Seit Mitte Februar 2021 ist der Mars der zweite Planet, auf dem mehr Linux- als Windows-Rechner laufen. Der Mars-Helikopter Ingenuity, das erste extraterrestrische Fluggerät der Geschichte, basiert zudem komplett auf Open Source, freut sich Chefredakteur Jörg Luther.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
der Mars ist jetzt der zweite Planet im Sonnensystem, auf dem mehr Computer mit Linux als mit Windows laufen [1]. Am 18. Februar kurz vor 22 Uhr MEZ landete dort im Rahmen der Mars-2020-Mission [2] der Rover Perseverance (“Ausdauer”), der durch zahlreiche Experimente die Grundlagen für spätere, bemannte Mars-Missionen schaffen soll [3].
Das Bodenfahrzeug selbst steuert zwar das Echtzeitbetriebssystem Wind River VxWorks, doch der Rover hat den Mini-Helikopter Ingenuity (“Erfindungsreichtum”) an Bord, dessen Betrieb ein Linux übernimmt [4]. Genauer gesagt handelt es sich dabei um die vom NASA Jet Propulsion Laboratory (JPL [5]) entwickelte Distribution F’ (sprich “F Prime”), deren Quellcode auf Github zum Download steht [6]. Auch die Flugkontrollsoftware findet sich an dieser Stelle.
Ingenuity ist dazu prädestiniert, Geschichte zu schreiben. Der 1,8 Kilogramm leichte, mit zwei koaxialen Rotoren ausgestattete Heli wird das erste atmosphärische Fluggerät sein, das sich auf einem extraterrestrischen Planeten in die Lüfte schwingt. Ein kleiner Hopser für Linux, ein großer Fortschritt für die Planetenforschung, so könnte man sagen.
Hoffen wir zumindest, dass das klappt, denn die Gashülle des roten Planeten weist nur ein Prozent der Dichte der irdischen Atmosphäre auf – das macht jeden Flug zur kitzligen Angelegenheit. Zudem müssen wir uns noch etwas gedulden, denn der Erstflug ist frühestens für Sol 30 geplant, also einen Monat nach der Landung. Klappt der erste Start, soll Ingenuity während der darauffolgenden Wochen ein umfangreiches Flugprogramm absolvieren.
Wer mag, kann sich übrigens seinen eigenen Ingenuity zusammenbauen: Der Mars-Hubschrauber basiert nicht nur auf quelloffener Software, sondern ist komplett aus für jedermann verfügbaren Teilen konstruiert, die zum Gutteil aus der Mobiltelefonwelt stammen. So dient als Prozessor ein Snapdragon 801 mit vier “Krait”-Cores, ähnlich einem Cortex-A15. Zur Lageerfassung dient eine Handy-IMU, den Bodenabstand misst ein Laser-Höhenmesser von SparkFun, eine nach unten gerichtete VGA-Kamera nimmt 30 Bilder pro Sekunde auf.
“Ein klarer Sieg für Open Source, denn wir fliegen mit einem quelloffenen Betriebssystem, einem ebensolchen Flugkontrollsystem und kommerziellen Teilen, die sich jeder beschaffen kann”, freut sich Tim Canham, Mars Helicopter Operations Lead beim JPL [7]. Wir freuen uns mit und drücken die Daumen dafür, dass Linux auch auf dem Mars sauber abhebt.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
-
“The second planet”: https://twitter.com/mikko/status/1362763793042972673
-
Mars 2020: https://de.wikipedia.org/wiki/Mars_2020
-
Perseverance: https://mars.nasa.gov/mars2020/
-
Ingenuity: https://mars.nasa.gov/technology/helicopter/
-
NASA JPL: https://www.jpl.nasa.gov
-
Interview mit Tim Canham: https://spectrum.ieee.org/automaton/aerospace/robotic-exploration/nasa-designed-perseverance-helicopter-rover-fly-autonomously-mars





Schöne Geschichte, die Frage ist nur: Lief auf dem Mars überhaupt jemals ein Windows-Computer? Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass auch nur für eine Sonde jemals in Betracht gezogen wurde, einen NT-basierten Kernel zu nutzen. Daher müsste es heißen: “Mars – der Planet, auf dem (bisher) nur Linux und kein Windows läuft.”
Das wäre auch nicht so ganz richtig, weil VxWorks zum Einsatz kommt. ;-)