Das Ende der CeBIT macht vor allem eines deutlich: Deutschland ist auf dem besten Weg, die digitale Zukunft zu verschlafen. Das gilt insbesondere für die Politik, wie das Scheitern des “Digitalpakts Schule” unterstreicht.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
die Meldung kam als Paukenschlag: Am 28. November mittags verschickte die Deutsche Messe AG per E-Mail einen dürren Siebenzeiler unter der Überschrift “Messe sortiert Digitalthemen neu”. Darin hieß es, man “bereinige angesichts rückläufiger Flächenbuchungen das Veranstaltungsportfolio”. Was das konkret heißen sollte, erfuhr man erst nach einem Klick auf einen Link zur Webseite des Messeveranstalters, wo am Kopf einer verschwurbelten Pressemitteilung [1] ein einziger dürrer, leicht zu übersehender Listenpunkt die Sache in vier Worten auf den Punkt brachte: “CeBIT Hannover wird abgesagt”.
Ein wahrlich mageres Requiem auf die einmal größte IT-Messe des Planeten: 830?000 Besucher, 7500 Aussteller, 360?000 Quadratmeter Fläche, so lauteten die Rekord-Eckwerte der global maßgeblichen Veranstaltung [2]. An ihr kam kein Grande der Computerwelt vorbei, selbst Bill Gates gab sich dort gern ein Stelldichein. Über drei Jahrzehnte lang spiegelte die CeBIT den Anspruch Deutschlands als führende Industrienation und Innovationsmotor wider. Das traurige Ende: 2019 hätte die Messe gerade noch eine Fläche von 6000 Quadratmetern erreicht.
Wie konnte das passieren? Die knappe Antwort: Die CeBIT-Macher haben einen technologischen Umbruch verschlafen, den von der IT als Unternehmenslösung zur Alltagstechnologie für jedermann, den von Abteilungs-Server zum Mediacenter im Wohnzimmer, den von der Workstation zum Tablet [3]. Die Funktion als Schaufenster für die wirtschaftlich wichtigen Zukunftstechnologien übernahmen konsequenterweise Consumer-getriebene Messen wie die IFA in Berlin.
Das Ende der CeBIT macht deutlich: Too big to fail gilt vielleicht für Banken, ganz bestimmt aber nicht für das technologische Umfeld. Wer wichtige Entwicklungen ignoriert und verschläft, weil er sich an Althergebrachtem festklammert, den bestraft das Leben. In dem Zusammenhang verursacht eine zweite Meldung Bauchschmerzen, die nur wenige Tage nach dem unrühmlichen Ende der CeBIT über die Newsticker lief: die vom Scheitern des “Digitalpakts Schule” im Bundesrat.
Dass sich Informatikausbildung an deutschen Schulen nur als Trauerspiel beschreiben lässt, weiß jeder, der schon einmal einen genaueren Blick darauf geworfen hat. Den Lehranstalten fehlt es an allem, von Breitbandanschlüssen über halbwegs aktuelle Rechner bis hin zu ausreichend ausgebildetem Personal. Das ist ein unhaltbarer Zustand, der ganz offensichtlich die Zukunft des Lands als führende Industrienation ernsthaft gefährdet.
Dann beschließt der Bundestag endlich – mindestens ein Jahrzehnt zu spät, aber immerhin – eine Verfassungsänderung, um trotz der Kulturhoheit der Länder ein Sofortförderprogramm für Schulen in Höhe von 5 Milliarden Euro auf den Weg bringen zu können [4]. Die Ministerpräsidenten aller 16 Bundesländer entblöden sich jedoch nicht, umgehend diesen längst überfälligen Anschub für eine vernünftige Digitalausbildung an deutschen Schulen im Bundesrat zu torpedieren – er gefährde “die Zukunft des Föderalismus” [5].
Schon klar: Wenn die Kids nicht mit IT umgehen können, sollen sie sich halt am Föderalismus erfreuen. Facebook, Instagram und Netflix auf dem Privathandy sind doch schließlich mehr als genug Informationstechnik. Und wenn im Zeitalter von globaler Vernetzung, IoT, Industrie 4.0 und künstlicher Intelligenz die jungen Deutschen gegenüber ihren internationalen Altersgenossen hoffnungslos zurückfallen, dann bereinigen wir halt angesichts rückläufiger Konkurrenzfähigkeit das Beschäftigungsportfolio, gell?
Kopfschüttelnde Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
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“Messe sortiert Digitalthemen neu”: https://www.messe.de/de/applikation/presse/messe-sortiert-digitalthemen-neu.xhtml
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Geschichte der CeBIT: https://de.wikipedia.org/wiki/Cebit
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“Requiem zur CeBIT”: https://www.golem.de/news/requiem-zur-cebit-es-war-einmal-die-beste-messe-1811-137969.html
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“Digitalpakt: Bundestag stimmt für Grundgesetzänderung”: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-11/digitalpakt-fuer-schulen-bundestag-beschliesst-grundgesetzaenderung
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“Digitalpakt: Bundesländer stoppen Grundgesetzänderung”: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-12/digitalpakt-bundeslaender-stoppen-grundgesetzaenderung



