Editorial

Aus LinuxUser 10/2010

Editorial

SCOracle?

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

gut ein halbes Jahr nach der Übernahme von Sun sorgte Oracle Mitte August mit zwei Paukenschlägen für weltweites Aufsehen: Zunächst versetzte es OpenSolaris den Todesstoß, indem es die Entwicklung aus der Community zurück hinter geschlossene Unternehmenstüren holte [1]. Gleich danach verklagte Oracle Google wegen dessen Linux-basierten Betriebssystems Android, das nach Oracles Ansicht Lizenzen und Patente von Java verletzt [2]. Im daraufhin folgenden Sturm der Entrüstung bezeichneten Kommentatoren Oracle wahlweise als verrückt, einen Patent-Troll, den neuen Hauptfeind freier Software oder als das “neue SCO”. SCOracle also? Wer sich eine fundierte Meinung zu dem Thema bilden möchte, sollte schon etwas genauer hinsehen. Dabei wird schnell klar, dass der Schurke dieses Dramas nicht Oracle heißt, sondern Google.

Die Java-Lizenz [3] gewährt in Punkt 2 alle Rechte zum Reimplementieren der Spezifikation sowie einen Patentausschluss – vorausgesetzt, das Resultat ist vollständig sowie kompatibel zum Original. Daran hält sich das freie Java, weswegen die aktuelle Klage es gar nicht betrifft. Google stand der selbe Weg offen, der dem Unternehmen aber zu anstrengend war. Die Alternative hätte in einer Lizenzierung von Java ME bei Sun bestanden, worüber tatsächlich schon Verhandlungen in Gang waren. Wie der Java-Vater James Gosling in seinem Blog berichtet [4], war Google aber nicht bereit, sich die zu erwartenden Gewinne durch eine Lizenznahme schmälern zu lassen. Deswegen implementierte Google lieber per Reverse-Engineering von Java eine sorgsam nicht nach Java aussehende Frankenstein-Version der Java-VM. Diese sogenannte Dalvik Virtual Engine verarbeitet zwar Java-Programme, die man dazu aber erst rekompilieren muss. Mit dieser “Ich-bin-keine-Java-VM”-Taktik erhoffte sich Google offenbar, die Lizenzbedingungen von Java ungestraft und vor allem kostenlos aushebeln zu können. Wie war das mit “Don’t be evil”?

Oracle und Google: Zwei Industrie-Giganten, die sich darum kloppen, wer woran wieviel verdienen darf – der Fall hat wenig Bedeutung für Open Source. Relevanter erscheint da schon der Ansatz Oracles, Suns Server-Betriebssystem künftig wieder unter Aussschluss der Community zu entwickeln. Dabei zieht Oracle kein Stück Open Source wieder zurück: Es verspricht sogar, auch künftig den Solaris-Code unter der freien (aber nicht GPL-kompatiblen) CDDL [5] zu veröffentlichen – aber erst nach dem jeweiligen Release des kommerziellen Produkts. Das widerspricht zwar massiv dem Grundgedanken von Open Source, ist aber lizenztechnisch gesehen völlig in Ordnung. Allerdings genügt es, um dem OpenSolaris-Projekt das Genick zu brechen; den freien Entwicklern bleibt nur die Alternative eines Forks [6].

Die Moral von der Geschicht’: Trau keinem ohne GPL. Firmen, die heute scheinbar die besten Freunde von Open Source sind, können freier Software morgen schon empfindlich wehtun, wenn man sich blind auf bloße Versprechen verlässt. Ihre Einstellung zu FOSS kann sich jederzeit ändern, etwa durch eine Übernahme (wie bei Sun/Oracle), durch einen Führungswechsel (wie bei SCO), oder aufgrund wirtschaftlichen Erfolgsdrucks. Das sollte sich vor allen Dingen Gnome-Guru Miguel de Icaza klarmachen, der seit Jahren in Form von Mono und neuerdings Moonlight völlig bedenkenlos patentierte Microsoft-Technologie in Linux injiziert. Jetzt schlägt er allen Ernstes vor, Google solle doch in Android statt Java lieber C# und .NET einsetzen [7]

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

[1] Oracles neue Solaris-Strategie: http://sstallion.blogspot.com/2010/08/opensolaris-is-dead.html

[2] Oracle-Klage gegen Google: http://www.groklaw.net/pdf2/OrvGoogComplaint.pdf

[3] Java-Lizenz: http://java.sun.com/javase/6/jdk-6u21-doc-license.txt

[4] James Gosling über Google, Sun und Java: http://nighthacks.com/roller/jag/entry/quite_the_firestorm

[5] OpenSolaris-Lizenz CDDL: http://de.wikipedia.org/wiki/Common_Development_and_Distribution_License

[6] Illumos-Projekt: http://www.illumos.org

[7] “Initial Thoughts on Oracle vs Google Patent Lawsuit”: http://tirania.org/blog/archive/2010/Aug-13.html

LinuxUser 10/2010 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

2 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Rolf
15 Jahre her

Hallo,

guter Artikel. Aber Google hat ja die Runtime-Bibliotheken von Apache Harmony als Basis hergenommen, und das steht unter der Apache-V2-Lizenz.
Wieso dann der ganze Rummel um Lizenzgebühren?

Rolf

boelwerkr
15 Jahre her
Reply to  Rolf

Um Lizenzen kann es ja nicht gehen, da es seine vollständig unabhängige Teilimplementation der offiziellen Spezifikationen handelt. Java ist vollständig dokumentiert und man kann sie sich herunterladen und danach einen voll funktionstüchtigen Interpreter und Compiler schreiben. Das wurde auch schon mehrfach gemacht. Es können also nur SoftwarePatente sein, die hier Anwendung finden. Wobei ich mich frage was man an einer Programmiersprache Patentieren kann. Eine Programmiersprache setzt zuvor entworfene Konzepte um und ich bin mir sicher, dass diese Konzepte (Objektorientierung, Systeminteraktion über “Streams”, etc) nicht von Sun/Oracle kommen. Die Patente können also nur spezielle Formulierungen der Sprache behandeln. Könnte es also… Mehr »

Nach oben