Editorial 03/2020

Aus LinuxUser 03/2020

Editorial 03/2020

Verwirrende Vielfalt

Gut 400 aktive Linux-Derivate gibt es heute bereits, dennoch entstehen fast im Wochentakt neue Distributionen. Bei vielen davon lohnt es sich, genauer hinzuschauen, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

Linux-Distributionen gibt es seit mehr als einem Vierteljahrhundert; als Ahnherr dieser Gattung gilt das Mitte August 1992 freigegebene Softlanding Linux System, kurz SLS [1]. SLS selbst existiert heute nicht mehr, wohl aber ein direkter Ableger, der ein Jahr später aus der Unzufriedenheit mit Unzulänglichkeiten im SLS-System entstand: Slackware [2] ist die älteste noch existierende Distribution; zu seinen erfolgreichsten Derivaten zählt das heutige OpenSuse.

Während der Deutsche Patrick Volkerding sein Slackware als eine Art fehlerbereinigtes SLS konzipierte, beschloss parallel der US-Amerikaner Ian Murdock, lieber gleich eine nach eigenen Konzepten zusammengestellte Distribution aus der Taufe zu heben. Die im Sommer 1993 erstmals verfügbare Linux-Zusammenstellung benannte er ganz ohne falsche Bescheidenheit nach sich und seiner Freundin Debra Lynn: Deb-Ian Linux.

Im Verlauf der nächsten beiden Jahrzehnte mauserte sich Debian zum Ausgangspunkt der bis heute erfolgreichsten Distributionsfamilie überhaupt. Zusammen mit seinen zahlreichen Ablegern, insbesondere seinem direkten Abkömmling Ubuntu und dessen ebenfalls vielfältigen Varianten, hat sich Debian als das meistgenutzte Linux-Derivat überhaupt etabliert. Laut der jährlichen Umfrage [3] von Opensource.com nach der beliebtesten Distribution nutzen heute knapp 60 Prozent aller Anwender Debian, Ubuntu oder eine der zahllosen Spielarten der beiden (Abbildung 1). Weit abgeschlagen folgen Arch Linux und dessen Verwandte (16,5 Prozent), OpenSuse (4,6 Prozent) sowie Fedora und Konsorten (3,2 Prozent).

Abbildung 1: Bei einer Umfrage von Opensource.com im Februar 2020 benannten knapp 23 000 Anwender ihre Lieblingsdistribution. Farblich hervorgehoben sind die populärsten Distro-Familien, von oben: Fedora/Red Hat (rot), Ubuntu (blau), Debian (gelb/orange) und Arch (türkis).

Abbildung 1: Bei einer Umfrage von Opensource.com im Februar 2020 benannten knapp 23 000 Anwender ihre Lieblingsdistribution. Farblich hervorgehoben sind die populärsten Distro-Familien, von oben: Fedora/Red Hat (rot), Ubuntu (blau), Debian (gelb/orange) und Arch (türkis).

Diese Konzentration der Anwender auf einige wenige Derivate erstaunt auf den ersten Blick. Immerhin listet Distrowatch.com derzeit 275 aktive Distributionen und führt weitere 156 Varianten auf seiner Warteliste für die Aufnahme. Möglicherweise ist aber auch gerade diese überbordende Vielfalt die Ursache dafür, dass sich die Nutzer auf einige wenige, bekannte Distributionen konzentrieren.

Nach wie vor lohnt aber ein Blick über den Tellerrand: Auch heute entstehen noch neue Linux-Ableger, die oft ein überraschend frisches Paradigma wählen oder clevere technische Innovationen bieten. Sechs besonders interessante Exemplare aus dieser Riege stellen wir Ihnen im Schwerpunkt dieser Ausgabe vor, alle davon finden Sie auch auf der Heft-DVD. Probieren Sie die Scheibe also gleich einmal aus, es lohnt sich.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

  1. The Linux Distribution Archive: https://www.linux-distros.com/category/1993/

  2. Slackware: http://www.slackware.com

  3. “What’s your favorite Linux distribution?”: https://opensource.com/article/20/1/favorite-linux-distribution

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