Ubuntu-Fever – Ein Rückblick auf den UDS in Sevilla

Ubuntu-Fever – Ein Rückblick auf den UDS in Sevilla

Vor meiner Reise nach Sevilla schickte ich den Kollegen eine scherzhafte E-Mail: Wenn Ihr noch ein Feature im nächsten Ubuntu wollt, sagt mir Bescheid, ich fahre nach Sevilla. Dort fand bis zum Freitag den 11. Mai 07 der UDS (Ubuntu Developer Summit) statt, quasi das Gipfeltreffen der Ubuntu-Entwickler. Wer wissen will, wie freie Software entsteht und welche Features die nächste Ubuntu-Release „Gutsy Gibbon“ (Gefräßiger Gibbon) mitbringt, ist hier am richtigen Fleck. Ich sitze also in einer BoF (Birds of Feather). In diesen kleinen Versammlungen beraten Entwickler gewöhnlich über ein neues Feature oder Dinge, die sie im nächsten Release ändern wollen. Solche Treffen finden ständig statt, meist vier oder fünf Sitzungen parallel. Dafür gehen kleine Räume direkt von einer Art Forum ab (Abbildung). Je nachdem, wieviel Interesse ein Thema erzeugt, sitzen zwischen drei und 30 Leuten in einem Raum.

Nicht alle reden, manche hören nur zu. Bei diesem hier geht es darum, welche Features das nächste Kubuntu mitbringt. Etwa 10 Leute diskutieren die Frage und schreiben ihre Ideen auf eine kleine Tafel in dem Raum, den eine Klimaanlage auf Kühlschranktemperatur abkühlt. Es verblüfft, wie effizient Leute wie Matt Zimmermann in diesen BoFs arbeiten. Innerhalb von Minuten werden recht komplexe Probleme angerissen, diskutiert und gelöst, die einstündigen Zeitpläne lassen keine Zeit für ausufernde Diskussionen, die Entwickler arbeiten zielorientiert.

Wie hätten Sie’s denn gern

Plötzlich steht Jonathan Riddell vor mir. „Wünschst du dir ein bestimmtes Feature im nächsten Kubuntu?“ fragt mich der Kubuntu-Entwickler. Ich bin verblüfft, auf die Schnelle fällt mir nichts Intelligentes ein. Aber ich bin da, also gehöre ich dazu. Das macht den Reiz dieses gut besuchten Arbeitstreffens aus: Näher an die Quelle kommt man nicht. Hier treffen Community und die bei Canonical angestellten Entwickler aufeinander. Es gibt einen regen Austausch von Ideen, man informiert sich über neue Entwicklungen, Klatsch fehlt ebensowenig wie Kritik. Die wird gleich zu Beginn geäußert: Unter der Überschrift „How was Feisty for you?“ ziehen viele Entwickler im Forum ihr Resümee und weisen auf Probleme mit Feisty hin.

Der Update-Manager

Die meisten der Anwesenden sind sehr offen. So etwa Michael Vogt. Der freundliche Deutsche mag Mitte 20 sein und kümmert sich um den Update-Manager von Ubuntu. Er sorgt dafür, dass die neue Release von Ubuntu mit einem Mausklick auf der Platte landet. Das ist perfekt, denke ich mir: Auf meinem Laptop läuft noch Edgy Edge. Aus Angst vor Datenverlust hab ich das Update bisher verweigert – auch wenn bisher jedes Ubuntu-Update funktionierte. Geht die Sache aber schief, kann ich faktisch nicht mehr mit meinem Produktivsystem arbeiten.

Mit dem menschlichen Update-Manager in Reichweite, scheint es sich hier um eine sichere Wette zu handeln. Im Notfall muss ich zu Windows greifen, drohe ich Michael im Spaß an. Der schluckt. Im Gespräch erläutert er, wo mitunter Probleme auftreten: Binden Leute externe Repositories ein, die nicht zu den Standard-Repositories von Ubuntu gehören, suchen die Programme nach bestimmten Bibliotheken, die es nach dem Update womöglich nicht mehr gibt. Der Update-Manager versucht im Hintergrund, solche Sachen zu verhindern, kann aber nicht alle Fälle berücksichtigen. Auf meinem Laptop läuft Beryl, das hübsche 3D-Desktop-Effekte erzeugt. Die Software stammt aus einem externen Repository. Ich beschließe, die Software zu deinstallieren. Seit Feisty befindet es sich im Standard-Repository von Ubuntu. Anschließend lade ich mir über das WLAN des Hotels sämtliche aktuellen Updates für Edgy herunter, sichere die wichtigsten Dateien, hole tief Luft und klicke auf den Upgrade-Button.

Es klappt. Nach etwa anderthalb Stunden und einem Neustart ist Feisty auf meiner Platte. Die Mails sind noch da, das WLAN läuft und der Sound – ein Problemkind – läuft auch, sogar Open Office übernimmt meine bereits geänderten Voreinstellungen – das gab es vorher nicht. Ich atme auf. Auch Michael atmet auf. Er sei bei jeder Release wahnsinnig nervös, gesteht er. Von Ausnahmen abgesehen, seien die Erfahrungen mit dem Update-Manager allerdings positiv.

Community

Zwar ist der mehrtägige Aufenthalt in Sevilla nicht billig, es gibt aber dennoch einige Leute, die auf eigene Kosten anreisen. So wie Roald Hopman, der Moderator eines Ubuntu-Forums, der aus Holland stammt. Auch Lukas Fittl wohnt in dem Hostel. Er kommt aus Wien und kümmert sich um eine Reihe von Ubuntu-Paketen. Andere Teilnehmer sponsert Canonical. Sie schlafen ebenso wie Canonicals Mitarbeiter in Zweibettzimmern im recht vornehmen Hotel „Al-Andalus Palace“. Sitzen die Entwickler gerade nicht in einer BoF-Session, coden sie, trinken Kaffee und Orangensaft oder diskutieren im Forum mit anderen Entwicklern.

Häufig geht es dabei um das Verhältnis der Entwickler zur Community, um das, was beim Endverbraucher ankommt. Auf dem UDS erscheinen auch Betreiber von Foren sowie Leute, die bei Ubuntu nicht-technische Aufgaben erledigen, sich etwa um Usability und Kommunikation kümmern. Sie geben den Entwicklern Impulse von Außen, da sie häufig die Probleme der Anwender besser kennen. Bugs und Probleme mit Software bemerken Entwickler häufig nicht mehr, Betriebsblindheit nennt man das auch gern.

Nach Feierabend geht es in die Stadt: Gegen 19 Uhr sieht man größere Gruppen von Leuten mit Ubuntu-Halsbändern durch die sommerliche Innenstadt von Sevilla ziehen. Und siehe da: In den Kneipen und Restaurants bei Tapas und Bier lassen selbst Ubuntus härteste Hacker ihren Laptop im Rucksack.

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