Liebe Leserinnen und Leser,
die Nachricht kam wie ein Paukenschlag: IBM kauft Red Hat [1]. 30 Milliarden Euro wanderten dafür über den Tisch. Die strategische Allianz [2], wie es in der Pressemitteilung von Red Hat heißt, bezieht sich aber vermutlich in erster Linie auf das Server-Geschäft. Hier liefert Big Blue die Hardware und das Linux-Unternehmen die Software.
Red Hat hat sich aber nicht nur in Sachen Cloud-Software einen Namen gemacht, mit Fedora sponsert die Firma ein Community-Projekt, das in vielen Fällen als Inkubator diente. So hat etwa das gleichermaßen gehasste wie geliebte Systemd hier seine Wurzeln. Egal, wie man zu dieser Software steht: Sie hat die Linux-Landschaft nachhaltig verändert.
Nun stellt sich aber die Frage, wie es mit solchen Aktivitäten wie dem Fedora-Projekt in Zukunft weitergeht. IBM setzt zwar selbst in vielen Geschäftsfeldern auf Linux, blickt aber auch auf eine Reihe von Produkten und Projekten zurück, die es nach der Übernahme zu Tode geritten hat – der Name Lotus Notes sei hier stellvertretend genannt [3].
Beide Seiten bemühten sich, alle Befürchtungen direkt zu beschwichtigen: Red Hat bleibe eigenständig, an der Unternehmenskultur wolle man nicht rütteln. Aber Fakt ist: Die Kulturen sind sehr unterschiedlich, und es bleiben Zweifel, ob so etwas auf lange Sicht gut geht.
Es ist immerhin schon das zweite Mal, dass die Open-Source-Szene eine solche Situation erlebt: Bereits im Juni hat Microsoft die Plattform Github gekauft. Diese bot, unter Zuhilfenahme des Versionskontrollsystems Git, zahlreichen Projekten eine Heimat, die sich mit freier Software beschäftigen. Nach der Übernahme lautete der Tenor aus Redmond ebenfalls: Alles bleibt, wie es ist.
Viele Entwickler waren und bleiben aber skeptisch [4]: Microsoft fiel in der Vergangenheit nicht gerade durch Fair Play und Altruismus auf. Folglich suchen etliche Projekte ein neues Zuhause. Unser Bericht ab Seite 32 im Schwerpunkt dieser Ausgabe rollt die Vorgänge noch einmal auf und nennt außerdem Alternativen, die sich zum Hosting von Code im Internet anbieten. Ob es bei Red Hat ebenfalls zu einem Brain Drain kommt, bleibt derzeit abzuwarten.
Im Grunde zeigen sich aber in beiden Situation die großen Stärken von freier Software: Flexibilität und Freiheit. Alle Programme und Projekte, die unter einer entsprechenden Lizenz stehen, gehen der Community nicht verloren. Hier genügt im wahrsten Sinn des Wortes ein Befehl, um einen Fork zu schaffen, auf dem die Entwicklung weitergeht. Und sind die Fesseln einer Unternehmenskultur zu eng, haben fähige Entwickler immer noch Alternativen gefunden, um an ihren Projekten weiterzuarbeiten.
Gerade die Behäbigkeit von IBM hat ja das Unternehmen dazu gezwungen, sich ins Cloud-Geschäft einzukaufen. Während andere Firmen ihre Produkte vorantrieben, wiegten sich hier die Manager zu lange in Sicherheit. Insofern täte es dem mächtigen Konzern ganz gut, spränge etwas von der Dynamik des neuen Juniors auf die Konzernmutter über: Auf diese Weise könnte ein Umfeld entstehen, von dem alle profitieren.
Herzliche Grüße
Andreas Bohle
Stellv. Chefredakteur
Infos
- “IBM to acquire Red Hat”: https://www.redhat.com/de/about/press-releases/ibm-acquire-red-hat-completely-changing-cloud-landscape-and-becoming-world%E2%80%99s-1-hybrid-cloud-provider
- “Strategische Allianz: IBM und Red Hat”: https://www.redhat.com/de/partners/strategic-alliance/red-hat-and-ibm
- “The Future of Lotus Notes”: https://www.teamstudio.com/blog/the-future-of-lotus-notes
- “Github wartet vergeblich auf einen Umbruch”: https://www.golem.de/news/microsoft-uebernahme-github-wartet-vergeblich-auf-einen-umbruch-1810-137196.html



