Editorial 06/2025

Aus LinuxUser 06/2025

Editorial 06/2025

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Erfolg zweifelhaft

Nun ist sie da, die Zeitenwende in der Gesundheitspolitik. Die elektronische Patientenakte soll ab sofort flächendeckend ausgerollt werden. Klingt gut, oder?

Am 29. April 2025 konnte der scheidende Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach endlich mit großen Worten verkünden, was er über zwei Dekaden gefordert hat: den Startschuss für die elektronische Patientenakte (ePA). Als Zeitenwende und längst überfälligen Wendepunkt in der Digitalisierung der Gesundheitsversorgung bezeichnete er die Version 3.0 der ePA. Das klingt ja tatsächlich positiv – zu schön die Vorstellung, dass beispielsweise zwischen dem Befund vom Facharzt und der Hausarztpraxis nur wenige Mausklicks liegen statt mehrerer Tage bis Wochen Wartezeit.

Wie Lauterbach geben sich auch andere Projektbeteiligte wie die Gematik überzeugt, dass die erste Testphase in einzelnen Regionen erfolgreich abgeschlossen wurde. Was jetzt kommt, formuliert man simpel und kehrt das ein oder eine Stolpersteinchen geflissentlich unter den Teppich: Bis Oktober 2025 sollen sich Praxen, medizinisches Versorgungszentren (MVZ), Krankenhäuser und Apotheken in der bundesweiten Hochlaufphase freiwillig, aber ausgiebig mit der ePA befassen, sie integrieren und die Arbeit damit einüben. Wann und wie sie das tun, bleibt ihnen überlassen – nachdem sie die nötige Software in Form eines ePA-Moduls erhalten haben, was der Gematik zufolge mehrere Wochen dauern könnte. Nach der von Verantwortlichen als “Soft-Start” bezeichneten zweiten Testphase müssen die Leistungserbringenden ab 1. Oktober 2025 die ePA nutzen. Nicht näher definierte Sanktionen bei Verstößen will man 2026 verhängen, heißt es vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG).

Hinter dem Einführungszeitfenster steckt allerdings mehr als nur ein Entgegenkommen in Richtung der Praxen und MVZ: Viele sind technisch schlicht nicht darauf vorbereitet. Außerdem fehlt es bezüglich IT-Sicherheit oft an grundsätzlichem Wissen und Bewusstsein. Obendrein bietet das System hinter der ePA weiterhin reichlich Angriffsfläche für Cyberkriminelle. Wie sich die Daten sogar ohne Gesundheitskarte abgreifen lassen, führten die IT-Sicherheitsexperten Bianca Kastl und Martin Tschirsich vom CCC auf dem 38C3 [1] im Dezember 2024 vor. Vier Monate später – die Sicherheitslücken sind laut BMG selbstverständlich geschlossen – fällt die Kritik nicht minder vernichtend aus. CCC-Sprecher Linus Neumann mahnt im ZDF [2], man habe lediglich den massenhaften Zugriff auf Gesundheitsdaten erschwert. Die Maßnahmen dazu stuft er als wenig tauglich ein.

Gezielt an Daten von Einzelpersonen zu kommen, funktioniert also weiter. Und die sind überaus wertvoll, da sie viel mehr verraten als zum Beispiel Kreditkartendaten. Wenig überraschend bekunden auch die ersten Krankenkassen starkes Interesse an den ePA-Daten, um den Versicherten gezielt Versorgungsangebote machen zu können. Zu Recht widerspricht Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach dem Vorhaben derzeit und stellt die Patienten in den Mittelpunkt [3]. Immerhin gehören ihnen die Daten, und ausschließlich sie sollten bestimmen, wer darauf zugreifen darf.

Abgesehen von der mangelhaften Technik lässt die Kommunikation rund um die digitale Patientenakte erheblich zu wünschen übrig. Wer die ePA nicht möchte, muss ihr aktiv widersprechen. Bisher haben das rund 5 Prozent der Patienten getan. Transparente Informationen als Entscheidungsgrundlage für oder gegen die digitale Patientenakte müssen Sie sich derzeit aber noch mehr oder weniger selbst zusammensuchen. Weder das BMG noch die Krankenkassen klären ausreichend über die Risiken auf. Genau genommen kenne ich Ende April 2025 niemanden, der von seiner Krankenkasse irgendeine Information dazu erhalten hätte. Ich bin gespannt, ob dazu überhaupt noch ein Schreiben in meinem Briefkasten landet. Für den Erfolg der ePA und echte Zustimmung in der Bevölkerung wäre freiwillige Aufklärungsarbeit das Mindeste.

Herzliche Grüße,

Carina Schipper

Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations

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