Klimaschutz beginnt an der Tastatur des eigenen Computers, rechnet Chefredakteur Jörg Luther vor.
Geht es um Klimaschutz und Treibhausgase, denkt man zuerst an Straßen- und Luftverkehr, Industrie oder Kohlekraftwerke. Nur selten kommen dabei IT und Telekommunikation aufs Tapet – doch die haben in der Angelegenheit keineswegs eine weiße Weste. Und dabei muss sich jeder von uns an die eigene Nase fassen.
Schon das Verschicken einer kurzen E-Mail produziert 4 Gramm CO2, fünf Dutzend Mails entsprechen demnach der Emission bei einer Fahrt über 1 Kilometer in einem Mittelklassewagen [1]. Umfangreiche TOFU-Mails oder solche mit großen Anhängen blasen bis zu 50 Gramm Kohlenstoffdioxid in die Umwelt, sodass fünfzig davon ebenso viel Treibhausgase erzeugen wie das Verbrennen von 1,2 Kilogramm Kohle. Jede empfangene Spam-Mail schlägt mit 0,3 Gramm CO2 zu Buche, selbst wenn man sie nicht öffnet. Experten schätzen, dass der jährliche globale Ausstoß von Treibhausgasen allein durch Spam demjenigen entspricht, den im selben Zeitraum 3,1 Millionen Pkw durch Verbrennen von 7,6 Milliarden Liter Benzin verursachen.
Eine Google-Suchanfrage hat auf einem energieeffizienten, modernen Laptop einen Footprint von 0,2 Gramm CO2, auf einem alten Desktop-Rechner dagegen von 4,5 Gramm. Das hört sich erst einmal relativ harmlos an, doch bei geschätzten 40 000 Suchanfragen weltweit pro Sekunde läppert es sich: Rufen Sie doch mal kurz http://www.janavirgin.com/CO2/ auf – die Seite zählt die CO2-Emissionen von Google seit dem Seitenaufruf hoch. Während des Tippens dieses Editorials etwa kamen da satte 3079 Tonnen zusammen.
Der Haupttreiber für den Strombedarf und damit den Schadstoffausstoß aber sind Streaming-Dienste wie Youtube, Netflix und Amazon Prime Video. Schon heute macht Video-Streaming mehr als die Hälfte des Datenvolumens im Internet aus, bei einem geschätzten globalen Energiebedarf von 200 Milliarden Kilowattstunden. Eine ähnliche Strommenge erzeugen heute alle deutschen Ökostromanlagen aus Wind, Solar, Wasserkraft und Biomasse zusammen [2]. Experten schätzen, dass Internet-Surfen längst ebenso viele Treibhausgase verursacht wie der gesamte weltweite Flugverkehr – und die digitale Sparte wächst wesentlich schneller. Sie ist mittlerweile für 4 Prozent der globalen CO2-Emissionen verantwortlich, ihr Energieverbrauch wächst um 9 Prozent jährlich.
Schuld ist die Cloud. Firmen wie Privatanwender verlagern immer mehr ihrer IT-Aktivitäten auf Online-Dienste – und damit in Rechenzentren (RZ). Dort liegt die die durchschnittliche Leistungsdichte seit Jahren bei etwa 5 kW pro Rack, was sich bis 2025 jedoch verzehnfachen könnte [3]. Eine CPU produziert heute bereits mehr Wärme pro Fläche als eine handelsübliche Herdplatte. Entsprechend fallen rund 40 Prozent des Energieverbrauchs in RZs allein für Kühlung an, sprich: werden in die Luft geblasen. Bislang nutzen nur 19 Prozent der deutschen Rechenzentren wenigstens einen Teil ihrer Abwärme, vor allem für Heizung und Warmwasser in den eigenen Gebäuden.
Falls Ihnen am Klimaschutz liegt, können Sie also durchaus sofort etwas dafür tun, indem Sie Ihren Footprint in der Cloud reduzieren. Speichern Sie Ihre Fotos und Videos lieber lokal, das ist wesentlich umweltschonender. Reduzieren Sie Ihren Streaming-Konsum und schauen Sie lieber mal einen Film von DVD. Googeln Sie nicht jede banale Kleinigkeit. Reduzieren Sie die Mail-Flut, indem Sie sich kurz fassen, nicht alles gleich an CC:Team senden, Spam direkt löschen und ältere Mails und Newsletter nach einer Ablauffrist automatisch entsorgen. Täten das alle vier Milliarden Internet-Nutzer weltweit, hätte das weitaus mehr Einfluss auf den Klimaschutz als die hilflosen Versuche seitens der Politik auf den letzten Klimaschutzkonferenzen.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
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“What’s the carbon footprint of an email?”: https://phys.org/news/2015-11-carbon-footprint-email.html
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E.on – Stromverbrauch im Internet: https://www.eon.de/de/eonerleben/warum-der-stromverbrauch-im-internet-die-umwelt-genauso-belastet-wie-der-weltweite-flugverkehr.html
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“Die CPU als Durchlauferhitzer”: https://www.mittelstandswiki.de/wissen/Gastbeitrag:Wasserk%C3%BChlung_im_Rechenzentrum




Wow! Dieses Thema an diesem Ort – das hätte ich nicht erwartet. Chapeau! Weitere Tipps: Aktualisierungsintervalle verlängern. Bei einem Wetter-Applet z.B. braucht man keine Aktualisierung alle 5 min; 30 min reichen völlig. – Updates (System; Anwendungen) 1 x / h abfragen lassen ist ebenfalls nicht nötig. Alle 4 h ist früh genug, vor allem dann, wenn man sowieso einen ganzen Arbeitstag am PC verbringt. Heutige Monitore brauchen keinen Bildschirmschoner mehr, trotzdem aktivieren, auf 5 min. In der Energieverwaltung “Bildschirm abschalten” auf 10 min stellen. Wenn man weiß, dass man die nächste 1/2 oder ganze Std. sowieso nicht am Schreibtsich sein… Mehr »