Das unscheinbare Wörtchen “unerreichbar” löste einen Sturm in der Debatte um Deutschlands digitale Souveränität aus. Das Ergebnis findet Carina Schipper nicht einmal so schlecht.
Am 12. August 2025 meldete sich die BSI-Chefin Claudia Plattner in der Debatte um digitale Souveränität zu Wort. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa) bekundete sie unter anderem, die technologische Abhängigkeit Deutschlands von Soft- und Hardware aus dem Ausland lasse sich nicht in absehbarer Zeit aus der Welt schaffen. In der Überschrift der dazugehörigen dpa-Meldung fand sich das Wort “unerreichbar”.
Zahlreiche Medien übernahmen gemäß durchaus gängiger Praxis nicht nur die dpa-Meldung selbst, sondern auch deren Headline [1]. Damit begann “unerreichbar” unaufhaltsam seine Kreise zu ziehen. Ob es sich aus den Aussagen Plattners tatsächlich herauslesen lässt, ist dabei herzlich unerheblich. Wem Friedemann Schulz von Thun und seine Kommunikationsmodelle [2] ein Begriff sind, weiß, dass es nicht allein auf den Sachinhalt einer Aussage ankommt: Auch die Aspekte der Selbstkundgabe (Senden Sie Ich-Botschaften!), der Beziehungs- und der Appellseite spielen eine Rolle.
Was die Beziehungskomponente angeht, trafen die BSI-Präsidentin und die dpa womöglich unwillkürlich, aber mit Wucht ins Schwarze. Schließlich mussten die Äußerungen Plattners die Open Source Business Alliance (OSBA – Bundesverband digitale Souveränität e. V.) verärgern. Dass Plattner am 24. August 2025 klarstellte, derlei niemals behauptet zu haben und massiv zurückruderte, vermochte nichts daran zu ändern – zumal sich die BSI-Chefin schon im März 2025 skeptisch zum Thema gezeigt hatte: “Der auf den ersten Blick offensichtlichste Ansatz wäre hier, ausschließlich auf Lösungen zu setzen, die national oder in der EU entwickelt, angeboten und betrieben werden. Das ist aber – und da sollten und dürfen wir uns nichts vormachen – in vielen Fällen schlichtweg nicht möglich, da viele der notwendigen technischen Services und Innovationen bisher außerhalb der EU entstehen. Es wäre nicht leistbar, kurzfristig alle relevanten digitalen Lösungen lokal zu entwickeln und bereitzustellen: Dafür ist das Spektrum zu breit und dafür gälte es, mehrere Jahre an Entwicklung auf- und mehrstellige Milliardeninvestitionen nachzuholen.” [3]
Als logische Konsequenz widersprach die OSBA zusammen mit 59 Unterzeichnern in einem offenen Brief [4] vom 25. August 2025 der BSI-Chefin massiv. Peter Ganten, Vorstandsvorsitzender der OSBA, brachte die durchaus berechtigte Kritik an der BSI-Chefin auf den Punkt: “Claudia Plattner müsste als Präsidentin des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik eine der stärksten Befürworterinnen von Open-Source-Software sein und sich für den Ausbau von digital souveränen Alternativen aussprechen, statt mit ihren pauschalen Aussagen Verunsicherung in Politik und Wirtschaft zu säen.”
Kommen wir noch einmal zurück zum Ausgangspunkt der Misere, der dpa-Überschrift. Darin hieß es, die BSI-Präsidentin halte digitale Souveränität für “vorerst unerreichbar”. Das kleine Wörtchen “vorerst” entkräftet die Unerreichbarkeit, mehr noch, es räumt die Möglichkeit digitaler Souveränität ein. Diesen Tenor greift der offene Brief [5] auf, den Plattner ihrerseits prompt an die OSBA richtete. Insgesamt liest sich das Schreiben versöhnlich und lädt ins BSI ein, “um in einen offenen, konstruktiven Austausch zu kommen.”
Unter dem Strich verfolgen BSI und OSBA also ein gemeinsames Ziel. Man könnte meinen, die ganze Geschichte sei letztlich nicht viel mehr als der sprichwörtliche Lärm um nichts. Doch das stimmt nicht ganz. Egal, ob Claudia Plattner in Bezug auf ihr dpa-Interview die Wahrheit sagt: Mit ihrem Verhalten, ihren Aussagen und dem offenen Brief an die OSBA hat sie Fakten geschaffen. Jetzt können die OSBA und all die anderen, die sich für digitale Souveränität und den Einsatz von FOSS starkmachen, sie beim Wort nehmen. Bleibt nur zu wünschen, dass es in der Zusammenarbeit mit dem BSI von nun an nicht mehr so holprig läuft.
Herzliche Grüße,

Carina Schipper
Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations
Infos
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“BSI-Präsidentin: Digitale Souveränität für Deutschland vorerst unerreichbar”: https://www.heise.de/news/BSI-Praesidentin-Digitale-Souveraenitaet-fuer-Deutschland-vorerst-unerreichbar-10517756.html
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Kommunikationsquadrat nach F. Schulz von Thun: https://www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat
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Positionierung des BSI zu digitaler Souveränität in Zeiten von Cyber Dominance: https://www.bsi.bund.de/DE/Service-Navi/Presse/Alle-Meldungen-News/Blog/Digitale_Souveraenitaet_250319.html
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Offener Brief der OSBA an Claudia Plattner: https://osb-alliance.de/pressemitteilungen/offener-brief-claudia-plattner-bsi-digitale-souveraenitaet-ist-moeglich
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Offener Brief Claudia Plattners an die OSBA: https://www.linkedin.com/posts/claudiaplattner_antwort-der-bsi-pr%C3%A4sidentin-auf-den-offenen-activity-7366088942661554176-1Sgv?utm_source=share&utm_medium=member_desktop&rcm=ACoAADVW1jEB27GdvxF8b_dyiYpiwQAbHSh7ekI




