Mit dem zweiten Lockdown hat sich der digitale Unterricht in vielen Fällen verbessert, dank engagierter Schüler, Lehrer und Eltern. Für die Politik aber heißt es nachsitzen, findet der stellvertretende Chefredakteur Andreas Bohle.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
die Pandemie hat das Land in vielerlei Hinsicht auf die Probe gestellt. Einige Herausforderungen konnte dabei niemand in dieser Form voraussehen, und erwartungsgemäß geht in solchen Situationen einiges schief. Das kann man als Bürger verstehen, denn es spiegelt die eigene Erfahrung mit dem Leben wider. Kaum zu begreifen ist aber, dass ein Land wie Deutschland, das seinen Wohlstand dem Export von Hochtechnologie verdankt, mit offenen Augen derart in ein Schlamassel wie den Distanzunterricht hineinschlittern kann, und das beim zweiten Lockdown – mit Ansage, quasi.
Die seit Jahrzehnten andauernden Berührungsängste großer Teile der Politik mit neuen, sprich digitalen Techniken haben zu einer Situation geführt, die nun auf den Schultern derer lastet, die darin tagtäglich verlässlich Leistungen erbringen müssen: den Schülern, Lehrern und Eltern. Alle, die trotz wackeligem WLAN, ruckelnder Streams und komplexer Online-Lernplattformen versuchen, gemeinsam zu lehren und zu lernen, verdienen ein großes Lob.
Es zeigt sich aber auch, dass trotz allen guten Willens in vielerlei Hinsicht eine Grenze erreicht ist. Aus verständlichen Gründen regt sich an einigen Stellen offener Widerstand, etwa wenn Eltern in Bayern per Petition fordern, die Übertrittsnoten zu überdenken [1], die Lehrpläne zu entschlacken [2] und die IT-Ausstattung zu verbessern [3]. Zugleich wächst die Bereitschaft, jede Lösung zu akzeptieren, egal, welche Konsequenzen sich daraus für den Datenschutz oder die Nutzungsbedingungen ergeben – Hauptsache, es funktioniert.
Über den Digitalpakt Schule stellt zwar seit Mai 2019 allein der Bund 5 Milliarden Euro für IT-Projekte in Schulen bereit [4]. Abgerufen wurden bislang jedoch nur 916 Millionen, davon knapp zwei Drittel erst seit August 2020. Grund für die Zurückhaltung sind unter anderem komplexe Antragswege und Verfahren.
Damit das Land – und vor allem das Bildungswesen – nicht weiter den digitalen Anschluss verliert, heißt es vor allem für die Politik, aber auch die Verwaltung nun dringend: nachsitzen. Was wir unseren Kindern selbstverständlich abfordern, nämlich sich mit Grundlagen und Prinzipien von Technik auseinanderzusetzen und sich über die Konsequenzen Gedanken zu machen, darf man mit Fug und Recht auch denen fordern, die Entscheidungen für uns alle und vor allem für die Zukunft treffen.
Dass am Ende nicht immer ein kommerzielles Produkt das Mittel der Wahl sein muss, zeigt der Schwerpunkt dieser Ausgabe, in der wir Ihnen eine Auswahl an freier Lernsoftware vorstellen. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien weiterhin viel Durchhaltevermögen und vor allem Gesundheit.
Herzliche Grüße,
Andreas Bohle
Stellv. Chefredakteur
Infos
- Online-Petition für faire Benotung: https://www.openpetition.de/petition/online/herr-kultusminister-prof-dr-piazolo -senken-sie-den-druck-auf-unsere-grundschulkinder-jetz
- Online-Petition für schlankere Lehrpläne: https://www.openpetition.de/petition/online/lehrplankuerzung-und-gesamtlehrplank onzept-fuer-alle-von-corona-betroffenen-kita-und-schuljahrgaeng
- Online-Petition für bessere IT-Ausstattung: https://www.openpetition.de/petition/online/schaffen-sie-endlich-die-strukturell en-voraussetzungen-fuer-erfolgreichen-distanzunterricht
- Verteilung der Gelder aus dem Digitalpakt Schule: https://www.rnd.de/politik/digitalpakt-schule-wie-viel-geld-den-bundeslandern-zusteht-und-wie-viel-bereits-bewilligt-wurde-HPEKXK7VMREW3OFDLPBJLKK5LU.html



