Wo viel Licht ist, ist zwangsläufig auch Schatten, da macht auch Linux keine Ausnahme. Allerdings reibt sich nicht jeder Anwender an denselben Schwachstellen, stellt Chefredakteur Jörg Luther fest.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
kennen Sie LinuxQuestions.org? Die Seite gehört zu den ältesten Foren rund um das freie Betriebssystem und feierte vor Kurzem ihren 17. Geburtstag. Zu den Hobbys des LinuxQuestions.org-Gründers Jeremy Garcia gehört es, jährlich anhand einer Befragung der mittlerweile fast 600?000 Forenmitglieder zu ermitteln, wo denn den Linux-Anwender der Schuh drückt. Ende Oktober hat er die Ergebnisse seiner jüngsten Umfrage zu diesem Thema veröffentlicht [1]. Einige der Resultate liegen auf der Hand, andere dagegen erscheinen ein wenig überraschend.
Auf Platz 5 der “Linux pain points” für 2017 liegt der einbrechende Support für X-Forwarding. Das hat mich verblüfft, denn nach meiner Erfahrung nutzen die meisten Anwender dieses Feature des X-Window-Systems nie, viele andere kennen es noch nicht einmal. Offenbar scheint es aber auch reichlich Nutzer zu geben, die wie ich regelmäßig die Fenster von Anwendungen, die auf einem anderen Rechner laufen, per SSH-Tunnel auf den eigenen Bildschirm holen. Angesichts des nahenden Umstiegs fast aller Distributionen auf Wayland, das das entsprechende Feature nicht implementiert, dünnt allerdings die anwendungsseitige Unterstützung für X-Forwarding merklich aus. Schade, denn das war eine bequeme und schnelle Methode, entfernte Anwendungen zu nutzen, die nur einen einzigen Schalter im SSH-Aufruf kostete. In Zukunft wird man stattdessen zu VNC, Nomachine oder anderen aufwendigeren Ersatzlösungen greifen müssen.
Platz 4 der Aufreger des Jahres belegt das schleichende Aussterben der Distributionsvarianten für 32-Bit-Rechner. Laut einer Umfrage auf Distrowatch.com [2] lässt das Thema jeden Fünften kalt (18 Prozent), jeder Vierte hält 32-Bit-Distris gar für überflüssig (26 Prozent). Dass jedoch die überwiegende Anzahl der Anwender (57 Prozent) die Architektur weiter für wichtig erachtet, hält die Distributoren jedoch nicht davon ab, der 32-Bit-Welt zunehmend die Unterstützung zu entziehen.
Den 3. Platz der Sorgenkinder belegt der nach wie vor schwierige Umgang mit UEFI respektive Secure Boot. Noch geht dieser Kelch zwar an vielen Linuxern vorbei, weil das freie Betriebssystem auf deren älteren Rechnern ohne UEFI auch in den neuesten Inkarnationen noch bestens läuft. Spätestens beim nächsten Neuerwerb eines PCs oder Notebooks aber wird dieses Problem viele einholen – es sein denn, der entsprechende Support der Distributionen verbessert sich bis dahin.
Mit hochgezogenen Augenbrauen habe ich Platz 2 unter den Problemquellen unter Linux registriert, Kompatibilitätsprobleme zwischen Software und Bibliotheken. Da lebe ich wohl auf einer Insel der Seligen, denn bislang blieb ich von solchen vollständig verschont – ich dachte, das gäbe es nur unter Windows. Ähnlich geht es offensichtlich Jeremy Garcia, denn er erbittet von seinen Lesern nähere Informationen und Beispiele zu dem Kasus. Da schließe ich mich hiermit an!
Die mit Abstand gefühlt größte Problemquelle unter Linux hat sich seit Jahren nicht geändert – und dürfte uns auch in Zukunft weiter erhalten bleiben. Es handelt sich, wie Ihnen sicher schon auf der Zunge liegt, selbstredend um die Dokumentation, oder besser gesagt: um deren Fehlen beziehungsweise mangelnde Aktualität. Das unterschreibe ich sofort, denn dieses Problem nervt mich fast täglich. Dass es nicht mir allein so geht, war mir auch schon vor Jeremy Garcias aktueller “Pains”-Liste klar, dazu muss ich nur auf die Mailing-Liste meiner heimischen LUG sehen.
Falls Sie auf der zitierten Liste der Top-5-Linux-Aufreger einen Punkt vermissen, der Sie besonders hartnäckig quält, dann lassen Sie mir doch bitte eine kurze E-Mail an mailto:jluther@linux-user.de zukommen, die schildert, wo das freie Betriebssystem Ihrer Meinung nach am dringendsten der Verbesserung bedarf, oder auch, wo Sie die Hoffnung schon aufgegeben haben. Mein persönlicher Kandidat in dieser Richtung fängt mit “System” an und hört mit “d” auf, aber dem werde ich wohl kaum noch entkommen …
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
-
“Top 5 Linux pain points in 2017”: https://opensource.com/article/17/10/top-5-linux-painpoints
-
“Opinion Poll: 32-bit being dropped by distributions”: http://distrowatch.com/weekly.php?issue=20171009#poll



