Am 18. November 2025 hielten deutsche und französische Spitzenpolitiker sowie Größen aus der Digitalwirtschaft beider Länder einen Gipfel in Berlin ab. Unter den Teilnehmern fand sich dabei ein besonders spannender Gast.
Tolkien-feste Menschen kennen sowohl den Begriff Palantir als auch die Geschichte um die magischen Steine dieses Namens. Für all jene, die davon noch nie gehört haben, rekapituliere ich kurz: Die Palantiri [1] sind quasi die Videokonferenzlösung für Mittelerde. In “Herr der Ringe” nutzt etwa der dunkle Herrscher Sauron einen Palantir zur Kommunikation mit seinem Lakaien Saruman. Zurück in der realen Welt taucht der Name Palantir in einem anderen Kontext auf, den sein Erfinder J. R. R. Tolkien sicher nicht gutgeheißen hätte. Man mag dabei schon fast von Tolkien-Washing sprechen.
Das US-Unternehmen Palantir [2] entwickelt Analyse- und Überwachungssoftware für Geheimdienste, Polizei und Militär. Obwohl Palantir-Produkte und der Firmengründer Peter Thiel – ich lege ihnen dazu die passende Deutschlandfunk-Podcast-Serie [3] ans Herz – stark in der Kritik stehen, finden sie auch in Deutschland Verwendung. Bei der bayerischen Polizei [4] setzt man zum Beispiel auf Palantirs VeRa.
Dabei scheint die Botschaft der digitalen Souveränität und Unabhängigkeit von US-Technologie endlich in Politik und Wirtschaft angekommen. Zumindest, wenn man auf den Mitte November 2025 in Berlin abgehaltenen Roundtable “EU AI Champions Initiative” im Rahmen des deutsch-französischen Digitalgipfels schaut. “Die digitale Souveränität Europas ist zentral für Europa, für unsere gemeinsamen Werte, aber auch die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft, für unsere Sicherheit und für unsere Verteidigung”, verkündete Bundeskanzler Friedrich Merz [5].
Schöne und wahre Worte, oder? Fast zu schön, um wahr zu sein. Und tatsächlich bekommt das Bild vom Digitalgipfel bei genauerem Hinsehen einen hässlichen Riss. Das Zentrum für Digitalrechte und Demokratie hat unter den Gästen eine besondere Person entdeckt: Laura Rudas. Seit 2015 arbeitet die österreichische Ex-Spitzenpolitikerin für Palantir. In einem Beitrag [6] fragen die Digitalaktivisten vollkommen zu Recht: “Warum saß Palantir beim Digitalgipfel am Tisch mit Merz und Macron?” Zugegeben, offiziell besuchte Rudas die Veranstaltung als Mitglied der “EU AI Champions Initiative” – Schmuck am Nachthemd, würde mein Kollege Jörg Luther vermutlich dazu sagen.
Für das Mitmischen eines US-Tech-Giganten bei einem europäischen Digitalgipfel gibt es vielerlei Gründe. Der offensichtlichste: Man möchte wissen, was sich beim Thema digitale Souveränität auf dieser Seite des Atlantiks tut, dementsprechend reagieren und Einfluss nehmen. Schließlich will niemand die europäische Kundschaft verlieren, und Greenwashing funktioniert doch auch recht gut. Warum sich also nicht das Etikett “Souveränität” anheften? Aus der Perspektive von Palantir und Konsorten kann ich das sogar nachvollziehen. Mein Verständnis für Friedrich Merz, Emmanuel Macron und den Digitalminister Karsten Wildberger hingegen schwindet rapide. Ob die Herren ihre Worte selbst glauben?
Herzliche Grüße,

Carina Schipper
Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations
Infos
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Palantir (Herr der Ringe): https://lotr.fandom.com/de/wiki/Palant%C3%ADr
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Palantir (Unternehmen): https://www.palantir.com/about/
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“Die Peter-Thiel-Story”: https://www.deutschlandfunk.de/die-peter-thiel-story-100.html
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“Polizeisoftware von Palantir: Werden Alternativen ignoriert?”: https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/polizeisoftware-von-palantir-werden-alternativen-ignoriert,UzmaB7J
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Merz-Statement nach dem Digitalgipfel (Video): https://www.bundeskanzler.de/bk-de/mediathek/statement-bk-digitalgipfel-2394524?view=detail
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“Warum saß Palantir beim Digitalgipfel am Tisch mit Merz und Macron?”: https://digitalrechte.de/news/palantir-beim-digitalgipfel-am-tisch-mit-merz-und-macron




