OpenSuse-Tipps: “Tumbleweed” und “Leap”

Aus LinuxUser 02/2019

OpenSuse-Tipps: “Tumbleweed” und “Leap”

© Art Seifert, 123RF

Zweigleisig

“Evergreen” heißen bei OpenSuse alte, besonders lang gepflegte Ausgaben. Eigentlich passt dieser Name besser zur Rolling-Release-Variante “Tumbleweed”, denn dank laufender Upgrades bleibt sie allzeit frisch.

Die OpenSuse-Homepage [1] bietet gleichberechtigt zwei Fassungen der Distribution zum Herunterladen an: das konservativ in jährlichen Releases aufgefrischte “Leap” [2] und “Tumbleweed” [3], das die Upgrades täglich in kleinen Dosen verteilt. Diese Ausgabe der OpenSuse-Tipps diskutiert Vor- und Nachteile, erläutert technische Hintergründe und gibt Ratschläge zum Umgang mit dem Rolling-Release-Modell von “Tumbleweed”.

Traditionell warten Linux-Nutzer auf neue Major-Versionen von Programmen bis zum Erscheinen der nächsten Ausgabe einer Distribution: Anwendungen und Hilfsprogramme (Bibliotheken) greifen unter Linux eng ineinander. Das einfachste und robusteste Vorgehen ist es daher, die kontinuierliche Entwicklung aller Komponenten in einem gemeinsamen Schnappschuss einzufrieren, um das Zusammenspiel zu testen.

Diesen eingefrorenen Zustand spielen die Anwender schließlich als Distributionsaktualisierung ein oder installieren die neue Version als frisches System. Nur so kommen Sie in den Genuss aufgefrischter Software-Versionen. Zwischen diesen Releases veröffentlichte Updates schließen oft nur Sicherheitslücken oder beheben Fehler, liefern aber selten neue Funktionen.

Alles im Fluss

Ganz anders sieht die Upgrade-Politik bei den in letzter Zeit populär gewordenen Distributionen mit Rolling Release aus: Hier beschränken sich die Aktualisierungen nicht auf zeitkritische Sicherheitsflicken, sondern liefern laufend neue Software-Versionen. Langwierige Upgrades des kompletten Systems erübrigen sich damit. Seit 2014 gibt es von OpenSuse die Spielart “Tumbleweed”, die diesem Prinzip folgt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Die OpenSuse-Homepage präsentiert die traditionell etwa jährlich herausgegebene Variante "Leap" und die progressive Rolling-Release-Ausgabe "Tumbleweed" optisch bewusst auf gleicher Höhe.

Abbildung 1: Die OpenSuse-Homepage präsentiert die traditionell etwa jährlich herausgegebene Variante “Leap” und die progressive Rolling-Release-Ausgabe “Tumbleweed” optisch bewusst auf gleicher Höhe.

Auf den ersten Blick scheint es, als könnten sich Anwender nichts mehr wünschen als laufende Upgrades der bevorzugten Programme – am besten möglichst bald nachdem deren Entwickler eine neue Version freigegeben haben. Der Wegfall der zeitraubenden Komplettaktualisierungen wirkt ebenfalls wie ein großer Vorteil.

Doch wie so oft stehen diesen Vorzügen in der Praxis einige handfeste Nachteile gegenüber. Die beginnen damit, dass es in einer solchen Distribution mitunter passiert, dass ein gewohntes Programm nach einem Upgrade plötzlich ganz anders aussieht als vorher (Abbildung 2): Unter Umständen liegt es nun in einer neuen Major-Version vor.

Abbildung 2: Neben vielen Verbesserungen unter der Haube gestaltet Gimp 2.10 im Vergleich zur 2.8-er-Reihe die Benutzeroberfläche ebenfalls neu.

Abbildung 2: Neben vielen Verbesserungen unter der Haube gestaltet Gimp 2.10 im Vergleich zur 2.8-er-Reihe die Benutzeroberfläche ebenfalls neu.

Der größte Nachteil von “Tumbleweed” ist jedoch, dass bei zügigen Veröffentlichungen neuer Software-Versionen zwangsläufig weniger Zeit für Fehlerkorrekturen vor dem Veröffentlichen bleibt: Die Pakete durchlaufen lediglich automatisierte Tests mithilfe des (allerdings sehr mächtigen) Werkzeugs OpenQA (Abbildung 3[4]. Diese Applikation startet ohne menschlichen Eingriff Programme und imitiert Tastendrücke oder Mausklicks. Außer den Meldungen auf der Konsole wertet es zusätzlich Screenshots von Programmen aus.

Abbildung 3: OpenQA startet automatisch Programme, sendet bestimmte Tastenanschläge und Mausklicks, und moniert, wenn die Bildschirmanzeige anders ausfällt als erwartet.

Abbildung 3: OpenQA startet automatisch Programme, sendet bestimmte Tastenanschläge und Mausklicks, und moniert, wenn die Bildschirmanzeige anders ausfällt als erwartet.

Mit seinen vordefinierten Tests findet OpenQA jedoch nicht alle Fehler in Grenzbereichen. So innovativ also der Ansatz dahinter sein mag: “Tumbleweed”-Anwender sollten trotzdem das Know-how und die Geduld mitbringen, sich mit Problemen nach Upgrades auseinanderzusetzen.

Die Zeit zurückdrehen

OpenSuse bringt mit seinem YaST-Modul Snapper (Abbildung 4) zum Glück ein mächtiges Werkzeug mit, um bei Problemen einfach zu einem früheren Zustand zurückzukehren. Dabei ist es egal, ob Sie das Wiederherstellen starten, weil Ihnen die neue Version eines aktualisierten Programms nicht zusagt, oder weil es zu handfesten Fehlfunktionen kam.

Abbildung 4: In der Vorgabeeinstellung konserviert OpenSuse vor jedem Update einen Root-System-Schnappschuss im aktuellen Zustand – der ist goldwert, besonders unter "Tumbleweed".

Abbildung 4: In der Vorgabeeinstellung konserviert OpenSuse vor jedem Update einen Root-System-Schnappschuss im aktuellen Zustand – der ist goldwert, besonders unter “Tumbleweed”.

Da Snapper schlicht einen Snapshot des Dateisystems wiederherstellt, hilft es sogar bei diffusen Problemen, deren eigentliche Ursache Sie nicht ermitteln konnten. Selbst mit nicht mehr bootenden Systemen kommt Snapper klar, da es frühere Zustände direkt im Bootloader zu starten vermag. Die letzten OpenSuse-Tipps haben dies im Detail erläutert [5]. Gerade für “Tumbleweed” erweisen sich die Schnappschüsse des Root-Dateisystems als unverzichtbar, die Snapper automatisch vor jedem Update anlegt.

OpenSuse kombiniert so den Vorteil der “rollenden Freigaben”, nämlich taufrische Anwendungen, mit der Sicherheit, notfalls einen stabilen Systemschnappschuss wiederherstellen zu können. Da dies jeder Rolling-Release-Distribution gut zu Gesicht steht, hat der Autor Snapper auch auf seinen Arch-Linux-Systemen installiert: Das Programm ist als quelloffene Software nicht an OpenSuse gebunden, auch wenn die Nürnberger das direkt auf der Snapshot-Funktion des Dateisystems Btrfs [6] aufsetzende System entwickelt haben.

Nach dem Restore der alten Konfiguration gibt es einige unterschiedliche Strategien, wie Sie wieder zu einem nicht bloß funktionierenden, sondern auch aktuellen System gelangen: In der einfachsten Variante warten Sie schlicht einige Tage und versuchen dann das Upgrade erneut. Schlägt es wieder fehl, dauert das erneute Wiederherstellen meist nur Minuten.

Statt einfach blindlings ein erneutes Update zu starten, untersuchen Sie besser vorher die Versionsnummern der beteiligten Komponenten. Versierte Anwender suchen und melden den Fehler im OpenSuse-Bugtracker (Abbildung 5) – und am besten auch zusätzlich im Bugtracker der betroffenen Programme, der sich bei quelloffener Software per Internet-Suche ermitteln lässt.

Abbildung 5: Der OpenSuse Bugtracker unter Bugzilla.opensuse.org dokumentiert den Fortschritt bei von den Anwendern gemeldeten Fehlern.

Abbildung 5: Der OpenSuse Bugtracker unter Bugzilla.opensuse.org dokumentiert den Fortschritt bei von den Anwendern gemeldeten Fehlern.

Frisch verpackt

Nach diesen theoretischen Überlegungen ist es nun an der Zeit, die Vorzüge von “Tumbleweed” gegenüber OpenSuse “Leap” konkret unter die Lupe zu nehmen. Die Tabelle “Software-Versionen: Leap vs. Tumbleweed” vergleicht die Versionen von 20 beliebten Linux-Programmen für das Ende Juli 2017 erschienene, voraussichtlich noch bis Juli 2019 unterstützte “Leap” 42.3, seinen Ende Mai 2018 veröffentlichten Nachfolger “Leap” 15.0 und für die laufend aktualisierte Rolling-Release-Ausgabe “Tumbleweed”.

Der Vergleich zwischen “Leap” 15.0 und “Tumbleweed” zeigt keine allzu großen Versionssprünge. Das liegt daran, dass “Leap” 15.0 erst Ende Mai 2018 erschienen ist – es liegen nur sechs Monate zwischen dem Entwicklungsstand der beiden Zweige. Entscheidender wirkt sich aus, dass “Tumbleweed” fast immer die von den Entwicklern der einzelnen Programme (“Upstream”) als stabil veröffentlichte Versionen ausliefert. Nur in wenigen Fällen liegt “Tumbleweed” um eine Minor-Version zurück.

Bis “Leap” 15.1 erscheint – nach gegenwärtiger Planung Ende Mai 2019 – wächst die zeitliche Differenz auf ein Jahr an. Als Vergleich enthält die Tabelle daher den Versionsstand von OpenSuse “Leap” 42.3, dessen Erscheinen jetzt 18 Monate zurückliegt. Anzumerken bleibt noch, das bestimmte Programme wie Firefox oder LibreOffice auch in “Leap” per Update neue Versionen erhalten.

Programm

“Leap” 42.3 (26.07.2017)

“Leap” 15.0 (25.05.2018)

“Tumbleweed” (30.11.2018)

aktuelle Version (Upstream)

Audacity

2.1.3

2.2.2

2.3.0

2.3.0

Darktable

2.2.5

2.4.3

2.4.4

2.4.4

Digikam

5.5.0

5.9.0

5.9.0

5.9.0

DVDStyler

3.0.4

3.0.4

3.0.4

Easytag

2.4.2

2.4.3

2.4.3

2.4.3

Flightgear

2017.1.2

2017.3.1

2018.2.2

2018.2.2

Gimp

2.8.18

2.8.22

2.10.8

2.10.8

Gnome Desktop

3.20.4

3.26.2

3.30.2

3.30.2

Gnucash

2.6.16

3.0

3.3

3.3

Homebank

5.1.8

5.1.8

5.2.1

5.2.2

Hugin

2016.0.0

2018.0.0

2018.0.0

2018.0.0

KDE Plasma Desktop

5.8.7

5.12.6

5.14.3

5.14.4

Kdenlive

17.04

17.12.3

18.08.3

18.08.3

Krita

3.1.4

4.0.3

4.1.5

4.1.5

LibreOffice

6.0.5.2

6.1.3.2

6.1.3.2

6.1.3.2

Liferea

1.12.1

1.12.1

1.12.5

Qemu

2.9.1

2.11

3.0.0

3.0.0

Scribus

1.4.6

1.4.7

1.4.7

1.4.7

Stellarium

0.15.0

0.16.1

0.18.2

0.18.2

VLC Player

2.2.6

3.0.2

3.0.4

3.0.4

Linux Kernel

4.4.161

4.12.14

4.19.4

4.19.5

Neben den verbreiteten Anwendungen ist auch der Linux-Kernel wichtig, der bei “Leap” 15.0 und “Tumbleweed” um sieben Versionen auseinanderliegt. Der Grund dafür: “Leap” erbt seinen Unterbau von der konservativen Enterprise-Distribution SLES [7]. Das soll maximale Stabilität garantieren, führt aber zu mangelhaftem Support für aktuelle Hardware. Das gilt etwa für AMDs Ryzen-CPUs, die erst Kernel 4.16 in allen Details (wie dem CPU-Temperatursensor) unterstützen.

Allerdings lässt sich ein aktueller Kernel in “Leap” leicht durch Einbinden des Stable-Kernel-Repositorys nachrüsten. Dazu klicken Sie im YaST-Modul Software-Repositories auf Hinzufügen und behalten die Standard-Option URL angeben bei. Nach dem Klick auf Weiter geben Sie http://download.opensuse.org/repositories/Kernel:/stable/standard/x86_64/ als URL und einen beliebigen Repository-Namen ein (Abbildung 6). Anschließend steht in der Software-Verwaltung der neueste stabile Kernel bereit. Zwischen ihm und den Anwendungen bestehen keine direkten Abhängigkeiten, sodass die Installation keine Probleme verursacht.

Abbildung 6: Die Eingabe einer Repository-URL genügt, um unter "Leap" den alten Kernel durch einen aktuellen zu ersetzen. "Tumbleweed" hat die neuere Version schon von Haus aus an Bord.

Abbildung 6: Die Eingabe einer Repository-URL genügt, um unter “Leap” den alten Kernel durch einen aktuellen zu ersetzen. “Tumbleweed” hat die neuere Version schon von Haus aus an Bord.

Besitzern von AMD-Grafikkarten entgehen mit “Leap” 15.0 und der dort enthaltenen Grafik-Bibliothek Mesa 18.0 außerdem Performance-Optimierungen [8], die “Tumbleweed” mit Mesa 18.1 schon mitbringt. Bei Nvidia-Grafikkarten besteht dagegen bei “Tumbleweed” das Risiko, dass der für effiziente 3D-Beschleunigung nötige proprietäre Treiber mit dem brandaktuellen Kernel von “Tumbleweed” noch nicht zusammenarbeitet: Manchmal hinkt der Support des Herstellers hinterher.

“Tumbleweed”-Anwender sollten wissen, dass es nur ein zuverlässiges Verfahren gibt, um die Distribution über längere Zeit aktuell zu halten: den Aufruf von sudo zypper dup --no-allow-vendor-change als Root auf der Konsole. Weder das YaST-Software-Modul noch das Update-Icon in der Taskleiste deinstallieren nach dem Upgrade verwaiste Pakte, die durch ihre veralteten Abhängigkeiten manchmal Teile des Updates blockieren. So kann es zu inkonsistenten Systemzuständen kommen.

Die Option --no-allow-vendor-change brauchen Sie nur, wenn Sie externe Repositories wie Packman [9] für die Multimedia-Unterstützung einbinden. Sie verhindert, dass aktualisierte Pakete aus dem “Tumbleweed”-Repository (die aus lizenzrechtlichen Gründen beschnitten sind) die Vollversionen aus Packman überschreiben.

Der Parameter dup steht für Dist-Upgrade. Tatsächlich passiert beim Update einer Rolling-Release-Distribution in kleinen täglichen oder wöchentlichen Dosen genau das, was sonst bei der jährlichen Komplettaktualisierung geschieht: Die Distribution entwickelt sich weiter und modernisiert sich.

Fazit

Schon die Notwendigkeit des Aktualisierens per Befehl im Terminal macht deutlich, dass sich “Tumbleweed” nur für Anwender eignet, die es nicht stört, regelmäßig Zeit in Upgrades zu investieren. Viele der im Internet geschilderten Update-Probleme rühren aber vermutlich daher, dass Nutzer diese im “Tumbleweed”-Portal geschilderte Notwendigkeit nicht erkennen.

Eine Rolling-Release-Distribution mutet es Anwendern außerdem zu, sich laufend mit neuen Programmversionen und deren Veränderungen zu beschäftigen – “Leap”- oder Ubuntu-User kennen das nur von den Dist-Upgrades. Letztlich ist es Geschmackssache, ob Sie lieber laufend kleine Updates fahren oder in Abständen und größeren Portionen aktualisieren möchten. Auf jeden Fall stellt “Tumbleweed” neue Programmversionen viel früher bereit als “Leap”.

Dafür leben Sie als “Tumbleweed”-Anwender mit dem Risiko, dass es bei Upgrades generell häufiger zu Problemen kommt als bei “Leap” in den Phasen mit reinen Bugfix-Updates. Es stellt letztlich eine Frage der persönlichen Prioritäten dar, ob Sie sich diesen – nicht immer ganz schmerzfreien – Upgrade-Prozess in jährlichen großen Portionen zu Gemüte führen oder lieber in wöchentlichen oder sogar täglichen Häppchen.

Generell verlangt “Tumbleweed” seinen Anwendern mehr Aufmerksamkeit ab als “Leap”. Doch eventuelle Probleme entschärft OpenSuse mit seinen System-Snapshots, die eine schnelle Rückkehr zu einem funktionierenden Zustand garantieren. 

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