Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
das Jahr 2009 steht vor der Tür und soll – wer hätte das gedacht? – wieder einmal zum “Jahr des Linux-Desktops” werden. Der sich diesmal mit dieser Theorie aus dem Fenster hängt, ist kein geringerer als Jim Zemlin, seines Zeichens Executive Director der Linux Foundation. Er gibt sich in seinem Blog davon überzeugt, dass Linux 2009 auf mehr Desktops ausgeliefert werden wird als Windows [1].
Damit spielt er auf DeviceVMs Splashtop-Software [2] an, die binnen Sekunden nach dem Einschalten des PCs ein Minimal-Linux samt Browser, Chat-Client, Musikplayer und mehr auf den Bildschirm bringt, während im Hintergrund das eigentliche Betriebssystem des PCs vor sich hin bootet. Etliche Hersteller bietet dieses Feature bereits jetzt oder in naher Zukunft in ihren Motherboards und Geräten an – darunter so namhafte Anbieter wie Asus, Dell, Hewlett-Packard und Lenovo. Andere, wie etwa der BIOS-Entwickler Phoenix Technologies, basteln mit eigenen Linux-basierten Produkten an der selben Idee.
Breitenwirksam sind Splashtop & Co. zweifelsohne: Sogar Massenblätter wie die New York Times (NYT, [3]) beschäftigen sich inzwischen ausführlich mit den ärgerlich langen Zeiträumen, die PCs zum Hochfahren benötigen – oft drei Minuten und mehr. Schuld daran ist, mutmaßen die NYT wie auch die meisten betroffenen Anwender, wohl Microsofts überfettetes Betriebssystem Windows Vista.
Na prima: Dann dient also Linux im kommenden Jahr auf dem Desktop wohl vor allem dazu, über die immanenten Schwächen des schnarchlangsam bootenden Vista hinwegzutäuschen und damit den Redmondschen Betriebsystemflop wenigstens noch so lange am Leben zu halten, bis endlich der Nachfolger Windows 7 erscheint. Dass der schicke Splashtop, den sie derweil so intensiv nutzen, eigentlich ein Linux ist, werden wohl nur die wenigsten Anwender mitbekommen: Versuchen Sie mal, auf der Splashtop-Website das Wort “Linux” zu finden.
Soll einen jetzt wirklich freuen, dass Linux im neuen Jahr ausgerechnet auf diese Weise den Weg auf viele Rechner findet? Jim Zemlin würde diese Frage augenscheinlich bejahen. Ich meine, die Linux Foundation sollte sich lieber um die Bootzeiten echter Linux-Desktops kümmern, statt Splashtop zu hochzujubeln. Dazu könnte sie beispielsweise einmal ihre Mitglieder Dell und Hewlett-Packard [4] dazu animieren, neben Splashtop-armierten Windows-Geräten mal echte Linux-PCs mit angepassten, unter 30 Sekunden bootenden Distributionsvarianten auszuliefern.
Dass das technisch kein Problem ist, hat neulich Jürgen B., ein Mitglied meiner heimischen LUG Erding, in einem klassischen “Wochenend-Projekt” demonstriert. Mit Bootchart [5] bewaffnet, drückte er die Bootzeit des Standard-Gentoo auf seinem Acer-Notebook von ursprünglich 69 auf 22 Sekunden und reduzierte sie dann durch Einbau einer SSD noch einmal um knapp die Hälfte auf 14 Sekunden [6]. Was ein ambitionierter Bastler an einem verregneten Wochenende kann, das sollte die PC-Industrie auch gerade noch schaffen, oder?
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
[1] Blog von Jim Zemlin: http://www.linux-foundation.org/weblogs/jzemlin/2008/10/29/linux-to-ship-on-more-desktops-than-windows/
[2] Splashtop-Homepage: http://www.splashtop.com
[3] NYT – “Cutting PC start time” (Registrierung erforderlich): http://www.nytimes.com/2008/10/26/technology/26boot.html
[4] Linux-Foundation-Mitglieder: http://www.linuxfoundation.org/en/Members
[5] Bootchart: http://www.bootchart.org
[6] “Lightning Gentoo”: http://home.mnet-online.de/jay/lg/



