Willkommen in der Linux-Welt: Wenn Sie den Umstieg auf das freie Betriebssystem wagen, erwarten Sie einige Umstellungen, etwa bei der verfügbaren Software und bei der unterstützten Hardware. Dazu zunächst ein kleiner Überblick.
Was im Buchtitel von Aldous Huxley (“Schöne neue Welt”, im Original: “Brave New World”) ironisch gemeint ist, meinen wir ganz ernst, und zwar mit mehreren Bedeutungen:
- Neue Welt: Mit dem Umstieg auf Linux betreten Sie tatsächlich eine neue Welt. Zwar bleibt Ihnen die gewohnte Hardware erhalten, doch Sie tauschen mit dem Betriebssystem (Linux statt Windows) die wichtigste Software-Komponente Ihres Rechners aus, und das hat viele Folgen.
- Schön: Als EasyLinux-Team sind wir parteiisch; wir empfinden Linux als “schöner”, denn es ist leistungsfähiger, offener, individueller anpassbar, leichter bedienbar und sicherer.
Aber es bleibt eine neue Welt, und es wird ein wenig Einarbeitung nötig sein, bevor Ihnen unter Linux die von Windows bekannten Handgriffe in gewohnter Geschwindigkeit gelingen. Machen Sie sich diese Mühe, nutzen Sie Ihren Rechner langfristig schneller und effizienter als unter Windows, denn Linux bietet viele Abkürzungen.
Ein Windows, viele Linuxe
Von Windows gibt es immer die eine aktuelle Version, zumindest wenn Sie sich auf Windows für den Desktop beschränken und Produkte für die Serverwelt außer Acht lassen. Bei Linux läuft das anders: Streng genommen bezeichnet “Linux” nur den Linux-Kernel (Abbildung 1), also den Betriebssystemkern, der anfangs von Linus Torvalds entwickelt wurde und dessen Weiterentwicklung er auch heute noch koordiniert. Doch mit dem Kernel haben Sie als Anwender im Grunde nichts zu tun. Er schafft die Basis, um den Rechner verwenden und Programme darauf laufen lassen zu können. Auch bei Windows gibt es einen Kernel, der für Windows-Benutzer ebenfalls nicht sonderlich interessant ist.

Abbildung 1: Der Linux-Kernel ist eine ca. 4 MByte große Datei im Verzeichnis “boot” Ihrer Linux-Installation, der Name beginnt meist mit “vmlinuz”. Sie werden ihn gelegentlich durch eine neuere Version ersetzen.
Wichtig ist aber, dass es zwischen dem Linux- und dem Windows-Kernel einige fundamentale Unterschiede gibt, und deswegen laufen Windows-Programme nicht unter Linux und umgekehrt. Die Tatsache, dass es viele Programme (etwa LibreOffice, Firefox, Thunderbird) für beide Betriebssysteme gibt, ist kein Gegenargument: Es handelt sich um verschiedene Fassungen dieser Anwendungen. Die Windows-Version von OpenOffice läuft unter Linux nicht, stattdessen verwenden Sie hier die Linux-Version (welche unter Windows nicht laufen kann).
Es gibt zwar die Möglichkeit, Emulatorprogramme oder virtuelle Maschinen einzurichten, mit denen Sie dann Windows-Programme unter Linux laufen lassen können, aber das ist ein Trick, und es ist nur dann sinnvoll, ihn zu nutzen, wenn Sie überwiegend mit Linux arbeiten werden und nur gelegentlich ein Windows-Programm nutzen müssen – falls Sie nach einer “irgendwie besseren” Umgebung suchen, in der Sie ausschließlich Windows-Programme verwenden möchten, ist der Umstieg auf Linux nicht sinnvoll, dann bietet es sich eher an, die aktuellste Windows-Version zu kaufen.
Finden Sie aber heraus, dass all Ihre Anforderungen auch von echter Linux-Software erfüllt werden, wie wir sie z. B. im folgenden Artikel beschreiben, dann ist ein Umstieg gut machbar.
Distributionen
Zurück zu Linux und dem Linux-Kernel: Wenn Sie Linux installieren, dann spielen Sie mehr als den Kernel ein. Sie verwenden einen Installationsdatenträger (z. B. von unserer Heft-DVD) und kopieren Teile einer Linux-Distribution auf Ihre Festplatte. Eine Distribution ist eine Zusammenstellung von Software, dazu gehört neben dem Kernel etwa
- die grundlegende Software für die grafische Oberfläche (das so genannte X Window System),
- eine Desktop-Umgebung (wie KDE, Gnome oder Unity),
- die Software, mit der Sie Linux in einer Kommandozeile steuern können (bestehend aus der Shell, welche die “Eingabeaufforderung” präsentiert, und etlichen Tools, die Sie darin als Kommandos verwenden können),
- Standardsoftware für alle möglichen Aufgaben (Office, Multimedia, Browser, E-Mail etc., Abbildung 2).

Abbildung 2: Als Anwender nutzen Sie die grafische Oberfläche von Linux, die sich je nach Wahl auf unterschiedliche Weisen präsentiert.
Auch das Installationsprogramm, das Ihnen beim Einrichten von Linux unter die Arme greift, ist Teil der Linux-Distribution und sieht deswegen auch stets unterschiedlich aus, wenn Sie verschiedene Distributionen ausprobieren.
Bei den Distributionen gibt es eine unübersichtliche Vielfalt: Wirkliche mehrere Hundert Entwicklerteams konkurrieren um Ihre Gunst und bieten Linux-Komplettpakete für viele unterschiedliche Einsatzgebiete. Ein Großteil der Distributionen scheidet für den Desktop-Einsatz von Anfang an aus. Wenn es in Ihrem Bekanntenkreis mehrere Linux-Profis gibt, ist es wahrscheinlich, dass Sie mindestens drei verschiedene Empfehlungen erhalten, welches “das beste Linux” ist.
EasyLinux hat sich entschieden, zwei besonders einsteigerfreundliche Linux-Distributionen zu behandeln, und zwar in allen unseren Ausgaben, so dass Sie sicher sein können, auch in den folgenden Jahren noch Unterstützung in unseren Heften zu finden: Wir setzen auf OpenSuse und Kubuntu (eine Version von Ubuntu). Mit dieser Ausgabe können Sie übrigens beide Varianten testen, wenn Sie mögen: Auf der Heft-DVD finden Sie die jeweils aktuellsten Versionen (OpenSuse 12.1 und Kubuntu 11.10).
Das bedeutet übrigens nicht, dass die anderen Distributionen (z. B.: Fedora, Mandriva, Mageia, Debian, Slackware, Linux Mint oder PCLinuxOS) in irgendeiner Weise “schlecht” wären – wir sind nur der Ansicht, dass OpenSuse und Kubuntu besonders einsteigerfreundlich sind. Wenn Sie die Hürde des Wechsels genommen haben, steht Ihnen später eine noch größere Auswahl an Linux-Distributionen zur Verfügung, und unsere Schwesterzeitschrift LinuxUser (für die fortgeschrittenen Linux-Anwender) stellt regelmäßig solche Alternativen vor.
Hardware-Support
Hardware unter Linux – das ist manchmal ein problematisches Thema. Linux funktioniert hier ganz anders als Windows: Dort sind Sie es gewohnt, die mitgelieferte Treiber-CD einzulegen, wenn Sie ein neues Gerät kaufen. Ein Installer richtet dann den Treiber ein, und Sie können loslegen. Das sollte immer klappen, andererseits geht ohne die Treiber-CD (oder einen funktionierenden Download-Link) oft gar nichts.
Bei Linux ist die Unterstützung für eine riesige Auswahl an Geräten bereits fest in das System integriert – Sie brauchen also keine speziellen Treiber (und mitgelieferte Treiber-CDs für Windows haben keinen Nutzen). Geräte stöpseln Sie im laufenden Linux-Betrieb einfach ein, und das System erkennt sie und richtet sie automatisch ein.
Manchmal funktioniert das allerdings nicht. Es gibt einige Geräte, bei denen die Hersteller aus der Funktionsweise ein großes Geheimnis machen, und solche Geräte lassen sich unter Linux dann eventuell überhaupt nicht oder nur mit großem Aufwand nutzen, den Linux-Einsteiger nicht bewältigen können. Davon sollten Sie sich aber nicht abschrecken lassen.
Für Ihre aktuelle Hardware sollten Sie zunächst testen, ob Linux damit klarkommt. Dazu können Sie von der Heft-DVD ein Live-System booten, das sich nicht auf die Platte installiert. Prüfen Sie dann, ob Sie alle Geräte nutzen können, und entscheiden Sie sich erst im Erfolgsfall für eine dauerhafte Installation auf der Festplatte.
Für spätere Hardware-Käufe (wenn Sie bereits mit Linux arbeiten) gilt dann: Prüfen Sie immer vorher, ob Linux das gewünschte Gerät auch unterstützt. Dafür reicht meist eine einfache Google-Suche nach “Linux” und dem Namen des Geräts. Kaufen Sie ansonsten nur bei Händlern, die ein Gerät ohne Angabe von Gründen zurücknehmen, z. B. bei Online-Händlern, die ein Rückgaberecht einräumen müssen.
Software
Manche Anwender sind gezwungen, bestimmte Programme einzusetzen. Brauchen Sie für Ihre tägliche Arbeit Microsoft Office, Adobe InDesign, AutoCAD oder andere Programme, die es nicht für Linux gibt, dann bietet sich nur eine Parallelinstallation (Linux und Windows auf einer Platte) an, und Sie werden gelegentlich zwischen den beiden Systemen hin und her booten müssen. Benötigen Sie diese Windows-Programme permanent, ist eventuell die Installation von Linux in einer virtuellen Maschine unter Windows sinnvoller als der umgekehrte Weg. Ein vollständiger Umstieg (bei dem sich kein Windows mehr auf der Platte befindet) ist nur möglich und sinnvoll, wenn alle Ihre Software-Anforderungen durch Linux-Programme erfüllt werden. So bietet z. B. das freie LibreOffice-Paket alle nötigen Funktionen, und es kann auch Word- und Excel-Dateien lesen und schreiben, aber es gibt einige Situationen, in denen die Microsoft-Programme nicht ersetzbar sind, z. B. wenn Sie Dokumente mit VBA-Makros verwenden und mit anderen Anwendern austauschen müssen.
Der Artikel, der auf der nächsten Seite beginnt, stellt Ihnen zahlreiche beliebte Linux-Anwendungen vor – für die meisten Anwender ist da schon alles dabei, was sie brauchen. Über die Software-Verwaltung von OpenSuse oder Ubuntu finden Sie tausende weitere Programme, die Sie bei Bedarf mit wenigen Klicks und kostenlos nachinstallieren. Wir wünschen viel Spaß beim Entdecken der neuen Welt.

