Der Internet Explorer wird in diesem Jahr weltweit unter die 50-Prozent-Hürde fallen und bis Jahresende wird es mehr Chrome- als IE8-Nutzer geben. Doch was hat sich tatsächlich geändert im Browser-Markt?
Das Wichtigste vorweg: Aus Open-Source-Sicht hat sich das Internet in den letzten fünf Jahren deutlich verbessert. Gab es zur Jahrtausendwende noch zahlreiche Seiten, die unbedingt auf den Internet Explorer als Browser bestanden, sind heute solche Seiten eigentlich verpönt und besitzen schon fast Seltenheitswert.
Im Anfang war Firefox
Ein großes Verdienst an der aktuellen Lage hat die Mozilla-Foundation mit ihrem freien Browser Firefox. Firefox hat es dank einer sehr aktiven Entwickler-Community und quasi mit “Vorsprung durch Technik” geschafft, in rund 5 Jahren von einem einstelligen Prozentsatz auf über 30 Prozent Marktanteile zu kommen. Viel dazu beigetragen haben die lokalen Mozilla-Teams mit Übersetzungen und Add-Ons zum Browser. So besitzt Firefox in einzelnen Ländern einen Marktanteil von weit über 50 Prozent, während er in anderen Ländern kaum an die 20-Prozent-Schwelle kommt.
Damit den Browser-Krieg für beendet zu erklären und Firefox zum Sieger aus der historischen Schlacht zwischen Netscape Navigator und dem Internet Explorer zu erklären, wäre allerdings etwas zu früh gefreut. Wer sich die aktuellen Browser-Statistiken anschaut [1], bemerkt bei den April/Mai-Zahlen von Firefox einen leichten Rückgang, der Internet Explorer kann hingegen leicht zulegen. Mit Abstand die meisten Marktanteile hat sich hingegen Chrome gesichert. Der Google-Browser legt pro Monat ein bis zwei Prozent zu.
Versionssprung
Interessanter werden die Browser-Statistiken, wenn man sich die einzelnen Versionen anschaut. Wie man einen Versionssprung erfolgreich realisiert, zeigen Chrome und Firefox bei Umstieg von Version 3.5 auf 3.6 (Firefox) beziehungsweise Chrome 4 auf Chrome 5. Die Kurven verlaufen praktisch linear und überschneiden sich in der Mitte. Das bedeutet das die Nachfolgeversion in relativ kurzer Zeit den Vorgänger ablösen konnte. Dies bedeutet für die Entwickler einerseits weniger Aufwand, weil sie sich komplett auf die neueste Version konzentrieren können, zudem deutet es auch auf eine aktive und interessierte Fangemeinde hin. Last but not least zeigen sich hier auch die Erfolge einer aktiven Release-Politik, die den Nutzer dazu auffordert, den Browser aufzufrischen.
Microsoft ist hier quasi in seine eigenen Falle gestolpert. Da viele Webseitenbetreiber sich bei bestimmten Features auf eine IE-Version fixierten, war das Update zur Folgeversion nicht immer möglich.

Abbildung 3: Detaillierte Statistik von StatCounter zu den einzelnen Versionen in Holland. Man beachten den flotten Wechsel von Chrome 4 auf Chrome 5 und vom Firefox 3.5 auf 3.6.

Abbildung 4: Detaillierte Statistik von StatCounter zu den einzelnen Versionen in Ungarn. Die meisten Firefox-Nutzer machten den Wechsel von Firefox 3.5 zu 3.6 mit, doch nach dem April 2010 blieben einige bei Firefox 3.5 hängen. Anders die Chrome-Statistik. Hier ging die Version 4.0 praktisch auf Null zurück und sämtliche Nutzer wechselten zu Chrome 5 (fungiert hier noch unter “Others”).
Wie bei jedem Software-Wechsel gibt es auch bei den Browsern so genannte Early Adopters (auch Version Junkies genannt), die sofort und immer die aktuellste Version benutzen. Die detaillierten Statistiken von Holland und Ungarn zeigen sehr schön, dass die Chrome-Nutzer weitgehend aus Early-Adopters bestehen und praktisch geschlossen zur nächsthöheren Version wechseln. Bei Firefox in Ungarn sieht man sehr schön, wie die Zahl der Version Junkies abnimmt, je mehr Marktanteile der Browser besitzt. Hier wechselt nur ein Teil der Nutzer von 3.0 auf Version 3.5, der neue Firefox kommt somit nur auf einen maximalen Marktanteil von 40 Prozent (Firefox 3.0 hatte noch mehr als 50 Prozent Marktanteile). Der gleiche Vorgang spielt sich auch beim Übergang von Version 3.5 auf 3.6 ab: nach April 2010 wechselte praktisch kein Firefox-Nutzer mehr zur neuen Version.
Die Statistiken machen somit deutlich, dass es arbeitstechnisch und auch aus einer Sicherheitsperspektive sinnvoll ist, den Nutzer zum Update zu zwingen, um beim Übergang von einem Release zum nächsten, möglichst alle Nutzer mitzunehmen.
Wer macht das Rennen?
Dass die Verbreitung eines Browsers mit der Koppelung ans Betriebssystem zusammenhängt, weiß man nicht erst seitdem die EU Microsoft zu einer Rekordbuße und zum Browserauswahldialog verdonnert hat [2]. So fehlt zum Beispiel in der ungarischen Statistik Safari komplett, da es in Ungarn praktisch keine Macs gibt. In der Schweiz kommt der Apple-Browser hingegen auf knapp 10 Prozent, da hier Macs sehr verbreitet sind. Es gibt somit auch eine Art soziales (Un-)Gleichgewicht bei den Browsern.

Abbildung 5: Safari kommt in der Schweiz auf einen Marktanteil von knapp 10 Prozent, da es hier sehr viele Macs gibt. Firefox war bei Version 3.0 deutlich besser vertreten als mit Version 3.6.
Doch während in den vergangenen zehn Jahren das Betriebssystem quasi vorschrieb, was man im Internet machen konnte (man denke nur an Active X), sorgen heute die großen Internetfirmen wie Google, Yahoo und Amazon dafür, im Browser einen möglich guten Eindruck zu machen. Das Rennen um den besten Browser wird deshalb nicht die Firma gewinnen, die die höchsten Anteile am Betriebssystemmarkt besitzt, sondern der Browser, der die am meisten besuchten Websites am besten unterstützt und am schnellsten anzeigt. Dass ein Browser vorinstalliert ist, bleibt zwar weiterhin wichtig, aber nicht entscheidend.
Ein paar Trends zeichnen sich langsam ab: Opera hat Marktanteile verloren und wird durch Chrome über kurz oder lang vom Markt verdrängt. An diesem Umstand konnte auch der Browser-Auswahldialog der EU nichts ändern, im Gegenteil: seit Februar 2010 verliert Opera konstant Marktanteile. Dafür hat sich der Norweger auf den Smartphones wichtige Marktanteile geholt und konnte hier sogar noch etwas zulegen.
Ein weiterer Trend, der klar zu erkennen ist: Immer mehr Firefox-Nutzer wechseln zu Chrome. Wäre dem nicht so, dann müsste Firefox 3.6 über deutlich mehr Marktanteile verfügen als Firefox 3.5 jemals hatte. Sämtliche Firefox-Versionen zusammen können aber nicht mehr zulegen, Firefox scheint im März seinen Zenith erreicht zu haben.

Abbildung 6: Firefox 3.5 bleibt unter Firefox 3.0, auch Firefox 3.6 kommt nicht an die Werte von Firefox 3.5 heran. Chrome legt hingegen von Version zu Version zu.
Beim Internet Explorer ist das Rennen noch offen: Microsoft könnte hier durch einen erzwungenen Wechsel von Version 7.0 auf 8.0 sehr viel Boden gut machen. Doch auch so nimmt die Zahl der IE8-Nutzer durch die guten Windows-7-Verkäufen konstant zu. Windows profitiert somit weiterhin vom OEM-Geschäft. Doch während der OS-Anteil von Windows praktisch konstant zwischen 80 % (Europa) und 90 % (weltweit) bleibt [4], sinkt der Prozentsatz sämtlicher IE-Versionen zusammen kontinuierlich und liegt je nach Statistik zwischen 50 und 60 Prozent – ein historischer Tiefststand.
Und Linux?
Mit einem geschätzten Marktanteil von maximal zwei Prozent am gesamten Betriebssystemmarkt hat Linux keinen spürbaren Einfluss auf die Verbreitung von Firefox oder Chromium. Auch wenn zum Beispiel Canonical bereits angekündigt hat, für die Netbook-Version von Maverick Meerkat auf Chromium zu setzen [4] und selbst wenn diesem Beispiel weitere oder sogar alle Distributionen folgen, dann wirkt sich das kaum auf die Marktanteile von Firefox aus. Das Schicksal von Firefox liegt somit in den Händen der Mozilla-Foundation und der Firefox-Entwickler, nicht bei uns Linux-Nutzern. Gelingt es ihnen, mit Firefox 4.0 in puncto Geschwindigkeit und Feature-Umfang Chrome Paroli zu bieten oder ihn sogar zu übertreffen, dann wird Firefox auch ohne Linux weiterhin der meistverbreitete Browser bleiben. Leicht anders sieht die Situation beim Mobilfunkmarkt aus: hier dürfte Linux dieses Jahr dank Android kräftig zusetzen, was wiederum Chrome Marktanteile sichert.
Aus Open-Source-Sicht ist der Browser-Krieg mit ziemlicher Sicherheit entschieden: Webkit, das aus dem KDE-Framework KTHML entstand, ist die Browser-Engine der Zukunft und Gecko hat dank Mozilla ebenfalls solide Marktanteile. Mit einem Browser, der auf Gecko oder Webkit aufbaut, lassen sich praktisch alle Seite im Web problemlos betrachten. Meine Prognose für Europa im Jahr 2012 lautet deshalb:
25 % Firefox, 40 % Chrome, 10 % Safari, 25 % Internet Explorer
oder in anderen Worten:
50 % Webkit, 25 % Gecko, 25 % Closed Source.
Mal schauen…
Infos
[1] Browser-Statistiken im Überblick: http://en.wikipedia.org/wiki/Usage_share_of_web_browsers
[2] Ausgang des EU-Browserstreits: https://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/Microsoft-und-EU-einigen-sich-im-Browserstreit
[3] Betriebssystemverbreitung: http://gs.statcounter.com/#os-ww-monthly-200905-201006
[4] Chromium als Standard in Maverick: https://www.linux-community.de/Internal/Nachrichten/Was-kommt-mit-Ubuntu-10.10








Hallo,
“optimiert für Internet Explorer” mag aus dem Netz verschwunden sein, aber der Krieg geht weiter, wenn auch eine Etage tiefer.
Viele Seiten setzen Flash voraus, oder versuchen andere (proprietäre) Plugins durchzudrücken. Der zukünftige “Standard”-Videocodec wird auch nicht vom W3C bestimmt, sondern wird in der demnächst anstehenden Schlacht des Browserkrieges zwischen Microsoft, Google, YouTube, Mozilla und evtl. noch Apple ausgetragen.
Entspannung aus Sicht von Open Source sehe ich erst, wenn Flash Geschichte ist und die Videofrage zugunsten eines freien oder zumindest nicht-diskriminierend lizenzierbaren Codecs entschieden ist.
Es bleibt also spannend.
Gruß
Ugglan
Ich als ITler finde es auch gut, dass der Krieg weitergeht. Wäre nun alles fertig gäbe es ja nichts mehr zu tun :) Sollte Flash jetzt endlich verschwinden sollten wir doch etwas dankbar sein: Plattformunabhängige Videos, SVG im Web, superschnelles Java-Script, Canvas-Elemente etc. Alles das hat sich doch hauptsächlich so schnell entwickelt, weil die Jungs von Macromedia und später Adobe mittels dieses ach so nervigen Plugins eine Richtung vorgegeben haben, der sich der Markt schlicht nicht entziehen konnte. Ob man nun mit Flash mitgelaufen ist oder sich bemüht hat, diese Möglichkeiten so in den Browser zu zwingen — es hat… Mehr »
“Die detaillierten Statistiken von Holland und Ungarn zeigen sehr schön, dass die Chrome-Nutzer weitgehend aus Early-Adopters bestehen und praktisch geschlossen zur nächsthöheren Version wechseln”
Das nennt man “silent update” und ist nicht das Verhalten der Nutzer.