Maintenance-Release Mandriva 2010.2

Aus LinuxUser 02/2011

Maintenance-Release Mandriva 2010.2

© LNM AG

Modellpflege

Mandriva ist im Linux-Umfeld seit mehr als einem Jahrzehnt ein fester Begriff. Jetzt steht die bereits dritte Version des Jahres 2010 mit über 5.000 aktualisierten Paketen zum Download bereit.

Mandriva Linux [1], eine der ältesten und bedienerfreundlichsten Linux-Distributionen überhaupt, geriet im vergangenen Jahr in heftige Turbulenzen, die in Teilen der Community die Frage nach dem Fortbestand des französisch-brasilianischen Betriebssystems aufkommen ließen [2]. Kurz vor Weihnachten hat sich die Distribution mit dem neuen Release 2010.2 kraftvoll zurückgemeldet.

Mandriva 2010.2 fällt zeitlich aus dem Rahmen. Üblicherweise liefert das französische Unternehmen halbjährlich eine neue Version, die 2010.2-Variante weicht als drittes Release im Jahr 2010 vom bisherigen Veröffentlichungszyklus ab. Das Betriebssystem verzichtet denn auch auf revolutionären Neuerungen und präsentiert sich vornehmlich als fehlerbereinigte und aktualisierte Fassung der “Spring”-Version. Die Entwickler geben an, über 5000 Pakete auf den neuesten Stand gehoben zu haben.

Als entsprechend aktuell erweist sich die Ausstattung: Mit Kernel 2.6.33-7, KDE SC 4.4.3, Firefox 3.6.13 sowie OpenOffice 3.2.0 und dem Bildbearbeitungsprogramm Gimp 2.6.8 hat Mandriva 2010.2 in vielen Bereichen eine Runderneuerung mit stabilen Versionen bekommen. Auch die distributionseigenen grafischen Drak-Tools, die der bequemen und einfachen Systemverwaltung dienen, wurden technischen Neuerungen angepasst.

Wie gewohnt gibt es Mandriva 2010.2 in den Varianten Free, One und PowerPack. Bei Mandriva One enthält als Live-CD mit Installationsmöglichkeit auch proprietäre Codecs, die DVD-Variante Mandriva Free dient der direkten Installation des Systems auf der Festplatte [3]. Die kostenpflichtige Powerpack-Variante schließlich bringt Codecs und proprietäre Software beispielsweise von Fluendo und Adobe mit. Alle drei Versionen grenzen sich durch ein jeweils leicht verändertes Erscheinungsbild voneinander ab.

Neben der Versionsvielfalt glänzt Mandriva wie bisher durch verschiedenste Desktop-Umgebungen. Als Standard-Desktop verwendet das System KDE, daneben lassen sich auch Gnome und LXDE auswählen. Als etwas exotischere Variante bietet die Distribution zudem den Xfce-Desktop an. Damit lässt sich das Betriebssystem sowohl auf alter als auch brandneuer Hardware problemlos betreiben. Zusätzliche 64-Bit-Varianten der Free- und Powerpack-Edition erlauben, die Vorteile entsprechender Prozessoren voll auszunutzen.

Hardware und Treiber

Mandriva steht seit jeher im Ruf, eine der besten Hardware-Erkennungsroutinen im Linux-Umfeld zu besitzen. Auch die Version 2010.2 macht hier keine Ausnahme, sondern gestattet sich selbst auf brandneuen Notebooks keinerlei Blöße. So erkannte es im Test auf einem ansonsten etwas kapriziösen Lenovo-Thinkpad nicht nur die integrierte Webcam erkannt und sprach sie korrekt an; auch der biometrische Sensor für die Authentifizierung und ein eingebauter Smartcard-Leser funktionierten ohne Nacharbeit (Abbildung 1).

Abbildung 1: Wie üblich erkennt Mandriva 2010.0 die Hardware ohne Probleme.

Abbildung 1: Wie üblich erkennt Mandriva 2010.0 die Hardware ohne Probleme.

Auch den passenden Treiber zur Ansteuerung der Grafikkarte wählt das System aus und stellt das Display auf die korrekte Farbtiefe, Auflösung und Bildwiederholfrequenz ein. Eine weitere Besonderheit finden Sie im Untermenü Hardware | Konfigurieren der 3D Desktop Effekte des Mandriva-Kontrollzentrum (Abbildung 2): Hier aktivieren Sie per Mausklick nicht nur das allseits bekannten Compiz Fusion, sondern daneben auch den wenig bekannten 3D-Manager Metisse [4]. Diese eher unbekannte Oberfläche ist das Ergebnis eines Forschungsprojekts, an dem sich das Unternehmen Mandriva direkt beteiligt [5].

Abbildung 2: Mandriva bietet per Mausklick gleich zwei verschiedene 3D-Desktops.

Abbildung 2: Mandriva bietet per Mausklick gleich zwei verschiedene 3D-Desktops.

Das innovative Metisse will jenseits von optischen Gimmicks die Anwenderfreundlichkeit des PC-Desktops erhöhen. Dazu verzichtet es auf viele ressourcenfressende Spielereien und stellt stattdessen die Produktivität in den Vordergrund. So gestattet der Desktopmanager beispielsweise das Umblättern von Fenstern, um darunterliegende Programme oder Dateifenster sichtbar zu machen. Auch ein erweitertes Menü zur Fensterverwaltung sowie über den Rand des eigentlich sichtbaren Bildschirmbereichs hinaus gleitende Arbeitsoberflächen runden das Funktionsangebot von Metisse ab. Dabei implementiert es alle gängigen Standardfunktionen moderner Compositing-Desktops wie Transparenz.

Sicherheit

Die nicht nur bei Serveradministratoren geschätzte Sicherheit von Linux wahrt Mandriva konsequent auch auf dem Desktop. Während man sich bei weniger ausgereiften Linux-Distributionen durch einen Dschungel an unterschiedlichen Sicherheitseinstellungen kämpfen muss, bietet Mandriva mit MSEC im Rahmen des Kontrollzentrums alle relevanten Modifikationsoptionen unter einer einheitlichen Oberfläche an (Abbildung 3).

Abbildung 3: So einfach sichern Sie Ihr System unter Mandriva ab.

Abbildung 3: So einfach sichern Sie Ihr System unter Mandriva ab.

Diese einmalige, auch für Einsteiger ohne tiefere Vorkenntnisse leicht zu bedienende Oberfläche sorgt ohne umständliche Suche und Konfiguration auf der Kommandozeile für einen rundum sicheren Desktop. Ergänzt wird das MSEC-Framework durch eine Kindersicherung (Abbildung 4), die Sie ebenfalls im Mandriva-Kontrollzentrum im Untermenü Sicherheit | Kindersicherungen finden. Sie bietet neben den üblichen Black- und Whitelists von Internet-Adressen auch eine Feinjustierung des Netzzugangs sowie eine Zeitsteuerung für die Netznutzung an. Obendrein können Sie in einem eigenen Reiter benutzerspezifisch einzelne Anwendungen sperren. Damit erfreut Mandriva 2010.2 mit der wohl am einfachsten zu bedienenden und gleichzeitig funktionell umfangreichsten Kindersicherung, die es derzeit unter Linux im Lieferumfang einer Distribution gibt.

Abbildung 4: So kann der Nachwuchs auch mal unbeaufsichtigt am PC surfen: Die Kindersicherung von Mandriva.

Abbildung 4: So kann der Nachwuchs auch mal unbeaufsichtigt am PC surfen: Die Kindersicherung von Mandriva.

Software

Hinsichtlich der Auswahl an verfügbarer Software steht Mandriva anderen populären Distributionen wie Debian, Fedora oder Ubuntu um nichts nach. In den diversen Repositories finden sich mehr als 30?000 Applikationen, die selbst ausgefallene Anwender-Wünsche befriedigen.

Im Kontrollzentrum bietet Mandriva über das Menü Software verwalten | Installieren & Entfernen von Software eine einfache Möglichkeit, den Programmbestand auf der heimischen Festplatte zu erweitern. Bei der Installation löst das System auch alle Abhängigkeiten auf, sodass die Grenzen zwischen unterschiedlichen Desktop-Welten verschwinden, weil Mandriva benötigte Bibliotheken automatisch nachzieht. Freunde der Kommandozeile erledigen zudem mit dem Mandriva-eigenen Urpm-Paketmanagement die gleichen Aufgaben mit äußerst mächtigen Werkzeugen ohne grafische Oberfläche [6].

Doch bereits in der Standardinstallation steht der Anwender oftmals vor der Qual der Wahl, denn die Distribution installiert – sofern sinnvoll – für den gleichen Einsatzzweck oft zwei oder drei verschiedene Programme. So finden Sie beispielsweise im Untermenü Internet bei Mandriva neben Firefox stets auch Googles Webbrowser Chromium. Zusätzlich residieren hier auch noch die desktopspezifischen Browser wie Konqueror, Midori oder Epiphany, sodass Sie auf langsamen Rechnersystemen auch ressourcenschonende Applikationen nutzen können, ohne die Programme erst nachzuziehen. Lediglich Powerpack-Anwender müssen sich mit einem geringeren Softwarebestand zufriedengeben: Das auf den Unternehmens- und Behörden-Desktop abzielende Mandriva Powerpack installiert keine Spiele.

Semantischer Desktop

Eine weitere Innovation, mit der Mandriva 2010.2 glänzt, ist der semantische Desktop Nepomuk [7]. Das von der Europäischen Union mit 11,5 Millionen Euro geförderte Projekt entwickelt grob skizziert eine neuartige Form der Datei-Indizierung: Während die Suchfunktionen der Dateimanager sich bislang an Dateinamen und -endungen orientieren, gestattet Nepomuk eine kontextsensitive Indizierung anhand sogenannter Metatags. Hierbei handelt es sich um Schlagwörter, Zeitstempel oder auch Internet-Adressen. Der semantische Desktop – bislang im Linux-Umfeld nur vom KDE-Projekt konsequent implementiert – erleichtert daher die Arbeit mit Dateien und Programmen für den Endanwender enorm. Neben IBM beteiligt sich Mandriva bislang als einziger Betriebssystemhersteller von Bedeutung direkt an der Entwicklung des semantischen Desktops [8].

Nepomuk ist in Mandriva 2010.2 erst einmal ausgeschaltet, da die unterschiedlichen Dienste für Indizierung, Backup und Suchfunktion auf leistungsschwächeren Computersystemen erhebliche Ressourcen in Anspruch nehmen. Auf unserem Testsystem mit Zweikern-Prozessoren jenseits von 2 GHz Taktfrequenz arbeitete der Indizierungsdienst jedoch ohne nennenswerte Ressourcenprobleme erstaunlich schnell. Sie aktivieren Nepomuk sowie die dazu gehörigen Dienste unter KDE im Menü Werkzeuge | Systemwerkzeuge | Die Arbeitsumgebung konfigurieren | Desktopsuche. Im übersichtlichen Einstellungsfenster schalten Sie nach dem Anklicken des Radiobuttons Nepomuk-Semantik-Dienste aktivieren zusätzlich den Indexer Strigi ein (Strigi-Datei-Indexer aktivieren).

Nach der erstmaligen Indizierung steht auf dem KDE-Desktop nun die semantische Suche zur Verfügung. Klicken Sie beispielsweise auf ein Bild, das von Nepomuk indiziert wurde, so bekommen Sie dazu die Metatags angezeigt. Die Suchfunktion in Dolphin öffnet dann ein gesondertes Filterfenster, in dem Sie auch gezielt Metatags als Suchkriterium angeben können (Abbildung 5).

Abbildung 5: Dateisuche leicht gemacht dank Nepomuk, dem semantischen Desktop in Mandriva.

Abbildung 5: Dateisuche leicht gemacht dank Nepomuk, dem semantischen Desktop in Mandriva.

Fazit

Mit Mandriva 2010.2 legt die französisch-brasilianische Softwareschmiede wieder ein ausgezeichnetes Betriebssystem vor. Aufgrund der kontinuierlichen Weiterentwicklung mit dem Fokus auf Bedienerfreundlichkeit und eigenentwickelte, logisch durchdachte Werkzeuge weist Mandriva die Desktop-Konkurrenz auch im Linux-Lager in die Schranken. Dabei demonstrieren die Entwickler eindrucksvoll, dass Bedienerfreundlichkeit nicht – wie bei anderen Betriebssystemen – zu Lasten der Sicherheit gehen muss und umgekehrt nicht nur Sysadmins die Sicherheit des Desktops oder Servers adäquat konfigurieren können. Die Distribution eignet sich damit bestens sowohl für Einsteiger ohne Vorkenntnisse als auch für Profis, die ein Betriebssystem für den zuverlässigen Servereinsatz benötigen und sich nicht mit mangelnder Hardware-Unterstützung und ständigen Workarounds herumschlagen wollen. 

Infos

[1] Mandriva: http://<http://www.mandriva.com

[2] Mandriva und Mageia: Wolfgang Bornath, “Magische Momente”, LU 11/2010, S. 31, https://www.linux-community.de/22182

[3] Downloadquellen unter http://wiki.mandriva.com/en/Mandriva_mirrors#Germany

[4] Metisse im Test: Erik Bärwaldt, “Gefällige Mischung”, LU 05/2007, S. 59, https://www.linux-community.de/12922

[5] Metisse: http://insitu.lri.fr/metisse/

[6] Mandriva-Paketmanagement: O. Burger und W. Bornath, “Dynamisches Duo”, LU 01/2010, S. 46, https://www.linux-community.de/19890

[7] Semantischer Desktop Nepomuk: Sebastian Kügler, “Daten mit Bedeutung”, LU 04/2010, S. 88, https://www.linux-community.de/20409

[8] Nepomuk-Projektseite: http://nepomuk.kde.org/

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