Editorial

Aus LinuxUser 12/2004

Editorial

Vergangenheit und Zukunft

Liebe Leserinnen und Leser,

US-Amerikaner sind manchmal wirklich schwer zu verstehen. Nein, damit meine ich jetzt nicht, mit welchen seltsamen Geräten oder auch welche Präsidenten sie wählen. Ich beziehe mich auf das jüngste Kapitel der anscheinend nicht enden wollenden Auseinandersetzung der SCO Group mit der Linux-Community.

Vergräzt und verärgert von der schnellen, präzisen und kritischen Berichterstattung der Website Groklaw.net über die jeweils neusten Purzelbäume der SCO-Prozessflut, beschlossen die kalifornischen Software-Patent-Spezialisten im Oktober, bis zum 1. November eine Gegendarstellungs-Website namens http://proSCO.net auf den Weg zu bringen. Wer sich sachlich über den Stand der Ansprüche und Klagen informieren wolle, teilte SCO-Sprecher Blake Stowell der Presse mit, habe anderenfalls keine Chance, die Dinge auch einmal mit SCOs Augen zu sehen.

Seit ersten November ist proSCO.net auch tatsächlich online – und legt in geradezu tragikomischer Weise dar, wie zahlreich und fundiert SCOs Ansprüche an Rechten auf den Linux-Code ausfallen. SCO hat es noch nicht einmal fertig gebracht, seiner Aufklärungs-Site ein passendes Logo zu spendieren – statt dessen titelt die Seite als SCOinfo.com. Die neue Informationszentrale mit den schlagenden Argumenten besteht lediglich aus einer einsamen und fast leeren Page, die schlicht zurück auf die schon sattsam bekannten juristischen Informationen auf der Firmen-Homepage linkt.

Diese recht seltsame Art der Selbstdarstellung lässt wenigstens hoffen, dass das Gerangel um die Rechte am Linux-Code bald ausgestanden sein wird. Offenbar gehen SCO langsam die Argumente aus. Gut so.

Die Kunst der Beschränkung

Während sich vor US-Gerichten SCO, IBM und Novell noch zweifelhafte Gefechte um die Rechte am Linux-Code sichern, befleißigen sich an anderen Orten des Erdballs gottlob auch noch Menschen der konstruktiven Arbeit am freien Betriebssystem. Unter der Ägide des südafrikanischen Internet-Millionärs Mark Shuttleworth hat eine ambitionierte Entwicklermannschaft eine kleine, aber feine Linux-Distribution aus der Taufe gehoben.http://Ubuntu Linux, so der Name des Projekts, gibt klar die Marschrichtung zum einsteigerfreundlichen Desktop-Linux für jedermann vor. Die Kunst liegt dabei in der Beschränkung: Mit von der Partie sind neben dem Kernel 2.6.8 und dem aktuellen Gnome 2.8 als Oberfläche lediglich die wichtigsten Anwendungen. Als Bürosuite fungiert OpenOffice, für E-Mail-Kommunikation und das persönliche Informationsmanagement dient Evolution, als Browser bringt Ubuntu Mozilla Firefox mit.

Ergänzt um einige wichtige Systemtools und eine komplette Multimedia-Ausstattung, passt die komplette Distribution komplett auf eine CD. Die Installation samt Netzwerkeinrichtung erledigt Ubuntu in wenigen Minuten, ohne den Anwender dabei groß durch Fragen zu strapazieren. Dabei kommt die Debian-basierte Installation mit gängigen Notebooks ebenso problemlos zurecht wie mit typischer Desktop-Hardware.

Schmerzfreie Installation, ein praxisorientierter Umfang und eine klar strukturierte, übersichtliche Oberfläche: Das sind die Zutaten, mit denen man Anwendern ein Betriebssystem schmackhaft macht. So müssen Distributionen aussehen, wenn Linux auch in Zukunft seinen Anteil auf dem Desktop weiter steigern soll.

Falls Sie sich selbst ein Bild der Qualitäten von Ubuntu Linux machen wollen, bietet Ihnen die bootfähige Heft-CD dazu Gelegenheit. Wenn Sie noch 2 GByte Platz auf der Platte frei und gerade 15 Minuten Zeit haben – probieren Sie’s doch einfach aus.

Jörg Luther

Chefredakteur

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