Beim Umgang der Behörden mit der Pandemie klaffen aufgrund mangelnder digitaler Kompetenzen in der Verwaltung der Anspruch an den Bürger und die Leistung staatlicher Organe weit auseinander, ärgert sich Chefredakteur Jörg Luther.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
seit dem 1. Mai zähle ich zu den rund 3 Millionen Corona-Genesenen in Deutschland. Einer meiner Söhne hatte das Virus Mitte April in die Familie eingeschleppt. Die Folgen hielten sich erfreulicherweise in Grenzen: Der Junior hatte zwei Tage lang, was ich sonst als eine handfeste Grippe bezeichnet hätte; meine Frau blieb ansteckungsfrei; ich selbst wurde zwar Corona-positiv getestet, blieb aber völlig ohne Symptome. Das Ganze beschränkte sich daher auf vierzehn Tage “verschärftes Homeoffice”, sprich: Quarantäne – unangenehm genug. Danach waren alle Familienmitglieder noch oder wieder Corona-frei.
Zu den spannendsten Aspekten der Angelegenheit zählte für mich der behördliche Umgang mit der Infektion, der sich quasi als ein Lehrstück in Sachen Digitalisierung entpuppte. Beide Corona-Tests, sowohl den eingangs nach dem Infektionsverdacht als auch den abschließenden nach vierzehn Tagen Isolation, absolvierte ich in einem Screening-Zentrum, das der Malteser Hilfsdienst im Auftrag meines heimatlichen Landkreises betreibt.
Der anfängliche PCR-Test lief auf der privatwirtschaftlichen Schiene – und voll digitalisiert. Am Screening-Zentrum angekommen, galt es, von dort aushängenden Plakaten einen QR-Code einzuscannen, der auf eine Webseite zur Eingabe persönlicher Daten führte. Nach deren Bestätigung kam eine Test-ID aufs Handy zurück, nach deren Vorzeigen man einen Testkit ausgehändigt bekam. Damit begab man sich zu einem Tester zum Abstrich. Das Ganze dauerte weniger als zehn Minuten. 24 Stunden später schlug das aus einem privaten Labor stammende Ergebnis per E-Mail als verschlüsseltes PDF auf, mit einer zweiten Mail kam das zugehörige Passwort zum Entschlüsseln. Offensichtlich ging das Resultat parallel auch digital an das zuständige Gesundheitsamt, denn von dem traf praktisch zeitgleich die Quarantäneanordnung ein.
Sie fand sich ebenfalls im meinem Mail-Account, allerdings nicht gleich: Da die Nachricht von einem Absender mit dem eingängigen Namen SG_51-1_CTT stammte, keinerlei persönliche Anrede enthielt, ein unverschlüsseltes PDF anhing und eine digitale Signatur fehlte, sortierte mein Mail-Client die Nachricht folgerichtig erst einmal als Spam ein. Auch beim manuellen Durchsehen des Accounts sah sie wie Dutzende andere Corona-Phishing-Mails aus, die am selben Tag aufgeschlagen waren. Damit war dann aber auch schon die Spitze der behördlichen Digitalkompetenz erreicht, denn das “Freitesten” am Ende der Quarantänezeit setzte dem noch die Krone auf.
Dazu galt es beim erneuten Besuch des Testzentrums ein papierenes Formular des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege für einen Corona-Schnelltest auszufüllen. Das bekam man auf einem schmierig anzufassenden Klemmbrett samt ebenso schmierigen Kugelschreiber überreicht. Klemmbrett wie Stift hatten vor mir offensichtlich schon Dutzende Testkandidaten in der Hand gehabt; mein Formular trug die handschriftliche Nummer 46 als “ID”. Nach etwa 45 Minuten Anstehen in einer Reihe von Probanden und weiteren 25 Minuten Warten auf das Ergebnis bekam ich dann das Formular wieder zurück – handgestempelt und handschriftlich ergänzt. Zur Übermittlung ans Gesundheitsamt musste ich es mit dem Handy abfotografieren und der Behörde mailen; die Quarantäneaufhebung erfolgte daraufhin fernmündlich, nicht etwa per E-Mail.
Fazit: Fürs Telefonieren reicht es in deutschen Behörden gerade noch, für das Schreiben von E-Mails, die den Sicherheitsempfehlungen des BSI folgen, schon nicht mehr. Pandemierelevante Vorgänge soweit wie möglich kontaktfrei und digital abzuwickeln, das liegt dann offensichtlich bereits völlig außerhalb der Kompetenzen deutscher Bürokratie und bleibt der Privatwirtschaft vorbehalten. Immerhin: Angesichts der ständig von Durchhaltevermögen, Disziplin und Kontaktvermeidung herumschwurbelnden, politisch für diese Farce Verantwortlichen erleichtert mir die Episode zumindest die Entscheidung, wohin ich bei den Wahlen im Herbst meine zwei Kreuze ganz sicher nicht machen werde.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur



