Mit geradezu dreisten Bestimmungen in einem NDA will Nvidia in Zukunft die Presse gängeln. Ein Eingehen auf Nvidias Forderungen widerspricht klar den Prinzipien journalistischer Arbeit und nützt letztendlich niemandem, findet Chefredakteur Jörg Luther.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
eine Stillschweigevereinbarung – auf Neuhochdeutsch kurz NDA (“Non-Disclosure Agreement”) – hat wohl jeder technische Fachjournalist schon einmal unterschrieben. Der an sich sinnvolle Zweck der Übung: Ein Unternehmen stellt der Presse vorab Informationen zu neuen Produkten und gegebenenfalls Testmuster zur Verfügung, sodass der Journalist bereits beim Marktstart seinen Lesern einen Artikel dazu anbieten kann. Um wirtschaftliche Schäden für den Hersteller zu vermeiden, verpflichtet sich der Rezensent im Gegenzug, vor einem vereinbarten Datum keine diesbezüglichen Informationen an Dritte weiterzugeben.
Vor der Jahrtausendwende funktionierte das übrigens in aller Regel auf Vertrauensbasis per Handschlag und Ehrenwort, ganz ohne unterschriebenen Zettel. Wie sehr seit der “guten alten Zeit” die Sitten verroht sind, demonstriert ein aktuelles NDA von Nvidia, das dieser Tage die Kollegen von Heise auf ihrer Webseite im Wortlaut veröffentlicht haben – und zurecht als “Maulkorb für Journalisten” bloßstellen [1]. Der Beitrag sorgte für eine rege Diskussion über NDAs, in deren Zug auch uns etliche Anfragen dazu erreichten. Deswegen will ich an dieser Stelle darauf eingehen.
Nvidia hat unserer Redaktion dieses NDA nicht unterbreitet, wir hätten es aber auch auf gar keinen Fall unterschrieben: Die Vereinbarung ist schlicht inakzeptabel. Sie bezieht sich nicht auf konkrete Produkte, sondern auf jegliche Information über Nvidia. Sie trägt kein klares Ablaufdatum, sondern soll pauschal 5 Jahre gelten, während derer jede Veröffentlichung der schriftlichen Genehmigung durch Nvidia bedarf (Punkt 2). Insbesondere findet sich in Punkt 3 die geradezu unglaubliche Bestimmung, die im Rahmen des NDAs erworbenen Informationen dürften ausschließlich zugunsten Nvidias (“solely for the benefit of NVIDIA”) verwendet werden.
Der Pressekodex des Deutschen Presserats [2] sagt dazu in Ziffer 7 unmissverständlich: “Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter […]+ beeinflusst werden. Verleger und Redakteure wehren derartige Versuche ab […]”. Wer das Nvidia-NDA unterschreibt, wirft damit essenzielle Prinzipien des journalistischen Berufsethos über Bord. Nvidia versucht hier die Tatsache auszunutzen, dass heute alle Medien unter enormem wirtschaftlichen Druck stehen: Entweder schreibst du, was wir wollen, oder du bekommst keine Vorabinformationen mehr und kannst bei der Berichterstattung über einen wichtigen Marktteilnehmer und dessen Produkte nicht mehr mit der Konkurrenz mithalten.
Leider reagieren darauf keineswegs alle Medien so konsequent und klar wie die Kollegen bei Heise, denen dafür Respekt gebührt. Etliche Redaktionen [3] reden sich die ganze Angelegenheit stattdessen schön [4], nach dem Motto “Ach, NDAs unterzeichnen wir doch schon immer; wird schon nicht so schlimm kommen.” Dazu kann ich nur sagen: Ich weiß aus eigener Erfahrung, was passiert, wenn man der Industrie so richtig auf den Schlips tritt. Nach einem missliebige Vergleichstest von Netzwerkkarten (die Schlagzeile lautete “Schnell oder Intel”) hatte ich einmal einen ganzen Tag lang den Pressesprecher, einen Justitiar und zwei Ingenieure der Firma im Labor. Damals rettete mir lediglich den Kragen, dass ich die Resultate dank akribischer Dokumentation jederzeit reproduzieren konnte und eben kein NDA unterschrieben, sondern die Samples selbst beschafft hatte. Intels Kohorten mussten also maulend, aber ansonsten unverrichteter Dinge wieder abziehen.
Letztlich schadet sich übrigens Nvidia mit dem NDA selbst: In Zukunft muss man sich bei jedem positiven Bericht über das Unternehmen und seine Produkte notgedrungen fragen, ob er wirklich den Tatsachen entspricht oder via NDA “frisiert” wurde. Damit beschädigen die Unterzeichner der Vereinbarung massiv die journalistische Glaubwürdigkeit – traurig.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
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Meldung bei Heise: https://www.heise.de/newsticker/meldung/In-eigener-Sache-Nvidia-NDA-als-Maulkorb-fuer-Journalisten-4091751.html
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Pressekodex des Deutschen Presserats: http://www.presserat.de/pressekodex/pressekodex/
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Stellungnahme Computerbase (mit Verweis auf andere): https://www.computerbase.de/2018-06/stellungnahme-nvidia-nda/
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Stellungnahme PC Games Hardware: http://www.pcgameshardware.de/PC-Games-Hardware-Brands-18366/News/Stellungnahme-zur-Stillschweigevereinbarung-von-Nvidia-1259549/



