Nach dem Jahrestreffen der Linux-Foundation (LF) glaubt IBM-Mitarbeiter John Walicki an einen Durchbruch von Linux auf dem Desktop im Jahr 2008. Der IT-Journalist Joe Barr hingegen befürchtet, dass gerade Unternehmen wie IBM schädlichen Einfluss auf den Linux-Desktop nehmen könnten.
Vom 8. bis 10. April fand im US-amerikanischen Austin das zweite große Arbeitstreffen der Stiftung hinter dem freien Betriebssystem statt, der Linux Foundation Collaboration Summit. Im Anschluß an das Arbeitstreffen berichtet der Vorsitzender der LF-Desktop-Arbeitsgruppe, John Walicki, über die starke Position der Desktop-Befürworter und Erfolge. An dem Treffen der Desktop-Architekten hatten 75 Personen teilgenommen, acht Distributionen waren vertreten, darunter Red Hat sowie der freie Ableger Fedora, Mandriva, Open Suse, Ubuntu und Xandros. Walicki prophezeit Linux auf dem Desktop große Erfolge im Jahr 2008. Auch bei Hardware-Herstellern macht er Anzeichen für ein Umdenken aus, und er sieht, das unter zunehmendem Druck mehr passende Open-Source-Treiber für Chips und Bauteile zur Verfügung stehen.
Völlig gegensätzlich beurteilt der IT-Journalist Joe Barr das Wirken der Linux Foundation für das freie Betriebssystem auf dem Desktop. In einem Kommentar zu dem LF-Arbeitstreffen äußert er die Befürchtung, dass gerade der Arbeitgeber von Walicki und Hauptsponsor des Arbeitstreffens, IBM, nur an der Entwicklung von Linux auf dem Server interessiert sei. Er sieht den Linux-Erfinder Torvalds in “goldenen Ketten” und befürchtet schädlichen Einfluss der Großunternehmen. Unter den Fördermitgliedern der LF finden sich nahezu alle IT-Unternehmen von Rang und Namen, als eines der jüngsten Mitglieder ist Adobe dazugestoßen. Barr glaubt, dass mit der aktuellen Zusammensetzung die Entwicklung auf dem Desktop ins Hintertreffen geraten könnte, und nennt finanzielle Gründe. Er schreibt: “Geldleute sorgen sich um Geld” und glaubt, IBM würde nicht von einer Desktop-Entwicklung profitieren, und auch Unternehmen wie HP und Dell hätten keine Motivation, Linux hier zu fördern, da diese ausreichend Geld mit Windows auf Desktops verdienten. Weiterhin kritisiert Barr, dass die LF nur am ersten Tag Journalisten zu dem Treffen zugelassen hatte. Auch hier sieht er Parallelen zu Unternehmen, zu deren Geschäftsbesprechungen die Presse gleichfalls keinen Zugang hätte. Er klagt: “So ist das Leben in der Unternehmenswelt, damit hab ich kein Problem – außer wenn der gleiche Mangel an Transparenz Einzug in die FOSS-Welt hält.”
Barrs Argumenten über mangelndes Interesse der Unternehmen am Linux-Desktop entgegen stehen allerdings aktuelle Entwicklungen gerade in den von ihm bezeichneten Unternehmen: In einer groß angelegten Desktop-Initiative will “Big Blue” gezielt Microsoft auf dem Desktop angreifen und kooperiert zu diesem Zweck mit verschiedenen Linux-Unternehmen. Auch die in der Kritik erwähnten Hardware-Hersteller HP und Dell erweitern ihre Linux-Angebote auf dem Desktop.





Das ganze darf man nicht so schwarz/weiß sehen. Natürlich forcieren die Mitglieder in der Linux Foundation zuerst die Einsatzbereiche, in denen sie unmittelbar Marktanteile gewinnen können. Die Investitionen in den Desktopbereich sind oft nicht so sichtbar, weil sie zum Beispiel Software betrifft, die nur von Unternehmen eingesetzt wird. Trotzdem sind gerade diese Investitionen dann ausschlaggebend, wenn eben Unternehmen eine Migration oder Teilmigration ihrer Arbeitsplätze in Erwägung ziehen. Man sollte auch nicht vergessen, dass auch die neuen Produkte von OEMs wie Dell, HP, Asus, usw. eine Verbesserung der Situation bewirken, weil mittlerweile durchaus Druck auf die Hersteller von Hardwarekomponenten ausgeübt wird.… Mehr »