Die großen Linux-Desktops KDE und Gnome entwickeln sich kontinuierlich weiter, aber auch Microsoft schläft nicht. Die Developer’s Preview von Windows 8 verspricht einige tiefgreifende Änderungen der Benutzeroberfläche.
Microsoft hatte es in den vergangenen Jahren selten leicht. Diverse Ausflüge in die Multimediawelt gingen genauso daneben (Zune) wie der Versuch, sich mit Windows Mobile als Betriebssystem auf Handys neben iOS und Android zu etablieren. Böse Zungen behaupten auch, Microsoft habe jetzt schon den Tablet-Zug verpasst und müsse sich mit der dominierenden Stellung von Apple und Android abfinden. Wie zum Trotz veröffentlichte das Unternehmen aus Redmond im September eine Developer Preview von Windows 8, die offensichtlich mit besonders vielen Tablet-Features gespickt ist und Windows 7 beerben soll.
Wer dominiert den Desktop?
Tablets haben die Art und Weise der Computerbenutzung grundlegend verändert. Seit Windows 95 hatten Desktop-PCs mit Windows oder Linux im Grunde immer dieselbe Struktur: Ein Startmenü bietet Zugriff auf die wichtigsten Tools, die Taskleiste macht das Navigieren zwischen laufenden Anwendungen möglich, und die zentralen Eingabewerkzeuge sind Maus und Tastatur. iPhone und iPad haben dieses Prinzip ungekrempelt: Die Maus wich den Fingern der Anwender, und der Monitor wurde fixer Bestandteil der Computerbedienung. Der Erfolg gibt dieser Art der Computernutzung Recht, und dass selbst dreijährige Kinder Tablets ohne jede Eingewöhnungszeit nutzen können, belegt, wie intuitiv diese Art der Bedienung ist.
Microsoft greift das in der Vorabversion von Windows 8 auf und hat als erste Sofortmaßnahme einige Teile des Erscheinungsbilds von Windows komplett umgebaut. Wer ein Smartphone mit Windows Mobile 7 in den Fingern hatte, dem wird die Optik bekannt vorkommen. Microsoft folgt in dieser Hinsicht also Apple und passt das Computer-Betriebssystem optisch an die mobile Variante an.
Der erste Schock für passionierte Windows-Nutzer versteckt sich bereits beim Klick auf das Windows-Symbol unten links: Klassisch öffnet sich dann das Startmenü. In Windows 8 ist das anders, es verschwinden alle Standardelemente vom Desktop und es erscheint eine Art Dashboard, auf dem großformatige Icons der nutzbaren Programme zu sehen sind. Microsoft nennt diese Icons “Tiles” oder Kacheln. Die Fingerwisch-Funktion ist inklusive: Auf Geräten mit Touchscreen sorgt das Wischen in eine Richtung für einen Scrolleffekt, so dass weitere Einträge sichtbar werden (Aufmacherbild). Auf Systemen ohne Touchscreen dienen die rechte Maustaste oder Scrollbalken am unteren Bildschirmrand als Ersatz. Außer den Kacheln zum Starten von Programmen soll der neue Startbildschirm Zugriff auf Miniprogramme wie Socialite bieten, mit dem Microsoft Facebook-User ködern möchte.
Anwendungen im Vollbild-Modus
Die vollständig überarbeitete Oberfläche bezeichnet Microsoft als “Metro”, und das klassische Startmenü ist nicht die einzige Windows-Institution, die dem Rotstift zum Opfer gefallen ist. Auch Fensterdekorationen sucht man in Windows 8 über weite Strecken vergeblich. Ein Klick auf eine Kachel der Metro-Oberfläche startet zwar ein Programm, aber die auf Metro abgestimmten Programme haben keine Fensterleisten im klassichen Sinn. Sie nehmen automatisch die gesamte Bildschirmfläche ein und setzen die Idee das Navigation mittels Wischgesten fort. Der Internet Explorer, der bei der Developer Preview mitinstalliert wird, ist ein gutes Beispiel dafür (Abbildung 1). Programme, die nicht auf Metro abgestimmt sind, erscheinen allerdings wie unter Windows 7.

Abbildung 1: Das Metro-Design betrifft auch Programme, hier den Internet Explorer, der an das neue Design bereits angepasst ist.
Eingefleischte Windows-Benutzer werden in diesem Zusammenhang übrigens auch das Fehlen der Taskleiste beklagen: Weil alle Metro-spezifischen Programme im Vollbildmodus laufen, ist für die Taskleiste kein Platz mehr. Microsoft geht wohl davon aus, dass die Kachelsammlung zum zentralen Dreh- und Angelpunkt des Systems wird. Immerhin gibt es die Möglichkeit, mit dem Mauszeiger in die Ecke links unten zu scrollen, um ein kleines Menü mit Links zu den wichtigsten Punkten, wie Einstellungen oder eine Suchfunktion, auf den Schirm zu holen.
Neue Systemsteuerung
Bis zu Windows 7 war die Systemsteuerung kein Paradebeispiel für einen intuitiv gestalteten Konfigurationsdialog. Unter Windows 8 erfährt das Kontrollzentrum ein gründliches Remake und soll ab sofort ebenfalls über Gesten steuerbar sein, auch hier hat Microsoft offensichtlich Anleihen an Windows 7 Mobile genommen. Links finden sich einzelne Schlagwörter, die verschiedene Optionen unter einem Punkt bündeln. Klickt man auf eine der Kacheln, erscheinen rechts die zugehörigen Schalter und Hebel. Der Gerätemanager erhält einen kleinen Bruder in Form eines mit Geräte übertitelten Dialog (Abbildung 2), in dem alle konfigurierten Geräte auf einen Blick zu sehen sind. Wer die alte Systemsteuerung samt Gerätemanager lieber mag, findet sie über den Menüpunkt More.

Abbildung 2: Die neue Systemsteuerung ist besser strukturiert als unter Windows 7 und soll die Administration erleichtern.
Programmkonfiguration
Im Zusammenhang mit dem Metro-Look hat Micorosoft auch vielen Konfigurationsdialogen ein Facelifting verpasst. Der bereits erwähnte Eintrag Einstellungen im stark verkleinerten Menü unten links öffnet eine Seitenleiste, über die sich ein Programm im Metro-Modus steuern lässt. Im unteren Bereich der Seitenleiste finden sich Icons, die mit dem alten System Tray vergleichbar sind. Sie geben eine schnelle Übersicht über Akkulaufzeit, Helligkeitseinstellung und Netzwerkverbindungen. Hier versteckt sich dann auch der Knopf zum Herunterfahren des Systems.
Metro-Programme aus dem Windows-Store
Apple hat einen App Store, Google hat einen Android Market, und in Zukunft möchte auch Microsoft mitmischen, wenn es um schnelle Umsätze mit Software geht: Windows 8 wird zusammen mit Windows Mobile die Möglichkeit bieten, auf den Windows Store zuzugreifen. Vermutlich wird Microsoft das Angebot auch für ältere Windows-Versionen öffnen – der Fokus liegt allerdings eindeutig auf dem Vertrieb der “Metro style apps”, Programme in Metro-Optik. Microsoft hat bereits angekündigt, dass der hauseigene Windows-Store die einzige Bezugsquelle für Metro-Programme sein soll – interessanterweise sorgt man sich in Redmond um “Kosistenz, Verlässlichkeit und Sicherheit”. In der Vorabversion ist der Windows-Store allerdings noch nicht nutzbar.
Fazit
Microsoft will Windows 8 fit für Tablet-PCs machen. So wie die Tablet-Verkaufszahlen in den letzten Jahren dank iPad & Co. gestiegen sind, ist das sicher eine gute Idee, um auch eine brauchbare Plattform für Tablet-PCs im Angebot zu haben.
Ob der von Microsoft eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist, muss sich allerdings erst herausstellen. Seit Windows XP zeigen echte Windows-Power-User bei GUI-Veränderungen regelmäßig die gleiche Reaktion: Sie verlangen nach Möglichkeiten, um die Neuerungen zu deaktivieren. Windows 8 dürfte die Windows-Version werden, die seit Windows 95 die heftigsten Änderungen an Optik und Bedienung bringt. Fragwürdig ist darum die Entscheidung, das Windows für Desktop-Computer optisch an das hauseigene Handy-Betriebssystem anzupassen. Denn Tester, die sich mit iOS, Android und Windows 7 Mobile befasst haben, stellten letzterem bisher fast immer das schlechteste Zeugnis aus. Ein großer Kritikpunkt war, dass das System aus Redmond im Vergleich mit den Konkurrenten weniger intuitiv ist.
Auf der Positivseite bleibt, dass Windows 8 wesentlich besser für die Bedienung mit Tablet-Gesten geeignet ist als seine Vorgänger. Viele Design-Konzepte sind durchaus pfiffig. Wenn die auf Metro abgestimmten Programme eine einheitliche Optik haben und sich auch ähnlich bedienen lassen, wird der Umgang gerade für Computerneulinge leichter – allerdings nicht auf einem klassischen Computer mit Tastatur und Maus, der keine Gesten unterstützt.
Wenn die neue Windows-Version erscheint und damit das von Apple bekannte Wischen auf PCs zu etablieren versucht, wird sich die Frage stellen, ob auch Linux eine solche Alternative benötigt. Die grafische Oberfläche (der X-Server) ist bereits multi-touch-fähig, aber es fehlen noch die Programme, die mit Wischgesten etwas anfangen könnten. Bis dahin und darüber hinaus wird weiter geklickt, denn Linux und die Open-Source-Anwendungen werden niemanden zwingen, sich an ein neues Benutzungsmodell zu gewöhnen.

