AMDs lange erwarteter Fusion-Chip ist endlich da – und zeigt Intels Atom, wie der Hase läuft. Acers sehr günstiges Aspire 5352 ist eines der ersten Geräte, die es mit dem AMD-Chip zu kaufen gibt.
Seit AMD vor fünf Jahren Jahren ATI aufkaufte, spricht der Chiphersteller von Fusion, der Vereinigung von CPU und Grafikchip. Nun legt AMD endlich seinen ersten Vertreter dieser Gattung vor – Erzkonkurrent Intel hat diese Vereinigung quasi im Vorbeilaufen schon letztes Jahr mit seinen Core i3/i5 “Clarkdale” und den “Pinetrail”-Atoms vollzogen.
Doch AMD verfolgt einen anderen Ansatz als Intel: Beim grünen Team ist die Grafik stärker als die CPU, bei Intels Chips der Reihen “Clarkdale” und “Sandy Bridge” trifft genau das Gegenteil zu. Im Vergleich zu Intels Atom hingegen soll bei Fusion laut AMD die CPU etwas stärker und die Grafik deutlich leistungsfähiger ausfallen. Dann bliebe nur noch offen, ob AMD auch in Sachen Preis und Stromverbrauch Intel Konkurrenz machen kann.
Kern-Fusion
Die neuen Fusion-Chips setzen auf Radeon-HD6xx0-Chipsatzgrafik und “Bobcat”-CPU-Kerne. Bei “Bobcat” handelt es sich um ein rigoros auf Stromverbrauch optimiertes Redesign der K8-Athlon-Generation, das bei deutlich gesenktem Stromverbrauch nur minimal geringere Leistung bringen soll.
AMD liefert die in 40 Nanometer Strukturbreite gefertigten Chips der “Brazos” genannten Generation aktuell in zwei Varianten aus: Beim mit nur 9 Watt TDP spezifizierten C-50 (Codename “Ontario”) handelt es sich um einen 1-GHz-Dualcore mit 256 KByte L2-Cache, den AMD mit einem Grafikchipsatz Radeon HD6250 (80 Shader-Units, 280 MHz Kerntakt) kombiniert. Der E-350 mit 18 Watt TDP (“Zacate”) verfügt ebenfalls über zwei Kerne mit 256 KByte L2-Cache, läuft aber mit 1,6 GHz Taktrate. Sein Radeon-HD6310-Grafikkern hat zwar genau so viele Shader-Units wie der des “Ontario”, taktet aber mit 500 MHz.
Beide Chips soll es auch in Singlecore-Varianten mit gleichem Stromverbrauch geben, die allerdings noch nicht in freier Wildbahn gesichtet wurden. Alle “Brazos”-Chips zwacken 256 MByte vom Hauptspeicher als VRAM ab und integrieren zusätzlich einen Speichercontroller für DDR3 bis 1066 MHz, was einen weiteren Grafik-Chip überflüssig macht.
Acer entscheidet sich für Leistung und setzt für sein günstiges Notebook Aspire 5253 primär auf den E-350, während das Netbook Aspire One 522 nur mit dem C-50 erhältlich ist.
Ausstattung
Die Ausstattung des Aspire 5253 fällt etwas spartanisch aus, bietet aber alles Nötige: 4 GByte RAM, eine 500-GByte-Festplatte, einen spiegelnden 15,6-Zoll-Bildschirm (1366×768 Pixel), einen 6-Zellen-Akku (4400 mAh, 48 Wh), DVD-Brenner, 1,3-Megapixel-Webcam und 802.11b/g/n-WLAN. An Anschlüssen gibt es dreimal USB 2.0, Gigabit-Ethernet, VGA, HDMI, Kopfhörer-Klinke und einen SD/MMC-Kartenleser. Wie üblich offeriert Acer zahlreiche Varianten des Geräts mit unterschiedlicher Ausstattung, bis zu 8 GByte RAM und 750-GByte-Festplatten. Auch mit C-50 (zum gleichen Preis, aber mit längerer Akkulaufzeit), Bluetooth und in den Farben braun und rot liefert der Hersteller das Gerät.
Acer bietet den 381 x 250 x 253 mm großen und 2,6 kg schweren Mobilrechner mit Windows 7 Home Premium (64 Bit) zum Preis von 500 Euro an. Die haptisch wie optisch wenig ansprechende Oberfläche des Aspire*5253 besteht aus geriffeltem Plastik und trägt dasselbe fingerabdruckaffine Muster (Abbildung 1) wie das Aspire One 721 [1]. Ärgerlich: Acer verbaut nur einen Lautsprecher – bei den winzigen Netbooks ist diese Unsitte recht verbreitet, aber bei einem großen 15-Zoll-Gerät darf man eigentlich zwei Lautsprecher erwarten.
Im Test
Die Linux-Installation verläuft für eine völlig neue CPU- und Grafik-Generation erfreulich reibungslos: Nach Aufspielen von Ubuntu 10.04 (64 Bit) und der neuesten ATI-Treiber [2] funktionieren die meisten Komponenten, inklusive Grafik: SD-Kartenleser, Webcam, Multimediatasten, Sound und WLAN arbeiten ohne Murren, lediglich der Suspend-to-RAM/Disk-Modus und das Ethernet (Atheros AR8151, PCI-id 1969:1083) funktionieren nicht. Das atl1e-Modul im Kernel unterstützt selbst unter Ubuntu 10.10 diesen Chip noch nicht.
Ein aktuellerer Treiber existiert im Quellcode bei Atheros selbst, muss aber für Kernel neuer als 2.6.34 gepatcht werden [3]. Die Meldung beim Entpacken des Tarballs über trailing garbage können Sie ignorieren, nach Installation des neuen atl1e-Kernelmoduls funktioniert das Ethernet.
Im Test schlägt sich die CPU mit 161 Punkten im LUbench gut. Damit liegt der E-350 36 Prozent vor einem 1,6-GHz-Atom N330 (Acer Revo, ebenfalls im 64-Bit-Modus) und stolze 73 Prozent vor einem Singlecore-Pinetrail-Atom mit 1,67 GHz (32 Bit). Ein Singlecore-AMD-Neo (1,7 GHz) liegt mit 156 Punkten nur leicht dahinter.
Auch die Grafik erweist sich als erstaunlich leistungsfähig: Mit 20 Frames pro Sekunde läuft der Sauerbraten-Shader-Benchmark so schnell wie auf einem Mobile Phenom X4 (1,6 GHz) mit Radeon-HD4250-Chipsatzgrafik (HP Pavilion dv6 3051, [3]), 57 Prozent schneller als auf einem AMD Neo 1,7 GHz mit Radeon-HD4250-Chipsatzgrafik [1] und dreimal so schnell wie auf einem Acer Revo mit Atom N330 und Nvidia Ion (entspricht Geforce 9400). Nexuiz läuft 50 Prozent schneller als auf dem Atom-basierten Revo mit Ion-Grafik. Auch SpecViewperf ist deutlich schneller, löst aber immer noch keine Begeisterungsstürme aus. Im Vergleich zu Intels unter Linux besonders schlecht performender Atom-GMA-Chipsatzgrafik spielt der Radeon des E-350 in jedem Fall in einer völlig anderen Liga.
Wir probieren den Unigine Heaven Benchmark [4] mit OpenGL-4.0-Tesselation, und er läuft mit allen schicken Grafikfeatures inklusive Tesselation (moderate) – jedoch nur als Slideshow mit durchschnittlich 3,4 fps und 86 Punkten. Eine Reduktion der Auflösung von 1366×768 auf 1024×600 bringt 30 Prozent mehr Leistung, ein Deaktivieren der Tesselation noch einmal 61 Prozent, so dass wir schlussendlich auf 179 Punkte (7,1 fps) kommen – noch nicht wirklich flüssig, aber dennoch sehr beeindruckend für einen so stromsparenden Chip.
Beim Stromverbrauch messen wir für ein 15-Zoll-System sehr gute 20 Watt im Leerlauf und 29 Watt unter voller CPU-Last. Interessanterweise verbraucht der E-350 auch unter voller Grafiklast nur 28 Watt – hier hätten wir erwartet, dass die Grafik doch deutlich mehr Strom verbraucht. Zum Vergleich: Ein 12-Zoll-Netbook HP Mini 210 mit Singlecore-Atom N450 und Intel-Grafik zieht im Leerlauf 15 und unter CPU-Vollast lediglich 17 Watt.
Doch dieses Verhältnis spiegelt sich nicht in der Akkulaufzeit wieder, denn hier erreicht das Aspire 5253 einen für 15-Zoll-Notebooks sagenhaften Wert von sage und schreibe 6 Stunden 22 Minuten im Leerlauf (WLAN an, Bildschirm gedimmt), während das HP Mini mit größerem 58-Wh-Akku auch nur eine halbe Stunde länger durchhält. Unter Last auf allen Kernen reduziert sich die Akkulaufzeit des Fusion-Notebooks zwar auf 2 Stunden 38 Minuten, aber auch das stellt für ein 15-Zoll-System einen bisher unerreichten Wert dar. Das Aspire One 721 (12 Zoll, 1,7 GHz AMD Neo) erreichte hier mit 49-Wh-Akku eine in etwa vergleichbare Zeit.
Fazit
Das Acer Aspire 5253 bietet zwar keine üppige Ausstattung und macht optisch wenig her, ist dafür aber konkurrenzlos günstig: Mit 2 GByte RAM und 320-GByte-Festplatte gibt es das Gerät auch schon für 400 Euro. Zu einem Preis, der unter dem mancher Netbooks liegt, bekommt der Käufer ein mit Linux recht kompatibles Gerät, das überzeugt: Es bietet eine mit Netbooks durchaus vergleichbare Akkulaufzeit, aber einen größeren Bildschirm, DVD-Brenner, eine CPU mit mehr Dampf und eine deutlich leistungsfähigere Grafik, die sich auch mal für ein Gelegenheitsspielchen eignet. Leichte Abzüge gibt es nur für den disfunktionalen Schlafmodus, den Mono-Lautsprecher und die fingerabdruckaffine Plastik-Optik.
AMDs neuer Atom-Konkurrent enttäuscht nicht: Er liefert anders als Intels Pendant eine ausgewogene CPU- und Grafik-Leistung. Ihm steht wohl eine rosige Zukunft in den Sparten Einsteiger, Nettop und Netbook bevor – das erste Mini-ITX-Board mit E-350 und passiver Kühlung hat Asus bereits vorgestellt.
Infos
[1] Kurztest Acer Aspire One 721: Daniel Kottmair, “Flottes Netbook”, LU 03/2011, S. 19, https://www.linux-community.de/22872
[2] ATI Catalyst 11.1: http://tinyurl.com/catalyst-11-1-linux
[3] Aktueller Atheros-AR8151-Treiber: http://ubuntuforums.org/showthread.php?p=10414456
[4] Test HP Pavilion dv6 3051sg: Daniel Kottmair, “Günstiges Früchtchen”, LU 10/2010, S. 76, https://www.linux-community.de/21985
[5] Unigine Grafikbenchmarks: http://unigine.com






