Über 20 Lenze zählt der Open-Source-Webbrowser Firefox. Momentan steht er am Scheideweg. Die eingeschlagene Richtung wird darüber entscheiden, ob am Ende des Dramas um ihn sein Tod steht.
Bevor wir uns den Irrungen und Wirrungen des Firefox zuwenden, möchte ich Sie auf eine kleine Exkursion ins antike Griechenland mitnehmen. Mit seiner Poetik entwarf Aristoteles damals die erste Dramentheorie. Dabei unterschied er fünf Akte: Die Einleitung stellt den Grundkonflikt und die Figuren vor. In der Steigerung entwickelt sich der Plot bis zum Höhepunkt. An ihn schließt sich das retardierende Moment (Fall oder Umkehr) an, bis die Handlung entweder in der Katastrophe (Tragödie) oder in einer glücklichen Fügung (Komödie) endet.
Zurück in der Gegenwart assoziiere ich nicht erst durch den Artikel “Lieber Fuchs” [1] von Ferdinand Thommes in dieser Ausgabe die Geschichte des Firefox mit einem klassischen Schauspiel. Das Projekt weist zahlreiche Kriterien dafür auf. Der Grundkonflikt dürfte Ihnen hinlänglich bekannt sein. Bei den Figuren konzentrieren wir uns auf die beiden Hauptrollen in Gestalt von Mozilla und der Firefox-Community. Deren Vergangenheit entnehmen Sie bitte dem erwähnten Artikel, um den Rahmen des Editorials nicht zu sprengen. Aktuell strebt die Handlung des Firefox-Dramas dem Höhepunkt entgegen.
Den jüngsten Beleg dafür, wie sehr die Spannung steigt, finden Sie im Wirbel um die Ende Februar 2025 geänderten Nutzungsbedingungen für den Webbrowser. Mozilla hat aus rechtlichen Gründen unter anderem die Datenschutzhinweise angepasst. Besorgniserregend schnell mutierte das Thema zum Skandal – durch die Frage, ob Mozilla plötzlich Nutzerdaten verkaufen könnte [2]. Bei genauerem Hinsehen und eine Klarstellung später erwiesen sich die Vorwürfe als haltlos.
Tragischerweise setzt Mozilla damit seine Serie von – vorsichtig formuliert – Kommunikationspannen fort, was uns zum Höhepunkt des Dramas bringt. Die Zukunft des Open-Source-Browsers könnte derzeit kaum ungewisser und bedrohlicher wirken. Sein Marktanteil schwindet kontinuierlich. Immer wieder misslingt es Mozilla, grundsätzlich durchaus sinnvolle Entwicklungen ins richtige Licht zu stellen. Die Community geht daraufhin hart mit dem Unternehmen ins Gericht. Ohnehin guttiert sie Erweiterungen nur selten. Die Integration von KI-Komponenten stößt ebenfalls nicht auf Gegenliebe.
Retardierendes Moment
Der sich vertiefende Graben zwischen Mozilla und der Firefox-Community gibt wenig Anlass zur Hoffnung auf eine rosige Zukunft für den Webbrowser. Obendrein scheint die Finanzierung des Projekts auf wackligen Füßen zu stehen. Derzeit läuft in den USA ein Kartellverfahren mit dem Ziel, Googles Suchmaschinenmonopol zu zerschlagen. Hat es Erfolg, versiegt für Mozilla eine wichtige Einnahmequelle. Hier könnte die US-amerikanische Regierung in einer Nebenrolle auftreten und für eine Wendung im Firefox-Drama sorgen. Präsident Trump hat irgendwo im Rauschen seiner unzähligen Verlautbarungen erwähnt, dass die USA kein Interesse an der Zerschlagung Googles hätten. Bewahrheitet sich das, bleibt Mozillas Deal mit Google und der Geldfluss bestehen.
Allerdings würde das nichts anderes bedeuten als ein kurzfristiges Hinauszögern unserer dramatischen Handlung. Die beiden Hauptdarsteller Mozilla und die Community sind weiterhin dafür verantwortlich, ob die Mär des Firefox einmal als Komödie oder Tragödie gelten wird. Raufen sie sich zusammen, ziehen sie wertvolle Lehren aus der Vergangenheit und arbeiten sie gemeinsam am Fortbestand des Open-Source-Browsers, ließe sich von einer glücklichen Fügung sprechen. Misslingt es ihnen, schwinden die Überlebenschancen des Firefox unaufhaltsam bis hin zur Katastrophe – seinem Tod.
Herzliche Grüße,

Carina Schipper
Stellv. Chefredakteurin, Strategy & Operations
Infos
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Quo vadis Firefox: Ferdinand Thommes, “Lieber Fuchs”, LU 04/2025, S. 84, https://www.linux-community.de/51890
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“Richtigstellung bezüglich Irritationen über neue Nutzungsbedingungen von Firefox”, Sören Hentzschel: https://www.soeren-hentzschel.at/firefox/richtigstellung-bezueglich-irritationen-ueber-neue-nutzungsbedingungen-von-firefox/




