Das Curl-Projekt verabschiedet sich über den gesamten Juli in die Sommerfrische und lässt derweil Schwachstellenmeldungen einfach liegen. Damit handeln die Maintainer genau richtig.
Der Lüfter des Notebooks säuselt vor sich hin, gedämpftes Licht fällt durch die zugezogenen Vorhänge und das Thermometer zeigt 33 Grad Celsius. In der zweiten Juni-Hälfte 2026 dörrt eine Hitzewelle Land und Gemüter. Ich sitze am Schreibtisch und stöbere nach einem Thema für mein nächstes Editorial. Meine Füße stehen in einem Eimer mit kaltem Wasser.
Im Englischen gibt es ein bekanntes Idiom: “Ignorance is bliss”. Übersetzt bedeutet es: Unwissenheit ist ein Segen. Womöglich hatten die Maintainer von Curl genau diese Worte im Sinn, als sie Mitte Juni 2026 den “Curl summer of bliss” [1] ausriefen. Vom 1. Juli bis 3. August 2026 nimmt sich das Curl-Team die Freiheit, Schwachstellenreports zu ignorieren. Währenddessen ist das HackerOne-Forum geschlossen. Sicherheitslückenmeldungen per E-Mail laufen ins Leere. “Alle Kunden mit einem kostenpflichtigen Support-Vertrag erhalten selbstverständlich auch während dieses Zeitraums weiterhin umfassenden und angemessenen Service”, schreibt Sternberg auf seinem Blog.
Stürmische Zeiten liegen hinter dem Curl-Team. Ende Januar 2026 sahen sie sich gezwungen, ihr Bug-Bounty-Programm [2] ob der sich immer höher auftürmenden KI-Slop-Welle zu beenden. Obgleich sich die Lage entspannt hat, haben die vergangenen Monate Spuren bei den Projektverantwortlichen hinterlassen, nicht nur im Kontext schlecht generierter Security-Reports. Tatsächlich assoziiere ich die KI-Müllflut eher mit einer ordentlichen Prise Salz in allzu offenen Wunden.
Unzählige Open-Source-Projekte leiden unter Ressourcenmangel. Hinter gern und vielfach genutzter Software steht häufig eine erschreckend kleine Zahl engagierter Menschen, die Last verteilt sich auf wenige Schultern. Nicht selten fehlen Zeit und Geld. Menschen und Projekte laufen Gefahr, auszubrennen. Mit dem Summer of Bliss möchte das Curl-Team den Open-Source-Burnout verhindern. Dafür hat es meinen uneingeschränkten Respekt mit Tendenz zur Bewunderung. Die Logik dahinter erscheint simpel.
Theorie und Praxis
Das Umsetzen fällt alles andere als leicht. Leistung ist die Metrik unserer Zeit. Seit ich denken kann, spielt sie eine überaus wichtige Rolle. Viele Generationen sind leistungssozialisiert und Sozialisation sitzt tief, tiefer als es uns selbst manchmal bewusst ist. Wir wissen um die Notwendigkeit von Erholung, ausreichend gutem Schlaf beispielsweise. Die Empfehlungen dazu sind derart abgedroschen, dass mein Hirn Werbesprüche von Matratzenherstellern und Co. erst gar nicht verarbeitet und ungesehen löscht.
Menschen benötigen Regenerationsphasen, doch das gilt nicht für LLMs: Die leisten kontinuierlich. Dieser Aspekt setzt Menschen mal mehr, mal weniger subtil unter noch stärkeren Leistungsdruck. Angesichts dessen braucht es mindestens Mut, zu sagen: “Ich bin vier Wochen nicht zu erreichen, ich mache Sommerpause.” Recht haben die Curl-Maintainer damit. Sternberg lädt in seinem Blogpost explizit andere Open-Source-Projekte dazu ein, beim Summer of Bliss mitzumachen. Zum Redaktionsschluss haben sich bereits die Projektverantwortlichen von ImageMagick [3] und OctoPrint [4] angeschlossen.
Ich kann nur hoffen, dass ihr Beispiel Schule macht. Wenn ich in den Spiegel sehe und mich ehrlich frage, wie oft ich selbst meine Grenzen immer weiter verschoben, das letzte Quäntchen Energie aus dem längst blinkenden Akku gequetscht und später dafür den umso höheren Preis bezahlt habe, muss ich gestehen: viel zu oft.
Herzliche Grüße,

Carina Schipper Reuß
Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations
Infos
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“Curl summer of bliss”: https://daniel.haxx.se/blog/2026/06/15/curl-summer-of-bliss/
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Github-Post zum Ende des Bug-Bounty-Programms: https://github.com/curl/curl/pull/20312
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“Taking a Summer Break from Security Reports”: https://www.linkedin.com/posts/dirk-lemstra_curl-summer-of-bliss-share-7472732623891644417-HjHV/
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Gina Häußge auf Mastodon: https://chaos.social/@foosel/116804648998156249




