Raspberry Pi 3 im ersten Test

Aus LinuxUser 05/2016

Raspberry Pi 3 im ersten Test

© Magdalena Paluchowska, 123RF

Multifunktional

To Pi or not to Pi – das ist hier die Frage: Für wen lohnt es sich, jetzt schon zum brandneuen Raspberry Pi 3 zu greifen?

Der Raspberry Pi 3 kommt mit einem neuen Prozessor, WLAN und Bluetooth, ansonsten bleibt vieles gleich [1]. Eine pauschale Aussage, welche Software mit dem RasPi 3 läuft oder sogar davon profitiert, lässt sich derzeit noch schwer treffen. Wir begutachten im Folgenden, wie sich der neue Bastelrechner im Vergleich zum Vorgänger schlägt und ob beliebte Programme mit der neuen CPU und deren Architektur schon zurechtkommen.

Bevor es losgeht, benötigen Sie ein Netzteil für den Micro-USB-Anschluss. Der Hersteller empfiehlt ein USB-Netzteil, das bei 5 Volt 2,5 Ampere liefert. Im Test erwies sich das vorhandene 2A-Netzteil aber als vollkommen ausreichend. Bei 100 Prozent Last mit aktivem WLAN, angeschlossener Maus und Tastatur zieht das Gerät maximal 580 mA, üblicherweise aber eher 300 bis 400 mA. Wollen Sie allerdings auch Peripherie über USB oder GPIO mit Strom versorgen, müssen Sie über den Erwerb eines neuen Netzteils nachdenken. Zudem gilt es, die Länge des USB-Kabels im Auge zu behalten, wie sich im Verlauf des Tests zeigt.

Als Nächstes bereiten wir die Micro-SD-Karte vor und spielen das aktuelle Raspbian-Image vom 29. Februar 2016 auf. Die neue Version funktioniert nicht nur mit dem RasPi 3, sondern auch mit dessen Vorgängern. Die Foundation setzt dabei immer noch auf eine 32-Bit-Variante, obwohl der neue Broadcom BCM2837 (Abbildung 1) auch einen 64-Bit-Befehlssatz bietet.

Abbildung 1: Die neue CPU bringt bei identischer Größe nicht nur mehr Leistung mit als der alte Prozessor, sondern auch einen 64-Bit-Befehlssatz.

Abbildung 1: Die neue CPU bringt bei identischer Größe nicht nur mehr Leistung mit als der alte Prozessor, sondern auch einen 64-Bit-Befehlssatz.

Wi-Fi an Bord

Der Start verläuft flott: Bereits nach 20 Sekunden erscheint der Desktop. Mit der GUI-Version von Raspi-config nehmen wir die Orts- und Tastatureinstellungen vor. Übertakten allerdings fällt flach: Die entsprechende Einstellung existiert zwar noch, erlaubt aber keine Änderung des Werts mehr.

Im Reiter Localisation findet sich eine neue Einstellung für das Wi-Fi: Dort wählen wir Deutschland als Wifi Country (Abbildung 2), was allerdings keine erkennbaren Auswirkungen hat. So stehen etwa laut # iw list weiter nur die Kanäle 1 bis 11 zur Verfügung. Die Ausgabe zeigt aber auch, dass der RasPi 3 den AP-Modus unterstützt und sich damit auch als Access Point eignet.

Abbildung 2: Raspi-config stellt für die WLAN-Konfiguration nur sehr wenige Optionen zur Verfügung.

Abbildung 2: Raspi-config stellt für die WLAN-Konfiguration nur sehr wenige Optionen zur Verfügung.

Die eigentliche Verbindung mit dem WLAN nehmen wir über das Netzwerk-Icon in der rechten oberen Ecke des Desktops auf. Ein Linksklick öffnet die Liste der verfügbaren Netzwerke. Nach Anwahl des gewünschten WLANs und Eingabe des Kennworts stellt der RasPi 3 die Verbindung her. Trotz der winzigen Keramikantenne (Abbildung 3) erweist sich die Empfangsleistung in unserem Büro mit seinen Trockenbauwänden als völlig in Ordnung. Die Entwickler verzichteten zwar auf einen Antennenstecker, der Rechner bietet jedoch die erforderlichen Lötflächen für eine U.FL-Buchse [2]. Sie von Hand anzulöten gerät allerdings aufgrund der geringen Größe und der Enge auf der Platine zur Herausforderung für Feinmotoriker.

Abbildung 3: Die Keramikantenne für das Wi-Fi des RasPi 3 wartet im Test mit einer akzeptablen Empfangsleistung auf.

Abbildung 3: Die Keramikantenne für das Wi-Fi des RasPi 3 wartet im Test mit einer akzeptablen Empfangsleistung auf.

Ein Check mit Iperf [3] attestiert dem WLAN-Stack eine Durchsatzrate von 45 Mbit/s – ein recht ordentlicher Wert. Die Geschwindigkeit der nach wie vor am USB-Stack angebundenen Ethernetverbindung liegt mit 95 Mbit/s pro Sekunde nahe am Maximum.

Benchmark mit Hindernissen

Wir bleiben in der Welt der Zahlen und starten Sysbench [4], um die Leistungsfähigkeit des neuen Prozessors zu ermitteln. Der erste Aufruf aus Listing 1 führt eine Rechenaufgabe nur in einem Thread durch und gibt so Auskunft über die Leistungsfähigkeit eines einzelnen Kerns. Der zweite benutzt hingegen vier Threads und beschäftigt entsprechend alle vier Kerne gleichermaßen.

Listing 1

$ sysbench --num-threads=1 --cpu-max-prime=10000 --test=cpu run
$ sysbench --num-threads=4 --cpu-max-prime=10000 --test=cpu run

Das erste Ergebnis des Einzel-Thread-Tests fällt deutlich schlechter aus als erwartet. Beim Test mit vier Threads schneidet der RasPi 3 sogar schlechter ab als sein Vorgänger. Hier läuft ganz offensichtlich etwas schief. Auch ein Neustart des RasPi im CLI-Modus ändert daran nichts.

Wir graben uns tief in die Raspbian-Eingeweide und lassen uns die aktuelle CPU-Taktrate anzeigen (Listing 2). Merkwürdigerweise steigt sie nur sporadisch auf 1,2 GHz an, trotz der Rechenlast werkelt der RasPi meist bei nur 600 MHz. Obendrein fällt uns auf, dass auf dem RasPi gelegentlich die rote LED ausgeht – normalerweise ein Indiz für eine unzureichende Spannungsversorgung, der Kleinstrechner taktet dann automatisch herunter. Jedoch zeigt unser Strom- und Spannungsmessgerät keinerlei Auffälligkeit.

Listing 2

$ sudo cat /sys/devices/system/cpu/cpu0/cpufreq/cpuinfo_cur_freq

Beim weiteren Experimentieren stellt sich heraus, dass vermutlich das verwendete Netzteil nicht mit dem schnellen Lastwechsel umgehen kann, der beim Wechsel der RasPi-Taktfrequenz auftritt. Nachdem wir es gegen ein anderes USB-Netzteil tauschen, steigen die Benchmark-Werte wie erwartet an: Jetzt benötigt der RasPi 3 für den Single-Thread-Test nur noch 182 Sekunden (RasPi 2: 292 Sekunden), für den Multi-Thread-Test 45 Sekunden (RasPi 2: 75 Sekunden).

In der Praxis äußern sich die gemessenen Performance-Werte durch ein angenehmes Arbeiten auf dem Desktop: Weder der Start von LibreOffice noch der diverser Entwicklungsumgebungen zwingt zum Däumchendrehen. In unseren Arbeitspausen gestalten wir in Minecraft ohne Ruckler die Welt um und lernen, Pferde zu zähmen. Ruckler gibt es allerdings weiterhin bei Videos im Browser.

Grenzen setzt im Büroalltag aber weniger der Prozessor als vielmehr der limitierte Hauptspeicher und die vergleichsweise geringe Geschwindigkeit der Micro-SD-Karte. Das galt aber durchaus auch schon für den Raspberry Pi 2.

Beinahe-Debakel Mediacenter

Die Grafik- und Videofähigkeiten des Raspberry Pi 3 befinden sich nach wie vor auf dem Stand des Raspberry Pi 2. Auch die neueste Version schafft es nicht, den Video-Codec H.265 durch die Hardware zu dekodieren. Allerdings sollte es deshalb gerade beim Mediacenter-Einsatz kaum Software-Probleme gegeben.

So installieren wir Kodi [5] und starten es. Die Anwendung wechselt in den Vollbildmodus, der Fernseher meldet das Aktivieren von HDMI-CEC, die bekannte Hintergrundgrafik erscheint, und wir warten auf das Menü – vergeblich: Kodi ist eingefroren (Abbildung 4).

Abbildung 4: Kodi friert auf dem Raspberry Pi 3 in der zum Testzeitpunkt aktuellen Version kurz nach dem Start ein.

Abbildung 4: Kodi friert auf dem Raspberry Pi 3 in der zum Testzeitpunkt aktuellen Version kurz nach dem Start ein.

Eher zufällig werfen wir einen Blick auf die OpenELEC-Webseite und sehen dort in der Download-Sektion, dass Version 6.0.2 der Distribution den RasPi 3 unterstützt [6]. Also bereiten wir eine neue Micro-SD-Karte vor. Sie bootet, und aus den Augenwinkeln sehen wir, wie die SMB-Shares von OpenELEC im Netzwerk auftauchen. Doch zu früh gefreut: Wie zuvor sehen wir von Kodi zwar das Hintergrundbild, aber weiter passiert nichts. Beim finalen Test erlaubt uns Mplayer dann doch noch, ein Video anzuschauen, notgedrungen aber ohne viel Komfort.

Fanden unsere ersten Tests mit zwei jüngeren Samsung-Geräten statt, schließen wir den RasPi 3 nun jeweils an einen älteren Toshiba-Fernseher und einen Computermonitor an, die beide kein HDMI-CEC unterstützen. Ein erneuter Versuch mit Kodi beschert jetzt doch noch den erhofften Erfolg.

Nur Stunden nach Abschluss unserer Tests erschien eine aktualisierte Version 6.0.3 von OpenELEC. Damit klappt nun alles, einschließlich der Unterstützung von HDMI-CEC, auch auf den neueren TV-Geräten von Samsung.

Spiel ohne Grenzen

Zum Spieletest installieren wir RetroPie [7] per Setup-Skript auf dem Raspbian. Auf den Einsatz des vorbereiteten Images verzichten wir, da es sehr wahrscheinlich noch nicht die Treiber für WLAN und Bluetooth enthält. Dass diese Entscheidung richtig war, zeigt uns später der Versuch, Recalbox [8] zu installieren – dort kommen wir über den Bootscreen nicht hinaus.

Das RetroPie-Frontend Emulationstation startet ohne Probleme, das RetroPie-Menü erlaubt das Konfigurieren der WLAN-Verbindung. Viel spannender finden wir jedoch die Frage, ob der PS3-Controller per Bluetooth mit dem RasPi 3 zusammenarbeiten wird. Dazu rufen wir wieder das RetroPie-Setup auf. Dort können wir unter Setup unseren PS3-Controller anmelden und mit dem Raspberry Pi verbinden (Abbildung 5).

Abbildung 5: Der PS3-Controller lässt sich problemlos via Bluetooth mit dem neuen RasPi verbinden. Im Betrieb kam es während des Tests aber zu diversen Fehlfunktionen.

Abbildung 5: Der PS3-Controller lässt sich problemlos via Bluetooth mit dem neuen RasPi verbinden. Im Betrieb kam es während des Tests aber zu diversen Fehlfunktionen.

In der Emulationstation selbst geht dann die Controller-Konfiguration flott von der Hand. So hangeln wir uns schließlich drahtlos mit dem PS3-Controller durch die Menüs. Der Start von Mario Kart 64 klappt so weit problemlos, doch nach kaum zwei Sekunden Fahrt friert plötzlich der Bildschirm ein. Bei nachfolgenden Versuchen passiert das schon bei der Fahrerauswahl, manchmal erkennt das Spiel auch die Tasten nicht mehr. Bei Crash Bandicoot auf dem Playstation-Emulator treten diese Probleme im Startmenü des Spiels ebenfalls auf.

Mit unserem kabelgebundenen Xbox-Controller funktioniert hingegen alles. Bei der Performance des N64- sowie des PSX-Emulators zeigen sich bei beiden Spielen leichte Verbesserungen, die sich durchaus positiv auf die Steuerungsgenauigkeit auswirken.

Alternative Systeme

Aufgrund der eher negativen Erfahrung mit OpenELEC und Kodi probieren wir auch OSMC aus, doch trotz anderslautender Aussagen startet es auf dem Raspberry Pi 3 nicht. Das von uns getestete Image stammte vom Januar 2016, nach Redaktionsschluss erschien jedoch ein neues, das wir nicht mehr testen konnten.

Von Windows 10 IoT Core erschien ein aktueller Insider-Build [9], bisherige Images funktionieren nicht mit dem RasPi 3. Snappy Ubuntu Core läuft derzeit noch nicht auf dem neuen RasPi, eine entsprechende Unterstützung kündigte das Projekt bislang auch noch nicht an. Halbwegs aktuelle Raspbian-Versionen starten hingegen klaglos auf dem RasPi 3, ohne Updates liegt dabei aber die Funktechnik brach.

Geblitzt

Wie schon sein Vorgänger erweist sich auch der RasPi 3 als empfindlich gegenüber Xenon-Blitzlicht und stürzt dabei ab, ohne allerdings Schaden zu nehmen. Diesmal scheint jedoch nicht ein Bauteil bei der Stromversorgung dafür verantwortlich zu sein, sondern der Funkchip auf der Rückseite, wie wir durch Probieren herausfanden. In der Praxis dürfte der Effekt aber kaum eine Rolle spielen: Das Blitzlicht muss in weniger als zehn Zentimetern Abstand zum Chip aufleuchten, um Wirkung zu zeigen.

Verfügbarkeit und Preis

Mittlerweile bieten viele Händler den Raspberry Pi 3 zum Kauf an, darunter Pollin [10], Farnell [11] und Watterott [12]. Die Endkundenpreise bewegen sich in Deutschland zwischen 39 und 45 Euro. Bei einigen Anbietern war der neue RasPi zu Redaktionsschluss zwar schon wieder ausverkauft, neue Lieferungen dürften aber bei Weitem nicht so lange dauern wie beim RasPi Zero.

Fazit

Der Aufpreis für der Raspberry Pi 3 von 2 bis 3 Euro gegenüber dem RasPi 2 wirkt in Anbetracht der Leistungssteigerung und der Funktechnik recht gering. Da fällt es schwer, nicht einfach eine uneingeschränkte Kaufempfehlung auszusprechen. Einzig die höheren Anforderungen an eine stabile und störungsfreie Spannungsversorgung sprechen unmittelbar gegen den Einsatz des Raspberry Pi 3.

Die Leistungsunterschiede bewegen sich allerdings im Rahmen, beim Einsatz als reines Mediacenter dürften sie kaum auffallen. Der Leistungsschub beim Wechsel vom Ur-RasPi zum Raspberry Pi 2 fiel deutlich größer aus. Anhand des seinerzeitigen Architekturwechsels lässt sich auch abschätzen, wie schnell die Community wohl die im Test aufgetretenen Software-Probleme bei Raspbian in den Griff bekommen wird: Das dürfte bis spätestens Anfang April erledigt sein, womöglich sogar schneller, weil diesmal beim Start schon deutlich mehr funktioniert. Bei anderen Betriebssystemen könnte es allerdings etwas länger dauern.

Alles in allem gibt es keinen zwingenden Grund, jetzt so schnell wie möglich vom RasPi 2 auf das Modell 3 zu wechseln. Auch Einsteiger sollten die nächsten Wochen noch die Finger vom neuen Modell lassen. Nur RetroPie-Fans und Bastler, die sowieso einen RasPi mit Funktechnik ausstatten wollten, sollten sich in das Rennen um die nächste verfügbare Lieferung werfen. 

Der Autor

Alexander Merz schreibt bei Golem.de über die Maker-Szene, testet und programmiert Kleinrechner und heizt gelegentlich auch den Lötkolben für Bastelprojekte an.

Glossar

CEC

Consumer Electronics Control. Stellt bei Geräten wie Fernsehern, Monitoren und DVD-Spielern komponentenübergreifende Ansteuerungsfunktionen bereit, wie “One Touch Play/Record”, “System Standby”, “Preset Transfer” und dergleichen.

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