An seinem 15. Geburtstag erfreut sich Ubuntu Linux ungebrochener Beliebtheit. Beim aktuellen Release 19.10 “Eoan Ermine” wartet es sogar mit ungewöhnlicher Innovationskraft auf, freut sich Chefredakteur Jörg Luther.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
erinnern Sie sich noch an das warzige Warzenschwein? Am 20. Oktober 2004 erschien Ubuntu 4.10 mit dem Codenamen “Warty Warthog”, und damit kann Canonical dieser Tage den 15. Geburtstag seiner Linux-Distribution feiern. Seinerzeit galt das Linux-Derivat mit dem damals seltsam anmutenden Namen auf Anhieb als großer Wurf. Das lag keineswegs daran, dass der Newcomer mit revolutionärer Technologie geglänzt hätte: Im Wesentlichen handelte es sich dabei schlicht um ein weitgehend vorkonfiguriertes Debian “Sarge”.
Vielmehr hatten sich die Entwickler rund um Mark Shuttleworth darauf konzentriert, ein auch für Einsteiger einfach zu handhabendes und zu wartendes Päckchen zu schnüren. Ubuntu behielt die Vorteile von Debian bei – ausgefeiltes Paketmanagement, Stabilität und konsistente Konfiguration –, ergänzte sie aber durch simple Installation, exzellente Hardware-Erkennung, gut planbare halbjährliche Updates und eine gegenüber dem Original deutliche verbesserte Software-Aktualität. Für die damals üblichen 32-Bit-PCs gab es sogar eine Live-CD, sodass niemand die Katze im Sack zu kaufen brauchte.
Daneben lief das Warzenschwein aber auch auf IA64- und PowerPC-Rechnern. “Auch der Test auf einem iBook G4/800 verlief reibungslos. Während auf dem Gerät zuvor weder Yellow Dog noch Gentoo Linux eine grafische Oberfläche hervorbrachten, begrüßte unter Ubuntu nach der Installation anstandslos der Login-Manager. Sämtliche Sondertasten des Mac funktionierten ohne manuelle Nacharbeit, auch der Bildschirm verdunkelte sich beim Zuklappen automatisch”, freuten sich seinerzeit die LinuxUser-Redakteure beim Test.
Dank dieser Vorzüge eroberte sich das anfangs noch als Exot betrachtete Ubuntu schnell nicht nur einen festen Platz in der Distributionslandschaft, sondern abonnierte lange Zeit den Rang der beliebtesten Linux-Distribution für sich. Auch auf meinen Rechnern hielt es schnell Einzug und hat sich trotz einiger Ausflüge zu anderen Distributionen bis heute dort behauptet: So tippe ich diese Zeilen beispielsweise auf einem mit “Xenial” ausgestatteten Arbeitsplatzrechner in der Redaktion. Ubuntus Gnome- und später Unity-Oberflächen allerdings mussten schon früh einem schlanken und maßgeschneiderten i3 weichen (siehe auch Artikel ab Seite 24).
Mit Bleeding-Edge-Technologie allerdings glänzte Ubuntu bislang nicht und hielt sich stets auf der zwar praktikablen, aber eher langweiligen Seite. Beim eben erschienenen Release 19.10 “Eoan Ermine” wartet Ubuntu jedoch mit einem echten Paukenschlag auf: der Möglichkeit, ZFS als Root-Filesystem zu verwenden (siehe auch Artikel ab Seite 34). Wiewohl aus lizenzrechtlicher Sicht umstritten, bietet dieses Dateisystem eine ganze Reihe unbestreitbarer praktischer Vorteile. Nicht der geringste davon ist seine Copy-On-Write-Fähigkeit, die für den Benutzer völlig transparente Schnappschüsse und darauf aufbauend ein einfaches Rollback von Änderungen ermöglicht.
Noch gilt der ZFS-Support als experimentell und erfordert viele manuelle Eingriffe, aber Canonical hat vor, das bis zum Erscheinen der nächsten LTS-Version Ubuntu 20.04 “Focal Fossa” zu ändern. Ich hoffe, da kommt nichts dazwischen, und kann es schon kaum mehr erwarten, mein “Xenial” im April durch die neueste LTS-Variante abzulösen. Falls Sie sich noch nicht mit ZFS beschäftigt haben, ist jetzt die beste Gelegenheit dazu: Booten Sie einfach “Eoan” von der Heft-DVD dieser Ausgabe und probieren Sie es aus.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur



