Jörn Lindaus Gentoo-Ableger Toorox macht mit pfiffigen Ideen gerade Linux-Neulingen den Einstieg leicht.
README
Toorox 05.2009 liegt in einer LinuxUser-Edition vor. Es basiert auf Gentoo und nutzt den aktuellen KDE 4.2.3-Desktop.
In der Distributionslandschaft tummeln sich mittlerweile eine Vielzahl von Live-CD/DVD-Systemen, die sich aber meist nur als remasterte Abkömmlinge weniger populärerer Basis-Distributionen entpuppen. Zu den lohnenswerten Ausnahmen und Spezialfällen zählt Toorox [1]: Dieses Live-System basiert auf Gentoo (siehe Kasten “Gentoo”), erspart jedoch durch das installierbare Basissystem die zeitaufwändige Gentoo-Installation. Der Entwickler Jörn Lindau setzt außerdem auf ein Linux für Ein- und Umsteiger ohne überladene Menüs und kryptische Programmnamen.
Gentoo
Gentoo [2] unterscheidet sich grundlegend von anderen Linux-Systemen: Bei der Paketverwaltung setzt sie statt auf Binäres ganz auf den Quellcode einer Software. Sie lädt diesen herunter und kompiliert ihn unter Vorgabe bestimmter vom Anwender vorgegebener Anpassungen (“Flags”). Klassische Gentoo-Installationen beginnen mit einem kleinen Verzeichnisbaum mit den grundlegenden Systemelementen (Bootstrap) und kompilieren dann Stück für Stück das gesamte Linuxsystem neu.
Der Vorteil liegt auf der Hand: ein direkt aus den Quellen zugeschnittenes System läuft stabiler und schneller. Der Nachteil: Der Kompiliervorgang dauert erheblich länger als eine herkömmliche Paketinstallation. Vor allem eine Basisinstallation oder deren komplettes Update geraten je nach Rechnerleistung zur wahren Geduldsprobe.
Um Software aus den Repositories nachzuinstallieren, setzt man entweder mit administrativen Rechten den Befehl emerge Paketname ab oder nutzt den komfortablen grafischen Paketmanager Porthole. Er ordnet die vorrätige Software in Themengebiete, so dass Sie leicht das Gewünschte finden.
Einlegen, fertig, los …
Im übersichtlichen Bootmenü suchen Sie die für Ihren Monitor passenden Einstellungen und starten den Bootprozess mit der Eingabetaste. Wer weiß was er tut, gibt mittels [Tab] noch einige Bootparameter mit auf den Weg.
Der Bootvorgang verrät die Knoppix-Wurzeln (linuxrc), deren bewährter Funktionen sich Toorox bedient. Nach erfreulich kurzer Zeit begrüßt Sie ein eleganter KDE-4-Desktop mit vorkonfigurierten Desklets für einen Schnellzugriff auf wichtige Programme und die angeschlossenen Laufwerke. Ein Desklet informiert über den laufenden Netzwerkbetrieb. Der KDE-eigene Browser Konqueror liefert einige Informationen zur vorliegenden Toorox-Ausgabe.
Die faserig erscheinenden Fonts gründen auf einem falsch gesetztem Häkchen: Wählen Sie das Einstellungen-Symbol aus der KDE-Leiste und klicken Sie im geöffneten Fenster auf KDE-Einstellung. In dem noch nicht an die deutsche Sprache angepassten Menü Look & Feel wählen Sie den Punkt Appearance. Unter Fonts betätigen Sie den Schalter Einrichten neben der Option Kantenglättung verwenden: und entfernen besagtes Häkchen für die Funktion Bereich ausschließen.
Gerade Einsteiger dürften mit Toorox schnell zurecht kommen. So finden sich im K-Menü unter Programme nicht die für Neulinge oft unverständlichen Begriffe wie Konqueror oder Dolphin, sondern nach Funktionen benannte Einträge (Webbrowser, Dateimanager, etc.). Leider sieht der Benutzer im K-Menü zuerst den Reiter Favoriten, der sich nicht an diese Vorgaben hält.
Wer mit dem Bedienkonzept des KDE-4-Menüs nicht klar kommt, nutzt das Icon direkt daneben: Hier finden Sie eine aufklappende Menüstruktur im alten Stil. Wie bei einem DVD-Live-System kaum anders zu erwarten, bietet Toorox für jede wichtige Arbeit eine entsprechende Software. Bis auf wenige Ausnahmen verfolgt der Toorox-Entwickler Jörn Lindau dabei den Ubuntu-Ansatz, jeder Aufgabe nur eine Applikation zu widmen. Das erhöht die Übersichtlichkeit und hilft dabei, gerade Neulinge nicht zu überfordern.
Neben den üblichen Brot-und-Butter-Applikationen stöbern Sie unter Toorox vor allem in den Bereichen Multimedia und Bildung/Wissenschaft einige Perlen auf. So bietet die Distribution neben den Videoeditoren Cinelerra und Kino auch professionelle Audioverarbeitung mittels Ardour2 an. Als kleine Besonderheit setzt Toorox, wie auch das Debian-Projekt, auf den Firefox-Zwilling Iceweasel. Über den Release-Stand der wichtigsten Anwendungen informiert Sie die Tabelle “Toorox 05.2009 im Überblick”.
Toorox 05.2009 im Überblick
| Kernel | 2.6.28-gentoo-r2 |
| Desktop | KDE 4.2.3 |
| XServer | X.org 1.5.3 |
| Paketmanager | Porthole 0.6.0_rc4 |
| Büro | OpenOffice.org 3.1.0 |
| Internet | Iceweasel 3.0.10 (Firefox), Thunderbird 2.0.0.21 |
| Multimedia | Amarok 2.0.2, Audacious 2.0.2, Ardour 2.7.1, Cinelerra 20090210, K3b 1.0.5, Kino 1.3.3 |
| Sonstiges | Gimp 2.6.6, Wine 1.1.21 |
Hinter den Knöpfen Systemeinstellungen in der KDE-Leiste und Systemconfig im Desklet Favorite Applications verbergen sich die gesammelten Konfigurationswerkzeuge rund um den Computer. Allerdings spürt der Anwender hier deutlich das Baukastenprinzip eines Linux-Systems, aus dem stellenweise ein recht inkonsistentes Bediengefühl resultiert. So nutzt Toorox für einige Aufgaben die KDE-Bordmittel und integriert dann beispielsweise zum Einrichten der Festplatte GParted. Trotzdem lassen sich die sorgsam ausgewählten Werkzeuge gut bedienen, sodass auch Neulinge schnell zum Ziel kommen. Ein einheitliches Konfigurationskonzept wie bei YaST käme aber gerade Linux-Novizen sicher mehr entgegen, zumal die nicht durchgängig deutsche Lokalisierung der einzelnen Tools stört.
Laut und bunt
Besonderes einfach macht Toorox das Nachinstallieren von Multimedia-Elementen, die in den allermeisten Distribution aus rechtlichen Gründen fehlen. Das Paketsymbol Treiber,Multimedia in den gesammelten Systemeinstellungen verbirgt eine Ein-Klick-Installation für ATI- und NVidia-Treiber, das Flash-Plugin, MP3-Support und verschiedene Multimedia-Bibliotheken (Abbildung 1). Einfacher kann es ein Entwickler seinen Anwendern derzeit nicht machen, wenn er rechtlich auf Nummer sicher gehen will.

Abbildung 1: Mit nur einem Klick holen Sie sich MP3-Support oder einen proprietären Grafiktreiber in das System.
Die Installation dauert Gentoo-typisch ihre Zeit, weil das System die Pakete nicht nur lädt und einspielt, sondern vorher erst kompiliert (siehe Kasten “Gentoo”). Ein Mausklick auf das gewünschte Objekt startet in einer Konsole den nichtgrafischen Installationsvorgang. Das Installieren des NVidia-Treibers klappte auf unserem Testsystem hervorragend selbst aus der nicht installierten Live-DVD heraus. Anschließend waren nach einem Neustart des X-Servers ([Strg]+[Alt]+[Rückschritt]) auch die 3D-Desktop-Effekte automatisch aktiviert.
Starten leicht gemacht
Wer gar nicht mit beiden KDE-Menüs zum Auffinden der richtigen Software klarkommt, für den hält Toorox eine Starthilfe bereit. Die nette Linksammlung unter dem Namen Starter für die wichtigen Programme erscheint nach einem Klick auf das blaue Fragezeichen-Symbol in KDE-Leiste und Desklet. OpenOffice Writer finden Sie hier weder unter diesem Namen noch als “Textverarbeitung” – unter Toorox nennt sich der Link Brief schreiben. Audacious dudelt seine Musik nach einem Klick auf das Icon Musik hören, und so weiter (Abbildung 2). Das vereinfacht zwar nicht die Bedienung der einzelnen Programme, gibt aber einen schnellen Überblick über die wahrscheinlich am häufigsten genutzten Anwendungen.
Toorox in der Jackentasche
Möchten Sie Toorox statt von der DVD lieber vom handlicheren USB-Stick nutzen, starten Sie im Desklet Desktop über Toorox-Live-Stick erstellen ein entsprechendes Installationsskript. Die Bildschirmanweisungen fordern Sie auf, alle USB-Speichergeräte von Ihrem Rechner zu entfernen, sodass Sie nicht versehentlich auf ein falsches Gerät zugreifen. Stecken Sie anschließend einen mindestens 2 GByte großen Stick ein und drücken Sie auf Ok.
Toorox löscht nun das Medium und macht es bootfähig. Zwar erscheinen dabei kein Fortschrittsbalken oder ähnliche grafische Rückmeldungen, trotzdem arbeitet das Skript fleißig auf dem USB-Stick. Nach einiger Zeit erscheint ein Fenster (Abbildung 3) und verlangt von Ihnen die Bestätigung, nun das Live-System auf den Stick schreiben zu dürfen.

Abbildung 3: Ohne sonstige Rückmeldungen müssen Sie auf ein weiteres Dialogfenster warten, bevor Ihr Toorox-Stick erstellt wird.
Auch jetzt erkennen Sie lediglich am, je nach Bauausführung, blinkenden Stick und rotierenden DVD-Laufwerk, dass Toorox noch werkelt. Mit dem Tipp, beim nächsten Start im BIOS Ihres Computers die Bootreihenfolge zu Gunsten eines USB-Device zu ändern, verabschiedet sich das Skript nach getaner Arbeit. Von USB-Stick bootet Toorox deutlich schneller und der KDE4-Desktop lässt sich auch flüssiger bedienen. Allerdings sieht der Herausgeber bisher keine Möglichkeit vor, Konfigurationen und persönliche Daten für einen erneuten Start vom Stick zu speichern.
Toorox behalten
Wem Toorox so zusagt, dass er diese Distribution auf seine Festplatte bannen möchte, sucht im Desklet Desktop das Symbol Toorox Festplatten Installation. Das Skript, um Toorox auf Ihren Rechner zu bringen bezeichnet Lindau selbst noch als “experimentell” und warnt vor eventuellen Datenverlusten. Wir sind das Risiko eingegangen und richteten als nächsten Schritt mittels GParted die Festplatte ein. Erstellen Sie am besten eine Swap-Partition mit der doppelten Größe Ihres Arbeitsspeichers und eine Ext3-Partition von mindestens 4 Gigabyte Umfang.
Beenden Sie GParted und das Installationsskript fährt mit seinen Dialog-Anweisungen fort. Hat Toorox erfolgreich eine Swap-Partition und mindestens eine Datenpartition gefunden, fordert das Skript Sie zur Eingabe Ihres Namens und des gewünschten Benutzernamens auf. Nach der Eingabe des Passwortes beginnt auch schon die Installation auf die Festplatte, nach deren Ende noch ein Bootloader in den MBR geschrieben wird. Sie können dies ablehnen und den Bootloader Ihres bisherigen Linuxsystems entsprechend konfigurieren. Andere Konfigurationsmöglichkeiten erlaubt das noch sehr rudimentäre Skript derzeit nicht.
In unserem Test gelang die Installation der Distribution auf Festplatte nicht in jedem Versuch auf Anhieb. So akzeptierte die Installationsroutine ausschließlich ein Beschreiben der ersten Partition. Das System auf mehrere Partitionen aufzuteilen sieht das Skript noch nicht vor. Zudem dürften die noch etwas rudimentären Funktionen des Installers nicht nur Linux-Neulinge etwas verwirren: So entsprechen zum Beispiel die erläuternden Dialogtexte nicht den tatsächlichen grafischen Menüs (Abbildung 4).

rechte Box und das Gerätesymbol existieren bis jetzt lediglich in der Imagination des Programmierers.” width=”260″ height=”300″ />
rechte Box und das Gerätesymbol existieren bis jetzt lediglich in der Imagination des Programmierers.Fazit
In Toorox finden Sie eine interessante Alternative zu den unzähligen Live-Distributionen. Dabei achtet der Entwickler bei jedem neuen Release auf höchste Aktualität. Die Linksammlung zu den Systemkonfigurationstools und vor allem der gelungene Treiber- und Multimediasupport per Mausklick verdeutlichen den Interessierten, dass Linuxkonfiguration und Multimediales auch unter dem freien Betriebssystem keine Hexerei sind.
Das rudimentäre Installationsskript verbietet derzeit allerdings noch ein ernsthaftes Arbeiten mit Toorox am Desktoprechner. Als “Ersatzlinux” für die Westentasche zum Vorführen, aber auch als Rettungstool am Schlüsselbund leistet Toorox bereits jetzt hervorragende Dienste.






