Editorial 08/2022

Aus LinuxUser 08/2022

Editorial 08/2022

Fliegender Wechsel

Mit Lennart Poettering, dem Vater von Systemd, wechselt jetzt der Hauptentwickler einer der wichtigsten Linux-Systemkomponenten zu Microsoft. Das weckt in der Community Sorgen – unbegründeterweise, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Lennart Poettering gehört zweifellos zu den schillerndsten Persönlichkeiten der Linux-Entwicklerszene und genießt eine ähnliche Bekanntheit wie Linus Torvalds, Greg Kroah-Hartman, Theodore Ts’o oder Ingo Molnár. Dabei weiß kaum noch jemand, dass seit 2008 bei Red Hat beschäftigte deutsche Programmierer so prominente Projekte wie Pulseaudio (2004) oder Avahi (2005) initiiert hat. Fällt der Name Poettering, denken die meisten Linux-Benutzer stattdessen sofort an Systemd: Der von Poettering 2010 aus der Taufe gehobene Daemon zur Systeminitialisierung und Diensteverwaltung hat bereits seit seinen Anfängen immer wieder erbitterte Diskussionen in der Community ausgelöst [1].

Ursprünglich dazu gedacht, durch das Parallelisieren möglichst vieler Dienste unter Beachtung der gegenseitigen Dependencies der Prozesse den Systemstart zu beschleunigen [2], regelt Systemd heute unter Linux vielseitige Abläufe, die weit über das hinausreichen, was der Vorgänger SysVinit leistete. Seine Tätigkeit zieht sich wie ein roter Faden durch zahlreiche Bereiche eines Linux-Systems. Damit platziert sich der Daemon als zweitwichtigste Komponenten eines jeden Linux-Systems gleich nach dem Kernel selbst. Alle wichtigen Distributionen und deren Ableger setzen heute Systemd ein, so etwa Ubuntu seit Version 15.04, Fedora seit Version 15, OpenSuse seit Version 12.1, Debian seit Version 8 und Arch Linux seit Oktober 2012.

Dementsprechendes Aufsehen löste Anfang Juni die Nachricht aus, dass Poettering seinen langjährigen Arbeitgeber Red Hat verlassen habe. Binnen Stunden schossen die Spekulationen ins Kraut, wohin er wohl seine Schritte als Nächstes lenken werde. Lang musste man jedoch nicht raten, denn schon am nächsten Tag schlug wie eine Bombe die Meldung über Poetterings neuen Brötchengeber ein: Der heißt Microsoft. Der Hauptentwickler einer grundlegenden Linux-Systemkomponente arbeitet für den Erzfeind aus Redmond – kann das denn angehen?

Ja, es kann, und es gibt zahlreiche Präzedenzfälle dafür, dass eine Beschäftigung eines Hauptentwicklers bei Microsoft keine negativen Folgen für das jeweilige Projekt nach sich ziehen muss. Dazu zählen als wohl prominenteste Beispiele Guido van Rossum (Python) und Miguel de Icaza (Gnome), hinzu kommen aber Dutzende andere frühere Open-Source-Upstream-Entwickler. Zwar weiß man (noch) nichts über die Beschäftigungsumstände Poetterings bei Microsoft, doch angesichts seiner Prominenz dürfte er sich seine Betätigungsfelder wohl weitgehend selbst aussuchen können. Man darf getrost davon ausgehen, dass Systemd dabei weit oben auf der Liste steht.

Obendrein ist die Microsoft Corp. von 2022 nicht mehr der Embrace-Extend-Extinguish-Konzern [3] der 1990er-Jahre. Markt- und Kundendruck haben den Branchenriesen mittlerweile kräftig in Richtung Open Source und Linux geschoben, das Unternehmen veröffentlicht sogar eigene Linux-Distributionen wie CBL-Mariner und Azure Cloud Switch. Doch nicht nur in der Microsoft-Cloud ist Linux präsent, sondern in Form des Windows Subsystem for Linux (WSL) auch auf dem Windows-Desktop. Auf dem Konzern-Jobportal Microsoft Careers [4] finden sich derzeit rund 650 Stellenangebote rund um Linux.

Sorgen wegen der Beschäftigung eines Kernentwicklers aus dem Linux-Umfeld bei Microsoft brauchen wir uns also nicht zu machen. Wünschen wir Lennart Poettering stattdessen lieber alles Gute für seinen neuen Job.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

DIESEN ARTIKEL ALS PDF KAUFEN
EXPRESS-KAUF ALS PDF
LinuxUser 08/2022 KAUFEN
EINZELNE AUSGABE
ABONNEMENTS
TABLET & SMARTPHONE APPS
E-Mail Benachrichtigung
Benachrichtige mich zu:

Hinweis: Dieser Artikel ist älter als ein Jahr, enthaltene Informationen sind möglicherweise veraltet.

0 Kommentare
Älteste
Neuste Beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Nach oben