Das One 110L sieht toll aus, bootet unglaublich schnell und fühlt sich überhaupt sehr gut an. Das perfekte Linux-Netbook – wären da nicht ein paar kleine Schönheitsfehler.
Mit einem Preis von 330 Euro, dem 9-Zoll-Display und einer 8-GByte-SSD bietet sich das Aspire One für alle an, denen der Eee-PC 701 zu klein und das Aldi/Medion-Netbook [1] zu teuer ist. Der Rechner bringt einen auf 1,6 GHz getakteten Atom-Prozessor und 512 MByte Hauptspeicher mit, als Festplatte kommt eine 8 GByte große Solid State Disk zum Einsatz. Das spiegelnde, aber brillante 8,9-Zoll-Display mit einer Auflösung von 1024×600 Bildpunkten steuert ein GMA945-Chip von Intel an.
Das WLAN-Modul stammt von Atheros (AR5006EG). Es beherrscht die Modi 802.11b/g und WPA2-Verschlüsselung. Die Fast-Ethernet-Karte und der Soundchip sind von Realtek. Die Webcam mit 1,3 Megapixeln listet lsusb als Acer Crystal Eye Webcam. Die nächste Serie der Aspire-One-Geräte will Acer mit einem SIM-Kartenslot und einem GSM-Modul ausstatten, so dass Sie damit auch ohne WLAN im Internet surfen können. Der entsprechende Schacht befindet sich bereits auf der Geräterückseite, auch die Systeminformationen führen auf dem Reiter Netzwerk den Menüpunkt 3G/WiMax auf.
Acer liefert das Gerät mit einer speziell auf den Aspire One angepassten Version von Linpus Linux Lite [2] aus, die mit Bootzeiten von unter 20 Sekunden überzeugt. Die auf XFCE basierende und mit diversen KDE- und Gtk-Programmen gespickte grafische Oberfläche lässt sich einfach bedienen, die Programmauswahl hat Acer allerdings stark beschränkt. Auch ein Wechsel zu einem kompletten XFCE-Desktop mit Dock ist nicht möglich, der Nutzer bleibt auf die vereinfachte Oberfläche beschränkt. Linpus Lite unterstützt sämtliche Hardwarekomponenten sowie Suspend-Modi des Aspire One inklusive Hotkeys perfekt, Nacharbeiten sind nicht notwendig.
Gut gemacht
Dank KPowersave unterstützt das Notebook auch die Autosuspend-Funktion. Nehmen Sie über 30 Minuten keine Arbeiten vor, versetzt das Tool den Aspire One automatisch in den Suspend-to-RAM-Modus. Das sehr einfach gehaltene Menü (Abbildung 1) zeigt für jeden Themenbereich drei Einträge an. Per Klick auf das Pfeilsymbol sehen Sie weitere Programme der gleichen Kategorie und die Favoriteneinträge. In dieser Ansicht ziehen Sie einfach das gewünschte Symbol per Drag & Drop auf die Favoriten, das dritte Symbol fällt dann automatisch aus dem Favoritenmenü heraus.

Abbildung 1: Die Linpus-Lite-Version des Aspire One unterscheidet sich im Design und in der Programmauswahl grundlegend von der freien Variante.
Die Programme hat Acer bunt gemischt und eine durchaus gute Auswahl aus KDE, Gtk. XFCE und kommerziellen Anwendungen getroffen. Unter den Spielen finden sich so neben den Klassikern Frozen-Bubble und LTris auch einige sehr hübsche, aber kommerzielle Tools. Hinter Einstellungen | Power Center steckt einfach KPowersave, ein Klick auf Eingabesprachen das SCIM-Tool von Gnome.
Der Rechner braucht im Normalbetrieb rund 13 Watt, unter Last steigt der Stromverbraucht auf 20 Watt an. Die Akkulaufzeit liegt zwischen zwei und drei Stunden, je nachdem wie hell das Display eingestellt ist und ob Sie WLAN nutzen. Acer hat dem Aspire One zwei Kartenleser spendiert. Der SD-Slot auf der linken Seite dient als Zusatz zur Festplatte. Das per ATA over USB integrierte Gerät bindet Linpus per Posix-Overlay ein [3]. Dabei handelt es sich um ein von Jan Engelhardt entwickeltes Dateisystem für FAT- und NTFS-Datenträger. Die Speicherkarte wird dabei transparent in den Linux-Dateisystembaum eingehängt und die zusätzlichen MByte stehen unter /home/user zur Verfügung. Der Kartenleser auf der linken Seite unterstützt Medien im SD-, MMC-, SDHC- und Memory-Stick-Format.
Kritikpunkte
Der eine oder andere Nutzer dürfte sich über die teilweise haarsträubenden Übersetzungsfehler oder schlicht fehlenden Übersetzungen aufregen (Abbildung 2), den insgesamt guten Eindruck der Linpus-Oberfläche kann dieser Umstand jedoch nicht zunichte machen. Mit einem Update ist hier schnell aufgeräumt. Anders sieht es mit den proprietären Programmen aus: One Mail (Abbildung 3) und One IM erfüllen ihren Zweck gut, aber es gibt zu den Programmen weder eine Produktseite noch den Quellcode. Auch war unsere Freude über die vielen tollen Spiele bald dahin, als wir bemerkten, dass es sich dabei nur um Demoversionen handelt.
Auf unsere Anfrage bezüglich der Lizenz von One Mail und Instant Messenger erhielten wir bis zum Redaktionsschluss keine Antwort von der Acer-Pressestelle. Auch an die Quellen von Linpus Lite zu gelangen, ist nicht ganz trivial. Sie finden Sie als Source-RPM auf dem FTP-Server von Linpus [4], allerdings nur die offiziellen Pakete, nicht die für den Aspire One angepassten, zudem fehlt just das passende Paket des Kernels. Updates für das Aspire One bietet der Update-Server von Linpus [5].

Abbildung 2: Die schlimmsten Übersetzungsfehler sind nach einem Update behoben. Die Abbildung zeigt den Zustand davor.

Abbildung 3: Das von Acer eigens für den Aspire One entwickelte Mail-Programm mit Kalender, Adressbuch und Newsreader.
Der Instant Messenger von Acer versteht sich zwar mit MSN, Yahoo, AIM und Google Talk, mangels Video-Support stellt er aber keinen kompletten Skype-Ersatz dar. Immerhin lässt sich das Fedora-6-Paket von der Skype-Homepage nach einem yum install qt4-x11 problemlos installieren und nutzen. Damit funktioniert auch der Videochat.
Ebenfalls nicht zu überzeugen vermögen Mediaplayer und Bildbetrachter: beides Eigenentwicklungen von Acer. Der Media Master spielt trotz MPlayer-Engine sehr viele Videoformate nicht ab. Zudem gelang es uns nicht, die Filme im Vollbildmodus zu betrachten. Unser Tipp: Starten Sie besser gleich gmplayer auf der Kommandozeile. Der Fotobetrachter bringt ebenfalls nur rudimentäre Funktionen mit, TIF-Bilder wollte er nicht darstellen, weil er das Dateiformat nicht kennt. Das Slideshow-Modul, welches als Bildschirmschoner automatisch die unter Photoframe gespeicherten Bilder anzeigt, hatte damit aber kein Problem.
OpenSuse und Ubuntu
OpenSuse 11.0 und Ubuntu 8.04.1 lassen sich über ein externes DVD-Laufwerk problemlos installieren. Achten Sie darauf, die Solid State Disk mit Ext2 zu formatieren: Journaling-Dateisysteme wie Ext3 oder ReiserFS schreiben sehr oft auf die Platte, wodurch deren Lebenserwartung sinkt. Weitere Distributionen lassen sich relativ gefahrlos ausprobieren. Mit Hilfe der beiliegenden Acer-DVD installieren Sie Linpus Lite jederzeit wieder auf dem Aspire One installieren. Dazu booten Sie entweder die DVD von einem externen Laufwerk oder legen die Scheibe in einen beliebigen Rechner ein, um über das Setup-Tool einen USB-Stick für das Recovery zu erstellen. Linpus Lite von der DVD lässt sich auch auf einem beliebigen Rechner installieren, allerdings formatiert der Installer die ganze Festplatte.
Durch einen Bug in OpenSuse, der schon beim Test des Akoya Minis E1201 von Aldi zutage trat, stimmt nach der Installation die Auflösung nicht, sodass der untere Teil des Desktops mit dem KDE-Panel fehlt. Abhilfe schaffen Sie, indem Sie in der Konfigurationsdatei /etc/sysconfig/displaymanager die Variable DISPLAYMANAGER_RANDR_MODE_auto auf 1024x600 setzen. Die Webcam unterstützt der neue Uvcvideo-Treiber. Er ist bei Ubuntu 8.04.1 mit dabei, Benutzer von OpenSuse müssen das zum Kernel passende Paket uvcvideo-kmp-* nachinstallieren.
Der WLAN-Chip von Atheros arbeitet mit den Madwifi-Treibern zusammen, allerdings nicht mit jedem Release. In den Tests hatten wir mit dem Snapshot r2756 für AR5007 Erfolg [6]. Um den Treiber mit make und sudo make install installieren zu können, benötigen Sie unter OpenSuse die Pakete kernel-source, gcc und make. Benutzer von Ubuntu installieren build-essential und das zum Kernel passende kernel-headers-*Paket.
Die LED des WLAN-Schalters leuchtet unter Ubuntu und OpenSuse auch bei eingeschaltetem WLAN nicht. Sieht der Kernel nach der Installation des Atheros-Treibers zwar den WLAN-Adapter, aber keine Netze, dann müssen Sie den Schalter einmal betätigen, um die Hardware einzuschalten.
Der linke Kartenleser für die Erweiterung des Hauptspeichers funktioniert unter Ubuntu 8.04.1 out-of-the box, allerdings muss dazu die Karte beim Booten bereits im Slot stecken. OpenSuse bleibt beim Bootvorgang hängen, wenn sich in einem der beiden Kartenslots eine Speicherkarte befindet. Schuld daran sind die ACPI-Funktionen. Booten Sie den Rechner mit acpi=off, dann startet Suse 11.0 auch mit Karte durch, allerdings müssen Sie dann auf das Powermanagement verzichten.
Alternativ editieren Sie die Datei /etc/modprobe.d/blacklist. OpenSuse 11.0 setzt hier den USB-Treiber uhci_hcd standardmäßig auf die schwarze Liste und gibt dem ehci_hcd-Modul den Vorzug. In den Tests half es je nach Kernel, die Zeile mit dem blacklist uchi_hcd-Eintrag zu löschen oder statt des uhci_hcd-Moduls das ehci_hcd auf die Blacklist zu setzen.
Beim rechten Kartenleser handelt es sich um ein Hotplug fähiges PCIe-Gerät, das unter keiner der getesteten Distributionen auf Anhieb funktionierte. Hier müssen Sie zunächst über den Befehl
setpci -d 197b:2381 AE=47
dem Kernel die passende Geräte-ID übermitteln, danach laden Sie von Hand mittels modprobe pciehp das PCIE-Hotplug-Modul
In den Tests mit dem Originalkernel von OpenSuse 11.0 war das System anschließend allerdings nicht mehr ansprechbar. Abhilfe schaffen Sie mit einem Update auf Kernel 2.6.26 aus dem Factory-Zweig. Alternativ finden Sie im Blog von Ashram de Swâmi Petaramesh [7] neben einer französischen Installationsanleitung für Kubuntu 8.04 ein Skript, das im Hintergrund nach Karten Ausschau hält und dann automatisch das pciehp-Modul lädt. Damit das Skript keine Fehler ausgibt, müssen Sie unter OpenSuse den Taschenrechner bc installieren. Mit Kernel 2.6.24-19 erkennt Ubuntu zwar den rechten Kartenleser – aber auch hier nur, sofern die Karte beim Booten bereits im Slot steckt.
Der Gnome-Desktop von Ubuntu und das KDE-4-System von OpenSuse fühlen sich deutlich langsamer an, als das vorinstallierte Linpus. Allein die Bootzeiten von über einer Minute sprechen für sich. Die 512 MByte Hauptspeicher sollte man deshalb besser mit XFCE nutzen (Abbildung 4). Zudem ist es nicht möglich, Ubuntu neben das Linpus zu installieren, da sich die Linpus-Partiton auf maximal 3,3 GByte verkleinern lässt und sich der Ubuntu-Installer über zu wenig freien Speicher beklagt.

Abbildung 4: Der schlanke XFCE-Desktop eignet sich am besten für das mit 512 MByte Hauptspeicher ausgestattete Acer-Netbook.
Fazit
Das Acer-Netbook bringt eigentlich alles mit, was man von einem Linux-Netbook erwartet und punktet mit schnellen Bootzeiten, einem zweiten Kartenleser und akzeptablen Akkulaufzeiten zu einem guten Preis. Allerdings ist man an das kommerzielle und speziell für das A110L angepasste Linpus Lite gebunden, will man sämtliche Features des Netbooks auch nutzen. Wer sich daran nicht stört, der macht mit dem Aspire One einen guten Kauf.
[1] Akoya Mini E1210: Marcel Hilzinger, “Der neue Aldi-PC”, LinuxUser 09/2008, S. 68, http://www.linux-user.de/ausgabe/2008/09/068/
[2] Linpus Lite: Mirko Albrecht, “Schön verpackt”, LinuxUser 03/2008, S. VI, http://www.linux-user.de/ausgabe/2008/03/906/
[3] Posix-Overlay: http://dev.computergmbh.de/gitweb.cgi?p=posixovl
[4] Quellcode: ftp://ftp.linpus.com/dists/Lite1/SRPMS/
[5] Updates: ftp://update.linpus.com/pub/aspireone/ACER/AspireOne
[6] WLAN-Treiber: http://snapshots.madwifi.org/special/madwifi-ng-r2756+ar5007.tar.gz
[7] PCI-Hotplug-Skript: http://petaramesh.org/public/arc/projects/AcerOne_Ubuntu/jmb38x_d3e.sh





