Mit “Ada & Zangemann” legt der Präsident der FSFE ein Kinderbuch vor, das alle Voraussetzungen zum Open-Source-Bestseller mitbringt − von der fesselnden Handlung über die charmanten Illustrationen bis zur ebenso leichtverständlichen wie tiefschürfenden Grundaussage.
Wohl jeder, der − und sei es auch nur am Rande − mit Computern zu tun hat, kennt die Bücher mit den Tieren auf dem Deckel: O’Reilly zählt zu den weltweit führenden IT-Fachverlagen und deckt das Thema von Anwendungen über Programmierung, Administration und Data Science bis hin zu Marketing und Business ab. Da gerät das neueste Werk aus dem Verlagshaus schon ob der Sparte zum absoluten Hingucker: Es ist ein Kinderbuch für Leser ab sechs Jahren.
Wandert schon wegen des Genres eine Augenbraue nach oben, sorgt spätestens der Namen des Autors für das überraschte Hochziehen der zweiten: “Ada & Zangemann”, so der Titel der Geschichte, stammt aus der Feder von Matthias Kirschner. Ja, genau, der Matthias Kirschner, seines Zeichens Präsident der Free Software Foundation Europe, Berater unterschiedlicher Organisationen rund um freie Software, FOSS-Sachverständiger im Bundestag, etc. pp. − in Linux-Kreisen muss man ihn eigentlich nicht weiter vorstellen.
Ein Kinderbuch von einem der prominentesten Verfechter freier Software in Deutschland und Europa − das muss doch etwas mit FOSS zu tun haben? Ja, das hat es, aber nicht nur, und soviel vorab: Kein Betriebssystem kommt namentlich darin vor, auch kein freies. Der Autor hat es sich vielmehr zum Ziel gesetzt, in einem modernen Märchen jungen Lesern Freude am Tüfteln zu vermitteln und sie zum selbstbestimmten Umgang mit Soft- wie Hardware aufrufen.
Als Protagonistin der Geschichte über Software, Skateboards und Himbeereis begegnet uns die kleine Ada, die mit ihrer nicht eben begüterten Familie in einer Hütte in der Nähe eines Schrottplatzes am Stadtrand lebt. In der Stadt selbst sind die Produkte des ebenso reichen wie berühmten Erfinders Zangemann allgegenwärtig − von lautsprecherbestückten Skateboards für die Kids über Eismaschinen an jeder Ecke bis hin zu intelligenten Staubsaugern und Waschmaschinen. All diese Geräte kann Zangemann vom goldenen Computer in seiner Villa hoch über der Stadt aus kontrollieren.
Ada jedoch, deren Familie das Geld für derartige Annehmlichkeiten fehlt, schafft sich Ersatz mit ausrangierter Hardware vom Schrottplatz, die sie selbst programmieren lernt. Gern gibt sie ihr Wissen auch an andere weiter, und ihre Konstruktionen werden immer populärer, als Zangemann seine Produkte zunehmend restriktiver reguliert: So verkaufen etwa die Eismaschinen nur noch eine von ihm täglich neu vorgegebene Sorte, die Skateboards funktionieren nicht mehr auf Gehwegen und spielen nur noch Zangemanns Lieblingssongs.
Schließlich kommt es, wie es kommen muss: Ob der Konkurrenz durch Adas Schöpfungen, die den Benutzern erlauben, Geräte zu verwenden, wie immer sie selbst es wollen, eskaliert Zangemann zunehmend. Ada bekommt es nicht nur mit dem wutentbrannten Erfinder zu tun, sondern auch mit den Behörden, die − man ahnt es schon − ebenfalls Hard- und Software von Zangemann einsetzen. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten, schließlich soll die Lektüre ja noch Spaß machen, aber wie es sich für Märchen gehört, gibt es natürlich ein Happy End.

Sarah Brandstätters bezaubernde Illustrationen treffen voll in Schwarze und sorgen dafür, dass man mit Vergnügen in “Ada & Zangemann” blättert. (Bild: dpunkt.verlag GmbH)
Matthias Kirschner gelingt es in seiner ebenso charmant wie unprätentiös erzählten Geschichte, drängende und schwierige Themen unserer Zeit in einer für Kinder leicht verständlichen Form aufzubereiten. Monopole, Lobbyismus, Verbrauchergängelung, Digital Divide, Elektroschrott, Softwarefreiheit, digitale Autonomie, IoT und anderes mehr verpackt “Ada & Zangemann” in eine spannende Handlung, die nicht nur Kindern beim Lesen oder Zuhören Freude macht, sondern durchaus auch den erwachsenen (Vor-)Leser fesselt. Nicht zuletzt unterstreichen auch die zahlreichen bezaubernden Zeichnungen der Illustratorin und Comicautorin Sarah Brandstätter die Handlung exzellent und sorgen dafür, dass man mit Vergnügen im dem kleinen Band blättert.
Alles in allem handelt es sich bei “Ada & Zangemann” um nichts weniger als um das juvenile Gegenstück zu Eric S. Raymonds “The Cathedral and the Bazaar” (das übrigens auch bei O’Reilly erschien). Das Werk sollte einen Platz nicht nur im Regal eines jeden FOSS-Begeisterten finden: Ab sofort erhältlich, kann es auch problemlos noch unterm diesjährigen Weihnachtsbaum der nächsten Generation von Open-Source-Enthusiasten liegen. Da gehört es auf jeden Fall hin.
| Infos |
| Matthias Kirschner, Sandra Brandstätter
Ada & Zangemann Ein Märchen über Software, Skateboards und Himbeereis dpunkt.verlag, 2021 56 Seiten, 16,90 Euro ISBN 978-3-96009-190-5 |





