Ob man Canonical und seinen Umgang mit der Community nun mag oder nicht: Ubuntu bleibt unter den gängigen Distributionen nach wie vor die einsteigertauglichste Variante, meint Chefredakteur Jörg Luther.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
zwischen der letzten Gelegenheit, noch ein paar Zeilen ins Heft zu bringen (so wie das Editorial, das meist wenige Stunden vor Drucklegung entsteht), und dem Zeitpunkt, zu dem Sie am Kiosk einen ersten Blick in die neue Ausgabe werfen, vergehen exakt 14 Tage. In der Open-Source-Welt ist das eine kleine Ewigkeit, in der sich oft wichtige Dinge abspielen.
So haben Sie, wenn Sie diese Zeilen lesen, den Linux Presentation Day 2015 (LPD) bereits erlebt; für mich liegt er jetzt noch gut eine Woche in der Zukunft. Als einer von vielen Helfern und Referenten an rund 100 Standorten in Deutschland, Österreich und der Schweiz will ich auf dem LPD 2015 [1] Windows-müden, aber noch etwas Linux-verschreckten Anwendern ein wenig Starthilfe zum Umstieg auf das freie Betriebssystem und seine Applikationen geben.
Da stellt sich die Frage: Umstieg worauf genau? Bei Applikationen kein Problem – vorrangig gedenke ich meine Lieblinge LibreOffice (ich bin bekennender Tabellenkalkulations-Junkie) und Gimp vorzustellen. Eventuell würze ich das Ganze mit einer kleinen Flightgear-Demo als Entertainment-Anteil. Alle diese Applikationen lassen sich auch unter Windows nutzen, wenn dem Aspiranten denn die Umstiegshürde noch zu hoch erscheint.
Aber was, wenn das böse D-Wort auf den Tisch kommt? Welche Distribution empfiehlt man einem Umsteiger? Die Varianten, die ich persönlich präferiere, wie Debian-“Sid”-Ableger oder Arch Linux, fallen da aus diversen Gründen eher durchs Raster: Vieles daran, was einen erfahrenen Anwender gerade reizt, wird einen Neuling wohl eher erst einmal abschrecken. Und an dieser Stelle stolpere ich dann immer wieder über eine Distribution, mit der ich sonst aus fundamentalistischer FLOSS-Sicht nicht viel anzufangen weiß: Ubuntu.
Ich reibe mich an dem leicht stalinistisch wirkenden Umgang von Canonical mit Kritikern, wie dem regelrechten Hinauswurf von Jonathan Riddell [2] bei Kubuntu – Community geht anders. Mir missfallen die Sonderwege, die die Distribution bei der Software mit Komponenten wie Unity, Mir oder Snappy geht. Ich finde es unsäglich, wie die Entwickler Fehler oft jahrelang schlicht ignorieren (siehe Artikel zu “Wily Werewolf” in dieser Ausgabe). Und nicht nur mir geht die totale Fixierung von Mark Shuttleworth auf Cloud und Mobilgeräte gründlich auf den Keks: In seinem Blogpost zum nächsten Ubuntu-Release “Xenial Xerus” [3] warf er derart mit Bullshit-Bingo-Vokabeln aus dem Virtualisierungsbereich um sich, dass der erste Kommentator dazu süffisant die Frage stellte, ob denn Ubuntu 16.04 auch noch als Desktop-System erschiene?
Bei aller Kritik muss man Canonical aber eines neidlos zugestehen: Der Ubuntu-Desktop und seine Bestandteile zeichnen sich nach wie vor durch eine hohe Einsteigerfreundlichkeit aus. Machen Sie doch einfach mal einen kleinen Versuch mit dem Ubuntu-Megapack von der Heft-DVD und setzen Sie einen endemischen Windows- oder Mac-Anwender davor – ich wette, der hat in kürzester Zeit den Bogen heraus.
Ich trete also zum LPD 2015 mit einem Stapel Ubuntu-DVDs an – und berichte Ihnen im nächsten Heft von der Veranstaltung im Allgemeinen und meinen Distributionserfahrungen im Besonderen. Falls Sie selbst mit einem bestimmten Linux-Derivat besonders gute Erfahrungen bei der Konversion von Windows-Anwendern gemacht haben, lassen sich mich doch kurz davon wissen: Dann schleppe ich zum nächsten Linux Presentation Day (voraussichtlich am 30. April 2016) vielleicht schon eine andere Distribution mit.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
[1] Linux Presentation Day: http://www.linux-presentation-day.de
[2] “Jonathan Riddell tritt zurück”: http://www.pro-linux.de/news/1/22896/kubuntu-jonathan-riddell-tritt-zurueck.html
[3] “X marks the spot”: http://www.markshuttleworth.com/archives/1479




Oder weshalb hängen Sie trotz der von Ihnen zurecht aufgelisteten Kritikpunkte so an dieser Distribution. Was ist z.B. an opensuse weniger ein- bzw. umsteigerfreundlich? Ich persönlich finde, YAST als Installations- und Konfigurationswerkzeug macht opensuse sogar besonders einsteigerfreundlich. Gerade mit xfce 4.12 bekommt der Umsteiger von Windowsversionen vor dem Kachel Irrsinn einen schnellen und stabilen Desktop, der ihm sehr vertraut erscheinen müsste. Zumindest konnte ich diese Erfahrung bei mehreren Bekannten beobachten, die anstelle auf Windows 10 auf Linux (opensuse) umgestiegen und damit auch absolut zufrieden sind. Großteils werden diese Rechner beruflich genutzt. Mit allem Respekt, mir geht dieser künstliche Hype von… Mehr »
Dieselben Fragen stellte ich mir auch. Ich z. B. bin ein Gewohnheitstier. Meine ersten Linux-Versuche neben Windows liefen auf der SuSE-Schiene ab. Spätere berufliche Aktivitäten kamen unter SLES dazu (für eine recht spezielle Anwendung, nicht als admin). Da mir Windows8 nicht zusagte und die Windows10-Perspektiven neben der Zukunftsstrategie von MS mir grundsätzlich nicht gefällt, nahm ich den notwendigen Neuaufbau meines privaten PC zum Anlass, die Windows7-Lizenz nicht zu reaktivieren und bin mit der opensuse 13.2 eingestiegen. Und das habe ich nicht bereut, ich fand mich gut zurecht und die Probleme, die da auftauchten, konnte ich entweder aus eigener Kraft oder… Mehr »