Editorial 10/2020

Aus LinuxUser 10/2020

Editorial 10/2020

True Love?

Microsofts Vertreterin im Vorstand der Linux Foundation hat offensichtlich nicht die geringste Ahnung von Linux. Das ist nur eines von mehreren Indizien dafür, dass “Microsoft loves Linux” Teil der klassischen Strategie Embrace-Extend-Extinguish ist, warnt Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Microsoft liebt Linux – sagt Microsoft. Zumindest äußerte das CEO Satya Nadella vor gut einem halben Jahrzehnt, und Windows hat mittlerweile ein Subsystem für Linux (WSL), mit dem sich eine Linux-Umgebung direkt unter Windows betreiben lässt. Ach ja, nicht zu vergessen: Microsoft hat Github für satte 7,5 Milliarden US-Dollar übernommen, und für seine Azure-Cloud offeriert der Software-Gigant seit relativ kurzer Zeit mit Azure Sphere OS ein Linux-basiertes Betriebssystem.

Ansonsten sucht man bei Microsoft aber eher vergeblich nach Beweisen der Zuneigung für Linux. Begibt man sich etwa auf die deutsche Webseite des Unternehmens, kommt dort das vorgeblich geliebte Subjekt mit keiner Silbe vor. Über die Suche [1] findet man dann lediglich magere sieben “Apps” für WSL, als “verwandte Suchanfrage” gibt es Linux löschen obendrauf. Sieht so wahre Liebe aus?

Immerhin ist Microsoft ja seit einigen Jahren Platin-Mitglied der Linux Foundation, also des gemeinnützigen Gremiums, das an der Förderung und Standardisierung von Linux arbeitet. Daneben finanziert es wichtige Kernel-Entwickler wie Linus Torvalds und Greg Kroah-Hartman. Der britische Branchendienst “The Register” hat diesbezüglich jüngst Sarah Novotny interviewt [2], Microsofts Abgesandte im Vorstand der Foundation.

Die erging sich dabei weitgehend in Allgemeinplätzen und vermied jede konkrete Aussage, bis auf einen Punkt: Auf Linus Torvalds’ Klage hin angesprochen, es sei recht schwer, neue Kernel-Maintainer zu finden [3], machte sie ein überraschendes Hindernis für die Zukunft von Linux aus: die Entwicklung via Mailing-Liste (LKML [4]). Der text- und E-Mail-basierte Ablauf beim Einreichen von Patches sei eine zu hohe Hürde für Neueinsteiger. Als Beispiel führte sie ihren Lebensgefährten an, der einen Patch für OpenBSD weder per Outlook noch per Gmail eingereicht bekam.

Die Antwort lässt tief blicken. Es fehlt Linux keineswegs an Kontributoren, die Patches einreichen, sondern an Maintainern – also Profis, die den eingereichten Code beurteilen und in den weiteren Workflow einreihen. Es spricht Bände, dass die Vertreterin von Microsoft bei der Linux Foundation nicht nur diesen essenziellen Unterschied nicht kennt, sondern noch nicht einmal OpenBSD von Linux unterscheiden kann. Dem Fass den Boden ins Gesicht schlägt die Tatsache, dass sie ersthaft die Verwendung von HTML-E-Mails fordert, die als ernsthaftes Sicherheitsrisiko gelten – IT-Grundlagenwissen [5].

Dass Microsoft sich im Linux-Dachgremium durch jemanden vertreten lässt, dem es selbst an rudimentärsten Kenntnissen des freien Betriebssystems gebricht, spricht nicht gerade für große Liebe, sondern zumindest für mangelnden Respekt – wenn nicht für Schlimmeres: Es legt den dringenden Verdacht nahe, dass es sich bei der vorgeblichen Linux-Liebe um einen Teil eines klassischen Embrace-Extend-Extinguish-Manövers [6] handelt.

Embrace (“Microsoft loves Linux”) und Extend (Github, WSL, Azure OS) haben schon stattgefunden. Die Linux Foundation sollte tunlichst darauf achten, dass nicht im nächsten Schritt ein trojanisches Pferd wie Novotny im Zug einer vorgeblichen “Modernisierung” den bewährten Kernel-Entwicklungsprozess irreparabel beschädigt.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

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