Das Milestone XT720 und Xperia X10 im Vergleich zum Nexus One

Das Milestone XT720 und Xperia X10 im Vergleich zum Nexus One

© Rich Dellinger, CC-BY-NC-SA 3.0

Drei Androiden

Beim Kauf eines neuen Handys spielen neben dem Geldbeutel und eventueller Markentreue in der Regel die handfesten Werte wie Akkulaufzeit und Bedienbarkeit eine wichtige Rolle. Wir haben drei Android-Handys getestet.

Einsteiger-Handys mit Android gibt es inzwischen schon ab 99 Euro [1], doch die aktuelle Königsklasse kostet weiterhin um 400 Euro aufwärts. Wir haben uns zwei Handys aus dieser Preisklasse angeschaut, das Motorola Milestone XT720 und das Sony Ericsson Xperia X10 (Internetpreis beider Modelle rund 380 Euro) und sie mit dem ehemaligen Platzhirschen, dem Nexus One von Google verglichen (aktueller Internetpreis rund 440 Euro).

Abbildung 1: Die Drei Testgeräte: Das Xperia X10 (links), das Nexus One (Mitte) und das Milestone XT720 (rechts).

Abbildung 1: Die Drei Testgeräte: Das Xperia X10 (links), das Nexus One (Mitte) und das Milestone XT720 (rechts).

Pro Nexus One

Auch wenn das Nexus One von Google offiziell nicht mehr vertrieben wird (bzw. nur noch an Entwickler) und im direkten Vergleich mit den hier getesteten Geräten keinerlei technische Vorteile bietet, lohnt sich der Kauf des quasi Original-Google-Handys für Entwickler aber auch für erfahrene Anwender eventuell aus folgenden Gründen:

  • Das Nexus One erhält in der Regel als erstes Android-Handy die neuen Android-Updates. Während andere Telefone noch mit Version 1.6 oder 2.1 auskommen müssen, läuft auf dem Nexus One inzwischen Version 2.2.1. Neben zahlreichen Fehlerkorrekturen bringt diese Android-Version auch neue Features, zum Beispiel das Tethering, um einen mobilen Hotspot bereitzustellen.
  • Die von Google bereitgestellten Entwicklerwerkzeuge sind optimal auf das Nexus One abgestimmt. Die meisten Anleitungen im Internet können problemlos nachvollzogen werden – bei anderen Geräten müssen Sie eventuell noch zusätzliche Informationen einholen.

Von diesen zwei (unter Umständen sehr wichtigen) Punkten und dem schönen Design des Nexus One abgesehen, gibt es eigentlich keinen triftigen Grund, dem Original-Google-Handy nachzutrauern, da es zum Beispiel in puncto Akkulaufzeit und Displayqualität leicht schlechter als das Milestone XT720 und das Xperia X10 abschneidet.

Abbildung 2: Das Nexus One besitzt vor allen Android-Handys stets die neueste Android-Version.

Abbildung 2: Das Nexus One besitzt vor allen Android-Handys stets die neueste Android-Version.

Screeenshots erstellen

Die einfachste Möglichkeit, Screenshots zu erstellen erfolgt über das Rooten des Android-Handys. Ein entsprechendes Einklick-Programm gibt es seit August 2010 in diversen Foren, wir benutzen für die Tests das Paket UniversalAndroot_1.6.1.apk direkt von der Entwicklerseite blog.23corner.com [2]. Anschließend suchen Sie sich im Android-Market eines der verfügbaren Screenshot-Programme aus, die in der Regel eine Funktion “Screenshot per Schütteln” verfügen. Während es uns in den Tests beim Nexus One und beim Xperia X10 problemlos gelang, die entsprechenden Bilder zu erstellen, weigerte sich das Milestone XT720 bei drei von vier Screenshotprogrammen die Bilder zu speichern. Lediglich mit drocap2 gelang dies zuverlässig. Das Rooten gelang auf den drei Handys problemlos, allerdings beließen wir das Nexus One auf der Firmware-Version 2.2.

Abbildung 3: Auch im gerooteten Zustand haben Sie noch Kontrolle darüber, ob ein Programm mit Root-Rechten ausgeführt werden soll oder nicht.

Abbildung 3: Auch im gerooteten Zustand haben Sie noch Kontrolle darüber, ob ein Programm mit Root-Rechten ausgeführt werden soll oder nicht.

Möchten Sie Ihr Android-Handy nicht rooten, da Sie damit eventuell Garantieansprüche verlieren, dann können Sie auch über das Android-SDK entsprechende Bildschirmfotos aufnehmen. Dazu müssen Sie nach der Installation und dem Download sämtlicher SDK-Komponenten zunächst die Android Debug Bridge als Root aufrufen. Dazu wechseln Sie ins Verzeichnis tools des Android-SDK und rufen hier die Befehle

sudo ./adb kill-server
sudo ./adb usb

auf. Anschließend starten Sie als gewöhnlicher Nutzer den Dalvik Debug Monitor über den Befehl ./ddms (ebenfalls im tools-Verzeichnis). Hier können Sie nun über [Strg]+[S] nach Belieben Bildschirmfotos erzeugen.

Abbildung 4: Mit dem Dalvik Device Monitor erstellen Sie Screenshots auch ohne das Handy rooten zu müssen.

Abbildung 4: Mit dem Dalvik Device Monitor erstellen Sie Screenshots auch ohne das Handy rooten zu müssen.

Xperia X10

Das aktuelle Android-Flaggschiff von Sony Ericsson kommt ziemlich stylisch daher und dürfte rein vom Äußeren her eher etwas für Verspielte sein. Auf den ersten Blick sieht das X10 ziemlich groß aus, doch im direkten Vergleich mit dem Nexus One und dem Milestone XT720 zeigt sich, dass es zwar etwas dicker ist, aber von den Abmessungen her kein Riesenhandy.

Abbildung 5: Das Xperia X10 (links) ist etwas dicker als das Milestone XT720 (Mitte) und das Nexus One (rechts).

Abbildung 5: Das Xperia X10 (links) ist etwas dicker als das Milestone XT720 (Mitte) und das Nexus One (rechts).

Sony liefert das X10 mit Android 1.6 (Kernel 2.6.29) aus. Der Grund für das relativ alte Android sind zahlreiche Anpassungen, die die Japaner an der Android-Oberfläche vorgenommen haben. So hat man unter anderem den eigenen Musik- und Spieledienst PlayNow integriert bzw. die kompletten Multimedia-Inhalte unter dem Namen Mediascape angepasst sowie Android ein eigenes Benutzerinterface unter dem Namen Timescape verpasst. Timescape ist zweifellos eine der Stärken der Android-Version, wenn man soziale Netzwerke mag, mehr dazu weiter unten. Über eine zusätzliche PlayNow-Anwendung bietet Sony Ericsson zudem auch eigene Apps an.

Abbildung 6: Musik zu kaufen ist mit dem Sony Ericsson Xperia X10 besonders einfach, die eigene Musik kommt dabei fast etwas zu kurz.

Abbildung 6: Musik zu kaufen ist mit dem Sony Ericsson Xperia X10 besonders einfach, die eigene Musik kommt dabei fast etwas zu kurz.

Im Unterschied zu den meisten Android-Handys bringt das X10 am unteren Rand nur drei Tasten mit – für eine Suche müssen Sie die Menütaste und die Lautstärketaste zusammen betätigen, was relativ umständlich ist. Neben den zwei Lautstärkereglern gibt es noch eine separate Taste für die 8-Megapixel-Kamera. Diese bringt einen eingebauten Bildstabilisator mit und speichert auf Wunsch auch Geodaten in den Aufnahmen. Die Qualität der Bilder ist relativ gut, das X10 kommt an diesem Punkt aber nicht an das Milestone XT720 heran.

Nur bei Sony

Timescape ist ein Versuch von Sony Ericsson, die täglich eingehenden Nachrichten, Statusmeldungen und Twitter-Feeds optisch so aufzuarbeiten, damit sich diese einfacher finden und besser organisieren lassen. Mit Timescape ist das Sony relativ gut gelungen, allerdings scheint sich der Dienst negativ auf die Akkulaufzeit auszuwirken, da er in der Grundeinstellung sehr oft prüft, ob Ihre Freunde bei Facebook, Twitter, VZNet oder wo auch immer etwas neues geschrieben haben. Während das X10 in den Tests ohne Timescape bei einer Minimalnutzung von rund 20 Minuten WLAN pro Tag auf eine maximale Akkulaufzeit von bis zu fünf Tagen kam, vermindert sich die Laufzeit bei intensiver Nutzung und Timescape auf maximal 48 Stunden. Ohne Timescape hält der Akku bei durchschnittlicher Nutzung gut 48 Stunden durch, allerdings gibt es hierzu im Internet diverse Forenbeiträge, die auf sehr unterschiedliche Akkulaufzeiten beim X10 hinweisen. Zudem verzichteten wir in den Tests auf die diversen Moxier-Dienste, da sie sich ebenfalls negativ auf die Akkulaufzeit auswirken können. Generell gilt deshalb auch beim X10: bei intensiver Nutzung muss das Gerät jeden Abend an die Steckdose angeschlossen werden.

Timescape selbst muss man mögen. Das Android-Widget hält Sie stets auf dem Laufenden und zeigt auf dem Startbildschirm E-Mails, Blog-Einträge, Twitter- und Facebook-Einträge und zahlreiche weitere Informationen an. Per Klick auf das Widget entfaltet sich dann die Zeitlinie, in der die Sie über den Touchscreen blättern können.

Abbildung 7: Mit Timescape verpassen Sie bestimmt keinen Facebook-Eintrag mehr.

Abbildung 7: Mit Timescape verpassen Sie bestimmt keinen Facebook-Eintrag mehr.

Wer Timescape und das Widget nicht mag, richtet einfach keinen Account ein oder löscht das Widget vom Home-Bildschirm, das ist kein Problem.

Auch bei Mediaplayer und Bildbetrachter hat Sony Ericsson ein eigenes Süppchen gekocht. Sie kommen optisch aber nicht so toll daher, wie der Original Player bzw. Bildbetratcher von Android. Vorteile der eigenen Lösung: Möchten Sie im Internet Musik kaufen, dann geht das mit dem X10 wirklich sehr einfach.

Ebenfalls praktisch fanden wir beim X10, dass das Android-Handy in der Grundeinstellung ein Backup-Tool mitbringt. Es sichert die Kontakte, Telefone und weitere Daten zwar nur auf der Speicherkarte, aber immerhin kann man davon dann eine Kopie auf dem eigenen Rechner oder “in der Cloud” erstellen.

Weniger gut gefiel in den Tests das von Sony Ericsson angepasste Layout. Es bringt viel zu wenig Kontrast mit, sodass man zum Beispiel bei Checkboxen auf den ersten Blick oft nicht erkennt, ob sie nun aktiviert oder deaktiviert sind.

Abbildung 8: Aktiv oder inaktiv? Auf diesem Bildschirm ist keine Checkbox ausgewählt.

Abbildung 8: Aktiv oder inaktiv? Auf diesem Bildschirm ist keine Checkbox ausgewählt.

Milestone XT720

Das XT720 gilt neben dem eigentlichen Milestone als kleiner Multimedia-Bruder. Es bringt keine Hardware-Tastatur mit, macht aber abgesehen davon eine sehr gute Figur. Die eingebaute Kamera löst wie beim X10 mit 8 Megapixel auf, macht aber deutlich bessere Bilder. Das normale Milestone bringt lediglich eine 5-MP-Kamera mit (auch das Nexus One enthält nur eine 5-Megapixel-Kamera). Multimedia-Freunde dürfen sich auch über einen sehr guten integrierten Lautsprecher freuen, der im Unterschied zum X10 und zum Nexus One tatsächlich hörbare Musik von sich gibt, nicht nur ein Krächzen.

Auch bei einem weiteren Punkt spielt das Milestone XT720 seine Multimedia-Trümpfe gegenüber dem Nexus One oder dem X10 ausspielen, bringt es doch eine HDMI-Schnittstelle für den Anschluss an einen Flachbild-TV oder LCD-Monitor mit. Dieser lässt sich allerdings nur in den dafür vorgesehenen Programmen nutzen, darunter dem Fotobetrachter und dem Videoplayer. Die Audio-Daten aus dem Audioplayer heraus per HDMI zu übermitteln, gelang in den Tests nicht.

Abbildung 9: Die recht markante Oberseite des Milestone XT720 mit dem Einschaltknopf, dem Klickenstecker und dem HDMI-Anschluss (rechts). An der dicksten Stelle des Smartphones befindet sich das Objektiv.

Abbildung 9: Die recht markante Oberseite des Milestone XT720 mit dem Einschaltknopf, dem Klickenstecker und dem HDMI-Anschluss (rechts). An der dicksten Stelle des Smartphones befindet sich das Objektiv.

Last but not least bringt das XT720 auch einen integrierten UPnP-Server mit (mit der neuesten Firmware von Mitte September). Damit lässt sich zum Beispiel die zentrale Musiksammlung über das Handy steuern oder vom PC aus die Musik auf dem Handy abspielen. Die Zusammenarbeit mit Rhythmbox gelang in den Tests allerdings nicht. Obwohl sich Player und Handy gegenseitig ohne jegliches Setup erkannten, funktionierte am Schluss die Steuerung über das XT720 nicht. Auch mit Mediatomb und anderen Streaming-Servern erreichten wir keine Verbindung. Die Konfigurationsdateien der einzelnen Serverdienste geben allerdings einige Hinweise, dass sich die UPnP-Einstellungen je nach Anbieter im Detail unterscheiden. Bessere Ergebnisse erreichten wir auf allen drei Testgeräten durch die App Remote Media Beta.

Administration per Browser

Unter den vorinstallierten Anwendungen des Milestone XT720 befindet sich auch das Motorola Phone Portal. Einmal gestartet stellt es per WLAN einen Webserver auf Port 8080 bereit, über den sich das Telefon administrieren lässt.

Abbildung 10: Über die Weboberfläche des XT720 lassen sich zum Beispiel Lesezeichen einrichten.

Abbildung 10: Über die Weboberfläche des XT720 lassen sich zum Beispiel Lesezeichen einrichten.

Neben den Standardfunktionen wie Kontakte verwalten (Import, Export, neu anlegen), Bilder betrachten oder SMS-Schreiben lassen sich über das Webfrontend auch Lesezeichen importieren oder die Klingeltöne einrichten. Auch das Motorola-Support-Center hat man in das Webfrontend integriert.

Weitere Eindrücke

Im direkten Vergleich zum Nexus One und zum X10 fällt der sehr gute Touchscreen des Milestone XT720 auf. Er reagiert deutlich flotter auf Eingaben. Auch die vier Sensortasten für das Kontextmenü, den Home-Bildschirm, Zurück und die Suche reagieren sehr gut, viel besser als etwa beim Nexus One. Motorola hat dem Smartphone zudem neben dem Auslöser der Kamera einen zweiten kleinen Knopf spendiert. Damit wechselt man schnell und einfach zwischen der Foto- und Video-Aufnahme sowie dem Player. Auch die zunächst etwas gewöhnungsbedürftige Form hat durchaus Vorteile, so findet man zum Beispiel auch in der Hosentasche den gewünschten Button quasi blind. Das Milestone X10 bringt zudem die mit Abstand besten integrierten Lautsprecher mit.

Nicht ganz mit dem X10 mitzuhalten vermag das XT720 jedoch beim Display: Die Anzeige des Xperia leuchtet heller und ist auch etwas größer als diejenige des Milestone. Beide sind jedoch besser und leuchtkräftiger als das Display des Nexus One.

Abbildung 11: Das Xperia X10 weist von den drei Testgeräten das größte und hellste Display auf.

Abbildung 11: Das Xperia X10 weist von den drei Testgeräten das größte und hellste Display auf.

Fazit

Sich für das passende Android-Handy zu entscheiden, ist keine leichte Aufgabe. Fast jede Woche kommen neue Geräte auf den Markt oder werden für die nahe Zukunft angekündigt. Mir als Tester gefiel das Milestone XT720 am besten, das Nexus One sieht allerdings zugegebenermaßen schicker aus und passt auch besser in eine Jacken- oder Hosentasche. Zudem gibt es für das Nexus One auch eine Docking-Station/Craddle. Die beiden anderen Testmodelle verfügen über keine entsprechende Anschlüsse. Die Verarbeitung und Handhabung aller drei Geräte ist gut bis sehr gut, auch beim Verpackungsmaterial haben sich alle drei Hersteller auf eine Umweltfreundliche Karton-/Papierverpackung entschieden. Es hängt also im wesentlichen vom persönlichen Geschmack ab, für welches der drei Testgeräte man sich entscheidet.

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