sich aber leicht herausnehmen lässt, um zum Beispiel auf dem ebenfalls von Mackie angebotenen Tischgelenkstativ DB100 montiert zu werden. Es passt aber auch auf jedes andere Standardgewinde, sogar auf ein antikes Stativ aus DDR-Produktion.
Mit dem Chromium geht das nicht. Besonders für Gesangsaufnahmen sollte es aber in Kopfhöhe vor der singenden Person stehen. Ein geeignetes Podest mag seltsam aussehen, löst dieses Problem aber. Für eine Klebeband-Stativ-Lösung dürfte das solide gebaute Chromium zu schwer und sperrig sein.
Achtung, Aufnahme!
Allen drei Mikrofonen liegen Download-Codes für ProTools First sowie Tracktion Waveform 11 sowie DAW Essentials bei. Die ProTools kommen oft bei professionellen High-End-Musikproduktionen zum Einsatz, allerdings in der kostenpflichtigen Vollversion, die auch nur auf dafür zertifizierter Hardware funktioniert und nur ein eigenes proprietäres Plugin-Format unterstützt. Letzteres hat die auch sonst kostenlos erhältliche Version PTFirst mit dem großen Bruder gemeinsam, ansonsten ist sie sehr eingeschränkt. Allerdings läuft sie ohnehin nur auf MacOS X und Windows.
Sehr viel interessanter ist das auch offiziell unter Linux unterstützte Waveform mit der Plugin-Sammlung DAW Essentials. Wir haben die aktuelle Version 11 von Waveform in LU 02/2021 vorgestellt [3]. Der Waveform-Anbieter Tracktion gehört seit einigen Jahren zu Mackie, die Software kommt also aus demselben Haus wie die Mikrofone. Die Installation erfolgt über einen Download-Manager, der sich nach Registrierung eines Accounts auf der Seite der Entwickler herunterladen lässt [4]. Das Programm wird als DEB-Paket systemweit installiert und lädt dann die eigentliche Anwendung für den einzelnen Nutzer herunter (Abbildung 10).

Abbildung 10: Der Download-Manager von Tracktion installiert Waveform 11, die DAW Essentials Plugins sowie deren Updates. Optional offeriert Tracktion auch sehr reichhaltige Sample-Sammlungen und einige interessante virtuelle Synthesizer.
Bei Waveform 11 handelt es sich um eine vollwertige Musikproduktionssuite mit vielen interessanten Funktionen, von denen besonders das Timestretching in Linux seinesgleichen sucht. Verwendet man die USB-Mikros als zusätzliche Eingänge zum Erweitern eines bestehenden Jack-Interfaces, gibt es eine kleine Schwierigkeit: Waveform erkennt automatisch nur echte Jack-Hardwareanschlüsse; nutzt man alsa_in wie oben beschrieben, präsentiert sich das Mikro jedoch als Software-Port. Das Problemchen lässt sich dann leicht lösen, indem man diesen Port in Carla mit dem dort sichtbaren Eingang von Waveform verbindet (Abbildung 11).

Abbildung 11: Das Carbon hat ein Stereo-USB-Interface, auf Kanal 1 liefert es das Signal für Mono-Signale im Nieren-, Acht- und Kugelbetrieb.
Waveform reagiert zuweilen etwas unberechenbar, wenn man beim Anschluss des Mikros via alsa_in den bereits automatisch verbundenen Standardeingang entfernt. Unerwünschte Signale sollte der Standardeingang ohnehin nicht absondern. Im Zweifelsfall lässt sich dieser in Alsamixer stummschalten, während man eins der Mikrofone am Eingang von Waveform benutzt.
Videonachvertonung beherrscht Waveform durch Sychronisierung mit dem Jadeoplayer. Auf dieselbe Methode setzt auch Ardour [5], das jedoch zusätzlich eine Videospur mit Vorschaubildchen bietet (Abbildung 12). Den Soundtrack muss man anschließend noch mit einer Videosoftware wie Kdenlive in einen fertigen Film rendern. Ardour gibt es als freie Software in den Paketquellen der gängigen Distributionen, es lässt sich aber von der Projektseite gegen eine Spende als offiziell unterstütztes Paket herunterladen.

Abbildung 12: Videosoundtracks lassen sich mit Ardour auch in Surround-Sound mixen und mastern. Die fertige Tonspur muss dann noch mit einem Videoeditor wie Kdenlive in das Video gerendert werden.
Fazit
Die drei Mackie-Mikrofone zeigen sich praxistauglich und liefern für einen günstigen Preis einen erheblich besseren Sound als jedes in einem Laptop verbaute Mikrofon. Das kleine, aber solide EM91-CU muss mit seinem Kampfpreis von etwa 50 Euro keine Konkurrenz fürchten. Carbon und Chromium eignen sich durchaus für anspruchsvolle Hörspiel- und Musikproduktionen und bieten für ihren relativ günstigen Preis bemerkenswerte Zusatzleistungen. (cla)
Der Autor
Hartmut Noack arbeitet in Celle und Hannover als Dozent, Autor und Musiker. Auf seinem Webserver unter http://lapoc.de finden Sie einige CC-lizenzierte klingende Ergebnisse seiner Arbeit mit freier Musiksoftware.
Glossar
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Poppschutz
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Das “Popp” steht für sogenannte Explosionslaute, wie sie beim Konsonant P und manchmal auch beim T und K auftreten. Empfindliche Mikrofone können damit nicht gut umgehen. Ein Poppschutz bremst die ausgestoßene Luft durch ein feines Gewebe, das den eigentlichen Schall durchlässt. Zeitgemäß könnte man beim Sprechen oder Singen auch eine FFP2-Maske aufsetzen.
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Richtcharakteristiken
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Für den bevorzugten Aufnahmebereich von Mikrofonen haben sich beschreibende Begriffe eingebürgert. So bedeutet Nierencharakteristik, dass ein Bereich direkt vor dem Mikro und leicht seitlich davon ideal für die Schallquelle ist. Acht und Superacht bedeutet direkt davor und direkt dahinter, die Kugel schließlich versucht die ganze Umgebung gleichmäßig einzufangen.
Infos
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Mackie-Element-Mikrofone: https://mackie.com/products/element-series-usb-microphones
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Waveform 11: Hartmut Noack, “Sinnvoller Ausbau”, LU 02/2021, S. 62, https://www.linux-community.de/45629
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Tracktion Waveform und DAW Essentials: https://www.tracktion.com
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Ardour: https://ardour.org





