In den vergangenen zwei Monaten erhielten fast alle quelloffenen Videoschnittprogramme für Linux eine neue Versionsnummer. Höchste Zeit also für eine kleine Bestandsaufnahme.
Den Auftakt der Aktualisierungen machte Kdenlive am 14. September mit der Version 0.7.8, am 21. des gleichen Monats folgte OpenShot 1.2.2 nebst PiTiVi 0.13.5 und schließlich am 15. Oktober LiVES 1.0.10, sowie das an Profis gerichtete Cinelerra 4.2.
Kdenlive 0.7.8
Obwohl nur der hinterste Teil der Versionsnummer um eine Ziffer nach oben kletterte, bekam Kdenlive von allen Kandidaten die meisten neuen Funktionen spendiert.
So darf man ab sofort einen Effekt auf eine komplette Spur anwenden. Dazu zieht man ihn einfach auf den Spurnamen in der ersten Spalte der Zeitleiste. Sämtliche Clips auf dieser Spur stehen dann automatisch unter dem Einfluss des Effekts. Um einen Schwarz/Weiß-Film zu kreieren, muss man somit nicht mehr jedes Video einzeln mit einem Graustufeneffekt versehen. Diese Funktion verhielt sich auf unserem Testsystem unter openSUSE 11.3 allerdings noch etwas absturzfreudig.

Abbildung 1: Effekte, die Position und Größe eines Clips verändern, steuert man in Kdenlive jetzt komfortabel per Drag and Drop.
Bei einigen Effekten, wie etwa Verschieben und Zoomen, darf man nun die Größe und Position des Clips direkt mit der Maus im Vorschaumonitor anpassen. Dazu erhält das betroffene Video gelbe Anfasser, über die man das Bild zurecht zupft. Alternativ darf man die entsprechenden Positions- und Größenwerte auch direkt eintippen. Die zugehörigen Eingabefelder und Regler erscheinen jetzt immer automatisch im Effektmagazin und müssen nicht mehr extra aktiviert werden. Sämtliche Größen- und Positionseinstellungen lassen sich zudem mit Hilfe von Keyframes über die Zeit steuern und verändern.

Abbildung 2: In Kdenlive hat die Diashow-Funktion Animationen und eine neue Skalierungsmöglichkeit dazugelernt.
In einem Diashow-Clip kann Kdenlive jetzt über die enthaltenen Bilder schwenken oder langsam in sie hineinzoomen. Auf Wunsch passt Center Crop die Bilder an die Abmessungen des Projekts an. Um dabei das Seitenverhältnis zu wahren, schneidet die Funktion allerdings Bildteile ab. Im Gegenzug bleibt man von schwarzen Trauerrändern verschont.
Alles so schön bunt hier
Zu den größten Neuerungen in Kdenlive zählen die Fenster zur Farbkontrolle. Mit ihrer Hilfe lassen sich Farbprobleme schneller aufspüren und die Auswirkungen von Farbkorrekturen genauer begutachten.
Das Histogramm zeigt in einer Kurve an, wie oft die Farben Rot, Grün und Blau mit welcher Helligkeit im Bild auftauchen. Drängen sich beispielsweise hohe Wellenberge in der linken Hälfte der blauen Kurve, kommen im gerade angezeigten Bild viele dunkelblaue Töne vor. Liegen auch die übrigen Wellenberge allesamt am linken Rand, so ist dies ein sicheres Anzeichen für ein insgesamt zu dunkles Bild. Auf diese Weise entlarvt man mit dem Histogramm schnell über- oder unterbelichtete Bilder.

Abbildung 4: Die Waveform-Ansicht liefert einen noch genaueren Einblick in die Helligkeitsverteilung.
Die Waveform-Ansicht bereitet diese Informationen noch einmal anders auf: Sie trägt in der Senkrechten die Helligkeitswerte, in der Waagerechten die horizontale Position der Bildpunkte ein. Je weißer ein Punkt in der Waveform-Ansicht leuchtet, desto häufiger kommt die entsprechende Helligkeit in der jeweiligen Bildspalte vor. Drängt sich beispielsweise eine grell weiße Punktwolke an den linken oberen Rand der Waveform-Ansicht, so ist das Bild im Vorschaumonitor auf der linken Seite sehr hell.
Das Gleiche liefert die RGB-Parade für die einzelnen Grundfarben Rot, Grün und Blau. Hier gilt analog: Leuchten im Bereich für Blau rechts unten viele grelle Punkte, so besitzt das aktuell im Vorschaumonitor gezeigte Videobild auf seiner rechten Seite viele dunkle Blautöne.
Die letzte neue Ansicht zur Farbkorrektur stellt das Vektorskop. Es markiert jede im Vorschaubild vorkommende Farbe in einem Farbkreis mit einem schwarzen Punkt. Die Grundlage bildet dabei wahlweise das YUV- oder YpbPr-Farbmodell. Je weiter die schwarzen Punkte zum Rand hin wandern, desto satter ist die Farbe. Formiert sich etwa im roten Bereich eine schwarze Punktwolke, besitzt das Video entweder viele Rottöne oder aber einen Rotstich. Mit Hilfe des Vektorskops kann man somit schnell einen Farbstich erkennen, die Farbbalance kontrollieren und einen Weißabgleich durchführen. Weitere Beispiele und Anleitungen zur Interpretation der kryptischen Kurven liefern ausführliche Artikel im Kdenlive-Blog [2].
Neben diesen größeren Änderungen und den obligatorischen Fehlerkorrekturen, erhielt Kdenlive auch noch ein paar kleinere Verbesserungen. So gibt es jetzt beispielsweise Tastaturkürzel für Effekte und Übergänge. Beim Rendern bleibt zudem auf Wunsch das Seitenverhältnis erhalten, wenn man das Video skaliert. Eine Aufstellung aller Änderungen und Korrekturen liefert die Kdenlive 0.7.8 information page [3].
OpenShot 1.2.2
OpenShot ist das meist genutzte Videoschnittprogramm unter Debian und Ubuntu – zumindest wenn man der Statistik des Hauptentwicklers Jonathan Thomas glaubt [5]. Das Videoschnittprogramm selbst sprang direkt von Version 1.1.3 auf 1.2.2. Was mit den anderen Nummern passiert ist, behält Jonathan Thomas bislang für sich. Immerhin stellt er alle neuen Funktionen in einem kleinen Video vor [6].
Dazu zählen in erste Linie die Vorlagen für animierte 3D Titel. Um mit ihnen einen schicken Vorspann erzeugen zu können, muss allerdings das 3D-Schwergewicht Blender ab Version 2.5 im Hintergrund als Handlanger bereit stehen.

Abbildung 6: Witzigerweise liegt Ubuntu 10.10 zwar die neueste Version von OpenShot bei, das für die 3D Titel benötigte Blender aber nur in einer zu alten Version.
Einige Videoeffekte, die in der Vergangenheit durch ihre häufigen Abstürze auffielen, wurden nicht nur durch andere ersetzt, sondern um zahlreiche weitere Kollegen ergänzt. Zu letzteren gehört beispielsweise der “Chroma Hold”-Effekt, der bis auf eine ausgewählte Farbe das Video in Graustufen darstellt. Damit erzielt man mit wenigen Mausklicks ein ähnliches Ergebnis wie im Film Pleasantville.
Darüber hinaus gab es viele kleinere Verbesserungen, wie etwa ein überarbeitetes Voreinstellungen-Fenster. Eher in den kosmetischen Bereich fallen die optischen Änderungen in der Zeitleiste. Löscht man dort beispielsweise einen Clip, fällt dieser in einer hübschen Animation zusammen. Auf diese Weise soll man das Geschehen auf der Zeitleiste leichter erfassen und nachvollziehen können.

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Abbildung 7: Das Themeblue_flat_slim ist für den Einsatz auf Netbooks gedacht.Ersteller von sogenannten Themes, die der Benutzeroberfläche ein anderes Aussehen verleihen, erhalten jetzt weiterreichende Möglichkeiten. Obendrauf gibt es auch gleich eine an die kleinen Bildschirme von Netbooks angepasstes Theme.
PiTiVi 0.13.5 und LiVES 1.0.10
Während Kdenlive und OpenShot mit neuen Funktionen um sich werfen, wurden in PiTiVi 0.13.5 und LiVES 1.0.10 hauptsächlich entwanzt. Bei PiTiVi wurden etwa einige Symbole erneuert und die Abstürze mit importierten Bildern (beispielsweise im PNG oder JPEG-Format) behoben. Darüber hinaus sichert das Schnittprogramm das aktuelle Projekt in regelmäßigen Abständen [8]. LiVES 1.0.10 erhielt primär die Fehlerkorrekturen der Entwicklungsversion 1.3, die in der Regel lästige Abstürze beseitigen.
Cinelerra 4.2
Auch das an Profis gerichtete Cinelerra ist um ein paar Fehler ärmer. Die wenigen Neuerungen orientieren sich an den Bedürfnissen des Entwicklers: So richtet etwa der Menüpunkt EditAlign edit bearbeitetes Audiomaterial am Video aus. Mittels Keyframe Spanning wendet man Effekt-Änderungen auf gleich mehrere Keyframes an. Schließlich öffnet Cinelerra 4.2 alle importierten Dateien (Assets) in eigenen Subprozessen, so dass sie bei einem Absturz nicht gleich das ganze Schnittprogramm mit in den Abgrund reißen.
Beschaffung
In openSUSE liegt Kdenlive 0.7.8 bereits in den Packman-Repositories, Fedora-Benutzer wenden sich an das RPM Fusion-Repository. Für Ubuntu 10.10 kam das Videoschnittprogramm offenbar zu spät. Wer wie dort die Version 0.7.8 nicht in seinem Paketmanager findet, wirft einen Blick auf die Kdenlive-Homepage [1]. Dort stehen fertige Pakete, zumindest jedoch Anleitungen für alle wichtigen Distributionen bereit. Aufgrund der zahlreichen Abhängigkeiten sollte man das Schnittprogramm nur in Ausnahmefällen selbst kompilieren.
Die neuen Versionen von OpenShot, LiVES und PiTiVi liegen ebenfalls den meisten Distributionen bei. Ubuntu 10.10 installiert PiTiVi sogar standardmäßig, unter Fedora 14 musste man bei Redaktionsschluss noch mit dem Vorgänger vorlieb nehmen. Wer OpenShot unverbindlich testen möchte, kann zur AV Linux Live-DVD greifen [10]. LiVES bietet auf seiner Homepage fertige Pakete zum Download an [11]. Bei Cinelerra hat man nur selten Glück, meist stößt man in den Repositories nur auf die von Nutzern gepflegte Abspaltung Cinelerra-CV. Wer das Original möchte, muss sich in der Regel den Quellcode von der Homepage [9] angeln und ihn per Hand compilieren.
Infos
[1] Kdenlive: http://www.kdenlive.org/
[2] Einführung in die neuen Ansichten zur Farbkontrolle: http://www.kdenlive.org/blogs/granjow
[3] Kdenlive 0.7.8 information page: http://www.kdenlive.org/discover/0.7.8
[4] OpenShot: http://www.openshotvideo.com/
[5] Statistics Showdown: Best Linux Video Editor http://www.openshotvideo.com/2010/10/statistics-showdown-best-linux-video.html
[6] Neuerungen von OpenShot 1.2.2: http://www.openshotvideo.com/2010/09/its-about-time-openshot-121-released.html
[7] PiTiVi: http://www.pitivi.org/
[8] Neuerungen von PiTiVi: http://wiki.pitivi.org/wiki/0.13.5
[9] Cinelerra: http://heroinewarrior.com/cinelerra.php
[10] AV Linux: http://www.bandshed.net/index.html
[11] LiVES: http://lives.sourceforge.net/








