Mit dem N770 überraschte Nokia die Fachwelt. Das N810 – die dritte Generation des Internet-Tablets – kommt weniger aufsehenerregend, aber dafür um so ausgereifter daher.
Wer viel surft und einerseits nicht auf ein unhandliches Notebook zurückgreifen, aber sich andererseits auch nicht die Augen mit kleinen Handy-Displays verderben möchte, der landet früher oder später bei den so genannten Internet-Tablets. Einen auf Linux basierenden Vertreter dieser Art mobiler Geräte hat Nokia mit dem N810 im Angebot.
Das N810 kommt mit Nokia-typischen Beigaben daher: In der Schachtel liegen neben dem eigentlichen Gerät und dem Akku ein Micro-USB-Kabel, ein Headset, das Ladegerät und zwei Eingabestifte sowie ein Gerätehalter für die Frontscheibe im Auto. Auch eine Tasche aus echtem Leder gehört zum Lieferumfang. Das Gerät erscheint sehr gut verarbeitet, die verbauten Materialien hochwertig. Das Gehäuse besteht beispielsweise aus Metall – das schützt ausgezeichnet bei einem Sturz auf harten Untergrund.
Zum Aufstellen verfügt das N810 wie sein Vorgänger über einen stabilen Metallbügel (Abbildung 1). So haben Sie, wenn das Gerät auf dem Tisch steht, beispielsweise eingehende Nachrichten immer im Blick haben. Ebenfalls von den Vorgängern übernommen hat Nokia die Displaygröße von 800 x 480 Pixel.

Abbildung 1: Auf der Geräteoberseite des N810 befinden sich neben An/Aus-Schalter und dem Schieber für die Tastensperre drei weitere Tasten für Lautstärke und Ansichtsmodus.
Damit finden die Gemeinsamkeiten aber auch schon ein Ende. Der Hersteller ordnete die Tasten auf der Oberseite neu an und spendierte dem Internet-Tablet eine aufschiebbare Tastatur (Abbildung 2). Sie leistet gute Dienste, bedarf allerdings einer kurzen Eingewöhnungszeit, da die Tastenpositionen nicht der auf einer herkömmlichen Tastatur entsprechen.

Abbildung 2: Das kleine Loch über der Kamera-Linse ist der Helligkeitssensor. Er regelt in Abhängigkeit vom Umgebungslicht automatisch die Helligkeit des Displays.
Zudem hat Nokia die Tasten zum Teil mehrfach belegt, was den einen oder anderen Blick beim Schreiben nötig macht. Wem die Ausziehtastatur nicht zusagt, der greift auf die Bildschirmtastatur zurück: Die blendet das N810 automatisch ein, sobald Sie ein Eingabefeld auswählen, während das Gerät zusammengeschoben ist.
Schneller und stärker
Auch im Inneren des neuen Tablets von Nokia erinnert wenig an den Vorgänger (siehe Tabelle “Nokia N810”). Die OMAP-2420-CPU von Texas Instruments arbeitet mit 400 MHz, der Flashspeicher wuchs auf zwei GByte. Noch mehr Speicherplatz erlaubt der Mini-SD-Karteneinschub. Er unterstützt die jüngste Kartengeneration SDHC mit bis zu acht Gigabyte Kapazität. Zum den WLAN- und Bluetooth-Modulen gesellt sich nun ein GPS-Chip, der das Gerät in ein vollwertiges Navigationssystem verwandelt. Den Ton gibt das N810 über zwei integrierte Lautsprecher wieder, die für ihre Größe erstaunlich gut klingen.
Nokia N810
| Prozessor: | TI OMAP 2420, 400 MHz |
| RAM: | 128 MByte, 128 MByte Virtual RAM (variabel) |
| Speicher: | 2 GByte Flash |
| Größe: | 72 x 128 x 14 mm |
| Gewicht: | 226 g |
| Support/Garantie: | 24 Monate/24 Monate |
| Preis: | 409 Euro |
| Display (Technik): | 4,13 Zoll (TFT) |
| Auflösung: | 800 x 480 Pixel |
| Helligkeit einstellbar: | ja |
| WLAN: | 802.11 b/g |
| abschaltbar: | ja |
| Bluetooth (Version): | ja (2.0 + EDR) |
| USB: | 1 x USB 2.0 (Micro-USB) |
| Sound: | kombinierter Kopfhörer- und Mikrofon-Anschluss |
| Akku-Typ: | Lithium-Ionen |
| Kapazität: | 1050 mAh |
| Laufzeit: | Betrieb ca. 270 min, Standby knapp 14 Tage |
| Besonderheiten | Kamera, GPS-Empfänger, SD(HC)-Steckplatz, Umgebungslichtsensor, integrierte Stereo-Lautsprecher und Mikrofon, Schutztasche |
Bezüglich des Betriebssystems überraschte Hersteller Nokia mit seinem Erstling N770: Damals war statt des bei Nokia üblichen Symbian-Systems ein Linux installiert. Auch beim N810 setzen die Finnen auf die Distribution Maemo. Das aktuelle Maemo OS2008 basiert auf Debian und enthält eine vollwertige Linux-Distribution, in der sich Debian-Benutzer schnell zurechtfinden. Hinsichtlich der Benutzeroberfläche setzt Nokia auf GTK (Abbildung 3).
Das Maemo-OS bringt eine Vielzahl vorinstallierter Anwendungen mit. Darunter finden sich ein vollwertiger, auf Mozilla basierender Webbrowser mit Javascript- und Flash-9-Support (Abbildung 4), verschiedene Mediaplayer und eine Kartensoftware. Es fehlen jedoch einfache Office-Anwendungen sowie Möglichkeiten zum Bearbeiten von Dokumenten, Verwalten von Kontakten und auch ein Kalender.
Reichlich Software
Beim Nachinstallieren von Software zeigen sich die Vorteile eines Linux-Systems: Neue Anwendungen für das handliche Internet-Tablet steht allerorten im Internet bereit. Fehlt das gewünschte Tool in den vorinstallierten Paketquellen, finden Sie fast immer einen Ersatz samt Hinweisen zur Installation im Netz. Allein über die Maemo-Website [1] kommen Sie zu unzähligen Programmen, wie zum Beispiel zum Messenger Pidgin.
Eine besonders große Zahl von Paketen hat der bekennende Nokia-Internet-Tablet-Fan Jörg Gronmayer zusammengetragen. Auf seiner Webseite [2] listet er 50 verschiedene Repositories auf. Ein Besonderheit der Site: Per Maus klicken Sie sich Ihre ganz eigene Kollektion zusammen und spielen diese bequem über das Softwaremanagement (Abbildung 5) des N810 ein.

Abbildung 5: Das Paketmanagement auf dem N810 basiert auf Apt und funktioniert ganz ähnlich wie Aptitude.
Auch für die beiden Vorgängermodelle N800 und N770 bietet Gronmayer diesen Service an. Weitere Kataloge haben User im Community-Wiki [3] auf der Maemo-Seite zusammengetragen. Was absolut nicht zu finden ist, ließe sich unter Umständen mit etwas Aufwand auf das N810 portieren – die passenden Tools zum Entwickeln stellt der Hersteller über seine Website bereit [4].
Root-Zugriff
Doch nicht bei allen Installationen und für alle Programmen reichen die Rechte des Standard-Users aus. Dann bedarf es der uneingeschränkten Vollmachten des Superusers root. Zu diesen gelangen N810-Benutzer jedoch nur mit Hilfe eines kleinen Programms. Der Grund dafür besteht im per default gesperrten Root-Account auf dem Nokia. Dieser hat kein Password und akzeptiert auch ohne Tricksereien keines. Die Befehle su - oder sudo verlaufen daher in der Ursprungskonfiguration im Sande.
Der Ausweg aus der Misere heißt Becomeroot. Das Programm richten Sie mithilfe des integrierten Paketmanagement des N810 schnell und einfach über die Quellen Jörg Gronmayers ein. Unter Menü | Einstellungen | Programmmanager findet sich das Programm nach einem Klick auf Installierbare Programme | Alle.
Ein weiterer Klick auf Installieren befördert Becomeroot samt Abhängigkeiten automatisch ins System. Danach öffnen Sie eine Konsole. Der Befehl sudo gainroot bringt Sie auf eine Root-Konsole, mit passwd bekommt der Superuser nun sein ersehntes Passwort.
Fazit
Mit der dritten Auflage des N810 hat Nokia ein rundum ausgereiftes Gerät auf den Markt gebracht. Mit rund 14 Tagen Standby-Zeit und fast fünf Stunden Laufzeit in Betrieb überzeugt das Internet-Tablet. Dank offenem Basissystem und unzähligen Erweiterungen passen sowohl wenig erfahrene als auch versierte Anwender das N810 leicht an die eigenen Vorstellungen an. Linux-Profis finden im N810 eine ansprechende Entwicklungsplattform. Nur der recht hohe Preis von derzeit 409 Euro schreckt ab.
Glossar
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Micro-USB
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Eine noch recht junge Spezifikation für das Verbinden mobiler Geräte via USB. Gegenüber Mini-USB weist die neue Technik einen niedrigeren Energieverbrauch auf. Micro-USB benötigt keinen Host-Adapter, die (mobilen) Geräte tauschen die Daten direkt aus.
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SDHC
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Die Erweiterung “HC” steht für die Version 2.0 des SD-Standards (Secure Digital Memory Card). Sie erlaubt Kapazitäten von bis zu 32 GByte. SD-2.0-Geräte funktionieren abwärtskompatibel, Lesegeräte alter Bauart beherrschen das Auslesen der neuen Karten nicht.
[1] Maemo: http://www.nokia.de/A4795187
[2] Paketquellensammlung von Jörg Gronmayer: http://www.gronmayer.com/it/
[3] Paketquellen auf Maemo.org: http://maemo.org/community/wiki/applicationrepositories/
[4] Maemo-Entwicklerkit: http://maemo.org/development/sdks/
[5] Google Android auf OMAP-basierten Geräten: http://elinux.org/Android_on_OMAP
[6] Ubuntu 7.10 auf ARM-basierten Geräten: http://mojo.handhelds.org/frisky-armv5el







