Editorial 12/2020

Aus LinuxUser 12/2020

Editorial 12/2020

Danke, Microsoft!

Mit seiner geradezu genialen Werbeaktion für Youtube-dl beweist der als Open-Source-Muffel verkannte Software-Konzern aus Redmond eindrucksvoll, dass er freie Software tatsächlich liebt, freut sich Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Videostreaming-Plattformen, allen anderen voran – aber nicht nur – Youtube, genießen gerade in Zeiten des Corona-Lockdowns gesteigerte Popularität. Wenn schon aus dem Kneipengang oder dem Treff mit Freunden nichts wird, kann man sich wenigstens in der heimischen Isolation ein paar interessante, lehrreiche oder auch einfach nur lustige Videos zu Gemüt führen. Da liegt auch der Bedarf nahe, den ein oder anderen Clip auch auf die Festplatte zu ziehen, um ihn sich später in aller Ruhe offline anzusehen. Zu diesem Zweck gibt es eine ganze Reihe von Werkzeugen, die auf Wunsch die Streaming-Daten lokal ablegen.

Eines davon, das quelloffene Youtube-dl, genießt seit Ende Oktober besondere Popularität. Die hat das unkompliziert bedienbare freie Werkzeug eigentlich schon dank seiner Vielseitigkeit redlich verdient, archiviert es doch nicht nur Videoclips, sondern bei Bedarf auch nur deren Audiospuren, und nicht nur von Youtube, sondern auch von zahlreichen anderen Videoplattformen [1].

Das ist aber mitnichten der Grund für seine plötzliche Beliebtheit. Die liegt vielmehr daran, dass Microsoft neuerdings Werbung für das Tool macht – sozusagen. Dabei bedient man sich in Redmond einer geradezu genialen Methode, die man dem behäbigen Branchenriesen so gar nicht zugetraut hätte. Ganz neu ist sie freilich nicht: Fans der 70er-Jahre-Kultserie “Münchner Geschichten” kennen sie als die von deren Protagonisten Tscharlie ersonnene “Negativwerbung”, auf neuhochdeutsch umschreibt man die Technik als “Streisand-Effekt” [2].

Dazu bediente sich Microsoft der berühmt-berüchtigten RIAA, der Recording Industry Association of America, eines abmahnwütigen Interessenverbands der US-Musikindustrie. Dort ist auch Microsoft Mitglied – warum auch immer, ich zumindest kenne keine Chart-Hits aus Redmond. Egal: Besagte RIAA schickte nun eine DMCA-Takedown-Aufforderung [3] an Github, wo Youtube-dl seinen Quellcode hostet: Das Projekt verletze das US-Urheberrecht, weil sein Quellcode es erlaube, technische Schutzmaßnahmen zu umgehen und Raubkopien geschützter Werke zu erstellen [4]. Github sperrte den Zugriff auf die Software daraufhin, beim Aufruf der Projektseite erschien nur mehr ein DMCA-Hinweis. Und weil’s so schön ist, erledigte Github das gleich auch noch für gut ein Dutzend dort ebenfalls gehostete Youtube-dl-Forks.

Wahnsinn! Microsoft (RIAA) schickt Microsoft (dem Github ja gehört) einen Cease-and-desist-Letter, der ganze Codebäume umsägt, und als wäre das nicht schon hirntot genug, auch noch mit einer absolut grenzdebilen Begründung: Mit dem Quellcode kann man weder ein Copyright verletzen noch Raubkopien verbreiteten, man kann ihn höchstens kompilieren. Dementsprechend breit fiel dann auch das Rauschen im digitalen Blätterwald aus: Praktisch jede IT-relevante Webseite der Welt führte prompt Youtube-dl in ihren Schlagzeilen, was das bis dahin nur bedingt bekannte Projekt über Nacht quasi zu einer der Ikonen der Open-Source-Bewegung adelte: 80 000 Google-Suchtreffer allein für “youtube-dl dmca”!

Sogar der Quellcode war und ist weiter nicht nur über die Webseite [5] des Youtube-dl-Projekts verfügbar (mittlerweile sogar in neuer Version), sondern nach wie vor auch auf Github: Ein neckischer Schlaubie nutzte einen bekannten Bug der Versionsverwaltung, um die Sourcen neben das Abmahnschreiben ins DMCA-Repo von Github zu schmuggeln [6], wo sie sich auch nicht mehr löschen lassen. High five, bro!

Ich würde ja gern einmal den genialen Marketing-Strategen bei Microsoft kennenlernen, der im stillen Kämmerlein diese unglaublich linksdrehende Guerilla-Werbekampagne für ein bis dato kraftlos vor sich hin dümpelndes Open-Source-Projekt entwickelt hat. Gäbe es einen Nobelpreis für Marketing, würde ich ihn oder sie vom Stand weg als Kandidaten dafür einreichen. Da soll mir noch einer erzählen, in Redmond hätte man Open Source nicht lieb – danke, Microsoft!

Augenzwinkernde Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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