Editorial 05/2025

Aus LinuxUser 05/2025

Editorial 05/2025

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Not und Tugend

Es war abzusehen und nur eine Frage der Zeit: Eines der Dekrete des US-Präsidenten hat die Open-Source-Welt direkt getroffen. Doch was ist, wenn darin inmitten der negativen Konsequenzen auch Chancen stecken?

Donald Trump hält, was er versprochen hat: Er legt ein schwindelerregendes Tempo beim Erlassen von Executive Orders vor. Solche präsidialen Dekrete sind verbindliche Anordnungen für die US-Exekutive. Kippen können sie nur Gerichte, indem sie den Inhalt als verfassungswidrig einstufen. Am 14. März 2025 ordnete Trump an, unter anderem die US Agency for Global Media (USAGM) nahezu gänzlich zu eliminieren [1]. Gleichzeitig drehte er damit auch dem Open Technology Fund (OTF) über Nacht den Geldhahn zu. Eine Klage [2] des OTF gegen die Executive Order ließ erwartungsgemäß nicht lange auf sich warten.

Vom 40 Milliarden US-Dollar schweren Fördertopf des OTF profitieren vor allem große Open-Source-Projekte. Dazu zählen Let’s Encrypt, OpenVPN, der quelloffene Android-App-Store F-Droid, das Tor-Netzwerk oder der Messenger Signal zur sicheren Kommunikation. Es erscheint als absurder Witz, dass Teile der US-Regierung Luftangriffe ausgerechnet in einer Signal-Gruppe planen, während die Trump-Vertraute und USAGM-Sonderberaterin Kari Lake in einer Pressemitteilung [3] die faktische Zerschlagung der Agency rechtfertigt, mit offensichtlich an den Haaren herbeigezogenen Argumenten wie Infiltrierung durch Terroristen oder Finanzierung von Fake News.

Auf der anderen Seite des Atlantiks überlegte man derweil, wie Europa mit der Situation umgehen soll. Zwar existiert kein direktes Gegenstück zum OTF, aber unter anderem die Sovereign Tech Agency und andere Organisationen. In den USA sieht sich der Staat nicht mehr in der Pflicht, wenn es beispielsweise darum geht, den Zugang zu unabhängigen Informationen und Basistechnologien wie Verschlüsselungsbibliotheken zu gewährleisten. Der Markt soll es regeln. Ohnehin vollzieht sich in den USA momentan ein Kurswechsel: Die dortige Politik basiert längst nicht mehr auf Werten, sondern nur noch auf den (wirtschaftlichen) Interessen einiger Autokraten, mehrheitlich aus der Tech-Branche.

In Deutschland und Europa dagegen gibt es den Begriff der digitalen Souveränität, der nicht mit der Erzählung von Internetfreiheit verknüpft ist, wofür der OTF ins Leben gerufen wurde. Die Sovereign Tech Agency [4] definiert Open-Source-Software als “Rückgrat unserer digitalen Infrastruktur” und hält es deswegen für zwingend notwendig, sie gezielt und langfristig mit staatlichen Mitteln zu finanzieren. Dafür nimmt man tatsächlich mit 29 Millionen Euro viel Geld in die Hand, das zumindest teilweise das wegen der unterschiedlichen Dekrete klaffende Loch stopfen könnte.

Doch bevor die Alte Welt ins Handeln kommen konnte, drehte sich in Washington der Wind. Ende März, ungefähr zwei Wochen nach der die USAGM betreffenden Executive Order, zog die US-Regierung dieselbe zurück [5]. Damit fließt das Geld beim OFT also wieder. Den weltweit entstandenen Vertrauensverlust vermag das nicht wiederherzustellen. Obwohl die Trump-Administration momentan unstrittig immensen Schaden in unterschiedlichen Bereichen anrichtet und viel sprichwörtliches Porzellan zerschlägt, entdecke ich zwischen all den Scherben etwas Positives: Schließlich lässt sich aus einer Not oft eine Tugend machen. Was ist, wenn Trump und Co. damit die europäische Zusammenarbeit, die digitale Souveränität unseres Kontinents und letztlich die Open-Source-Community stärken? Furcht ist ein sehr mächtiger Motivator.

Herzliche Grüße,

Carina Schipper

Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations

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