Es ist allerhöchste Zeit, dem desolaten Zustand der digitalen Bildung in Deutschland endlich mit wirksamen Maßnahmen entgegenzutreten. Dabei darf man sich auch nicht scheuen, Tabus zu brechen, findet Chefredakteur Jörg Luther.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
wie schon der erste Lockdown, so wirft auch der zweite wieder ein Schlaglicht auf eines der gravierendsten Defizite der deutschen Politik: die digitale Bildung. Bei der IT-Ausstattung lagen deutsche Schulen schon vor der Pandemie weit unter dem EU-Durchschnitt: Im Schuljahr 2017/18 besuchten laut aktuellem EU-Bildungsbericht [1] nur neun Prozent der Kinder in Deutschland eine “gut digital ausgestattete und vernetzte Schule”, satte 26 Prozentpunkte weniger als im europäischen Mittel. Jedem dritten Schüler in Deutschland mangele es an einfachsten IT-Kenntnissen, kritisiert das Papier.
Die Pandemie hat die Situation nicht verbessert. Nur ein Drittel der deutschen Schulen war laut dem Bericht digital gut auf den Corona-Lockdown vorbereitet. Nur 35 Prozent der Lehrer standen während dieser Zeit regelmäßig mit allen ihren Schülern in Kontakt, etwa 10 Prozent hatte dagegen sehr wenig oder gar keinen Kontakt. Zum Vergleich: Im OECD-Schnitt können mehr als 54 Prozent der Schüler digitale Lernplattformen nutzen, Deutschland liegt hier in der Schlussgruppe. In Singapur oder Dänemark hatten schon 2018 neun von zehn Schüler Zugang zu Lernplattformen [2].
In den acht Monaten seit dem ersten Lockdown ist in Deutschland in Sachen digitaler Bildung unglaublicherweise so gut wie nichts passiert. Der Mangel an Endgeräten für Schüler bleibt eines der großen Probleme: Gerade einmal 14 Prozent der Schüler könnten heute von ihrer Schule ein Endgerät erhalten, würde der Unterricht wieder nach Hause verlegt [3]. Hinzu kommen mangelhafte qualifizierte Lehrkräfte: 63 Prozent der Lehrer fehlt das Know-how für digitales Lernen und Videokonferenzen. Zudem mangelt es den Schulen an den nötigen Breitbandzugängen. Die Telekom versorgte laut eigenen Angaben Anfang Oktober erst 750 Schulen mit Glasfaser, weitere 1800 haben zumindest einen Glasfaseranschluss bei der Telekom bestellt. Allerdings sind weitere 1500 Schulen bereits für FTTH erschlossen, nutzen den Anschluss jedoch schlicht nicht [4].
Wie kann das sein, obwohl der Bund bereits vor Corona 3,5 Milliarden Euro für die Schuldigitalisierung bereitstellte und wegen der Pandemie [5] kurzfristig weitere 1,5 Milliarden für Sofortmaßnahmen nachgeschoben hat? Ganz einfach: Die Länder, die ja die Kultushoheit beanspruchen, rufen die Hilfen nicht ab – lediglich ein niedriger einstelliger Prozentanteil wurde bis jetzt beantragt. Dieselben Ministerpräsidenten, die jeden Tag im Fernsehen großspurig die Maßnahmenkompetenz bei der Pandemieeindämmung beanspruchen, kümmern sich offensichtlich einen feuchten Kehricht um Schulen, Lehrer und Schüler. Wo sie etwas tun, passiert das Falsche: Da greift man zu Microsoft 365 statt zu Open-Source-Software auf europäischen Servern, obwohl Lehrer und Eltern sich dagegen wehren [6] und Datenschützer dringend davor warnen [7].
Föderalismus darf kein Deckmantel für Unfähigkeit sein, zumal, wenn das Kompetenzgerangel auf dem Rücken von Kindern ausgetragen wird. Es ist höchste Zeit für eine Grundgesetzänderung, die dem Bund die Verantwortung für die Schulen überträgt, damit ein für ganz Deutschland einheitliches Gesetz allen Schülern eine für die Zukunft tragfähige, digitale und auch im internationalen Vergleich konkurrenzfähige Bildung ermöglicht – von Ruhpolding bis Rendsburg, von Görlitz bis Gelsenkirchen. Versäumen wir das, werfen wir die Zukunft weg – die unserer Kinder und damit auch die unseres Lands.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
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EU-Bildungsbericht: https://ec.europa.eu/germany/news/20201112-eu-bildungsbericht_de
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“Note null”: https://www.golem.de/news/eu-bildungsbericht-eher-note-null-statt-eins-2011-152116.html
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Umfrage IT-Ausstattung: https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/unions-papier-lehrerfortbildung-ist-die-achillesferse-milliarden-aus-digitalpakt-fliessen-zu-langsam-ab/26653138.html
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FTTH an Schulen: https://www.golem.de/news/ftth-1-500-schulen-nutzen-glasfaser-der-telekom-nicht-2010-151358.html
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Digitalpakt Schule, Corona-Hilfe III: https://www.digitalpaktschule.de/de/corona-hilfe-iii-hilfe-zur-administration-1768.html
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“Open Source statt Microsoft an Schulen”: https://www.golem.de/news/baden-wuerttemberg-open-source-statt-microsoft-an-schulen-2010-151226.html
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“Grobe Verletzungen datenschutzrechtlicher Vorschriften”: https://netzpolitik.org/2020/office-365-in-der-schule-grobe-verletzungen-datenschutzrechtlicher-vorschriften/




Das ist Absicht, haben Sie das noch nicht verstanden? Das Land wird mit Menschen geflutet und deindustrialisiert. Wie es sich künftig ernähren will?, ja da gibt es eine einfache und naheliegende Erklärung….
Ja, die Länder versagen. Jedenfalls in Bayern, das wage ich aus persönlicher Erfahrung zu beurteilen. Oder zumindest zu beklagen.
Aber warum um Himmels Willen glauben Sie, dass der Bund das besser könnte? Was genau sollte durch noch mehr Zentralismus gelöst werden? Dass die zur Verfügung stehenden Gelder für Modernisierungen nicht abgerufen werden? Ich bin überzeugt, dass das Versagen durch diese Zuständigkeitsverlagerung noch größer würde. Das Problem ist doch nicht, dass es keine bundeseinheitlichen Vorgaben gibt!
Scherzfrage: Haben Sie schon einmal über eine EU-Zuständigkeit nachgedacht?