Microsoft kauft GitHub – und damit den Lagerort des Codes für zahlreiche freier Softwareprojekte. Ob das langfristig nachteilige Auswirkungen auf die Open-Source-Szene haben wird, lässt sich noch nicht wirklich absehen. Ein entscheidendes Ärgernis bringt der Deal auf jeden Fall schon jetzt mit sich.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
es hatte schon einige Tage gerüchtelt, als die endgültige Nachricht am 4. Juni wie eine Bombe einschlug: Microsoft übernimmt das Entwicklerportal GitHub [1] für eine Summe von 7,5 Milliarden US-Dollar [2]. Der Betrag ist nicht nur numerisch kein Pappenstiel: Da der Deal wohl hauptsächlich in Microsoft-Aktien abgewickelt wird, macht er die drei GitHub-Gründer zu den größten Microsoft-Aktionären direkt hinter Bill Gates. Jeder besitzt dann zehn Mal mehr Aktien als Microsoft-CEO Satya Nadella oder der Microsoft-Präsident Brad Smith [3].
Das 2008 gegründete Unternehmen GitHub strickt eine komfortable Cloud-Plattform rund um die von Linux Torvalds für die Verwaltung des Linux-Kernel-Codes entwickelte Quellcodemanagementsoftware Git. Projekte können dort nicht nur die Sourcen ihrer Programme ablegen, verwalten und pflegen, sondern auch verteilt und im Team zusammenarbeiten. Rundherum gibt es viele nützliche Ergänzungen, wie einen Issue-Tracker, Wikis und zahlreiche kleinere Dienste. Dieses Gesamtpaket ist so attraktiv für Entwickler, dass die Benutzerbasis von anfangs 2000 Entwicklern binnen zehn Jahren auf heute über 28 Millionen anwuchs, die dort mehr als 85 Millionen Projekte verwalten.
Für quelloffene Projekte war und ist der Dienst kostenlos, was zahlreiche Entwickler freier Software dorthin lockte. Das kennen Sie aus vielen unserer Artikel, die auf GitHub als Codequelle für die entsprechende Software verweisen. Die Geschäftsidee dahinter besteht darin, zusätzlich eine kostenpflichtige Enterprise-Version anzubieten, die unter anderem private Repositorys und weitere Zusatzfunktionen bietet. Das hat in der Vergangenheit mehr schlecht als recht funktioniert: Allein 2016 machte der Code-Hoster wohl mindestens 66 Millionen US-Dollar Verlust [4].
Während die einen den Einstieg von Microsoft deswegen als Rettung für GitHub feiern – lange hätte das Unternehmen wohl so nicht mehr weitermachen können – sehen andere die Übernahme als Katastrophe für die freie Software-Szene. Da gibt es zum einen grundsätzliche Vorbehalte gegen den in der Vergangenheit immer wieder als Feind freier Software aufgetretenen Software-Giganten. Zum anderen haben sich Übernahmen durch Microsoft in der Vergangenheit nicht unbedingt vorteilhaft auf die Aufgekauften und deren Nutzer ausgewirkt – hier fallen oft die Stichworte Nokia, LinkedIn und Skype.
Tatsächlich setzte nach der offiziellen Bestätigung des Deals eine wahre Massenflucht freier Projekte von GitHub zu potenziellen Alternativen ein, vor allem zum recht ähnlichen Dienst GitLab [5]. Dort stieg die Zahl pro Stunde importierter Projekte von sonst üblichen 20 bis 30 auf fast 4000 [6]. Darunter findet sich auch quelloffene “Prominenz” wie das Gimp-Projekt [7].
Es stellt sich die Frage, was Microsoft mit der Übernahme bezweckt. Vieles spricht dafür, dass man in Redmond schlicht die von CEO Nadella implementierte neue Cloud-Strategie stärken möchte, indem man Entwickler eng an das Unternehmen bindet und mit hauseigenen Cloud-Diensten versorgt. Außerdem war Microsoft schlicht bisher GitHubs bester Kunde und lagert dort seine Open-Source-Projekte wie Visual Code Studio, die Powershell oder Chakra Core.
Was aber auch immer der Grund sein mag und wie auch immer sich der Deal längerfristig auf die Open-Source-Szene auswirkt, ein Nachteil steht jetzt schon fest: Durch das Abwandern derart vieler Projekte von GitHub stimmen jetzt viele in unseren Artikeln eingebundene Links nicht mehr. Das gilt selbst für das vor Ihnen liegende Heft, das zum Zeitpunkt der Übernahme schon zu exakt 99 Prozent beim Drucker war – lediglich dieses Editorial entstand als 100. und letzte Seite erst am 7. Juni.
Herzliche Grüße,
Jörg Luther
Chefredakteur
Infos
- GitHub: https://github.com
- “Microsoft+GitHub=Empowering Developers”: https://blogs.microsoft.com/blog/2018/06/04/microsoft-github-empowering-developers/
- “GitHub Billionaires Will Own More Microsoft Stock Than Its CEO”: https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-06-04/github-billionaires-will-own-more-microsoft-stock-than-its-ceo
- Defizitäres GitHub: https://www.bloomberg.com/news/articles/2018-06-03/microsoft-is-said-to-have-agreed-to-acquire-coding-site-github?
- GitLab: https://about.gitlab.com
- GitLab-Importstatistik: https://monitor.gitlab.net/dashboard/db/github-importer?orgId=1&from=now-30d&to=now
- Gimp zieht zu GitLab um: https://www.gimp.org/news/2018/05/31/gimp-has-moved-to-gitlab/



