Schon vor der Computermaus erfunden, fristen Trackballs heute eher ein Schattendasein. Nach einer jahrelangen Ruhepause liefert Logitech mit dem MX Ergo wieder einen neuen Trackball aus.
In der Mode sind die Neunzigerjahre bereits wieder im Trend, in der IT scheint Logitech die Ära wiederbeleben zu wollen: Mit dem MX Ergo stellt der Schweizer Computerzubehörhersteller erstmals seit sechs Jahren wieder einen Trackball vor. Mit aktueller Technik versucht Logitech das bei vielen Anwendern in Vergessenheit geratene Eingabewerkzeug nach dem Motto “Track is back” wiederzubeleben.
Vom Aufbau her gleicht ein Trackball einer umgedrehten Maus. Statt die Maus über den Schreibtisch zu schieben, bewegt man den Cursor auf dem Bildschirm durch Drehen der Kugel mit dem Daumen. Logitech ergänzt das bewährte Konzept um aktuelle 2,4 GHz-Funktechnik sowie Bluetooth und integriert einen 500 mAh starken Lithium-Polymer-Akku, der das Gerät bis zu 4 Monate ohne Nachladen mit Strom versorgen soll.
Auf der Kippe
Die auffälligste Neuerung beim 109 Euro teuren MX Ergo [1] findet sich im Vergleich zu seinen Vorgängern unter dem Gerät: Über einen Kippmechanismus lässt sich der Trackball auf der Grundplatte um 20 Grad zur Seite neigen. Logitech verzichtet dabei auf mechanische Bauteile; der Mechanismus arbeitet wie eine Wippe mit einer über Magnete in Position gehaltenen Bodenplatte. Das Unternehmen behauptet, so ließe sich die Belastung auf die Handmuskulatur um 20 Prozent reduzieren. In der Praxis lässt sich eine solche Aussage zwar schwer nachmessen, aber im Rahmen des Tests ließ sich mit dem Gerät in der Tat sehr entspannt arbeiten.
Der Umstieg von einer gewöhnlichen Maus auf den MX Ergo erfordert ein paar Tage Eingewöhnungszeit. Der Trick liegt darin, nicht permanent den Ball mit dem Daumen zu führen, sondern bei Bedarf die Kugel in die gewünschte Richtung anzuschubsen und gleiten zu lassen. So legt man mit dem Mauszeiger auch größere Strecken auf dem Bildschirm bei nur geringem Aufwand zurück. Konstruktionsbedingt klappt das mit dem MX Ergo aber nur für Rechtshänder.
Aufseiten der Software funktioniert die Umgewöhnung schneller: Anschluss findet der MX Ergo entweder über den beigelegten 2,4-GHz-Funkadapter oder über Bluetooth. Die Koppelung über beide Verbindungsarten funktioniert auch unter Linux (im Test mit einem aktuellen Arch Linux) ohne Komplikationen (Abbildung 1). Das auf den Rechnern installierte Gnome 3.26 zeigt zudem den Akkuzustand in den Einstellungen an und informiert bei zu geringer Ladung (Abbildung 2). Bei Bedarf lässt sich der Trackball zusammen mit einer Funktastatur desselben Herstellers an einen schon bestehenden Unifying-Empfänger koppeln. Unter Linux benötigen Sie dafür die Software Solaar [2].
Logitech stattet den MX Ergo mit einer Reihe von Zusatztasten aus. Logisch fungieren die großen Taster für Zeige- und Mittelfinger als linke und rechte Maustaste. Das Mausrad lässt sich nicht wie bei den Mouse-MX-Modellen des Herstellers zwischen einem fast reibungslosen und dem sogenannten Click-to-Click-Modus umschalten. Es rastet immer nach ein paar Grad Drehung wieder spürbar ein. Ein Klick auf das Mausrad erzeugt auf dem Desktop einen Mittelklick, die Taste darunter schaltet zwischen dem Bluetooth- und Funkmodus hin und her.
Doppelt steuern
Dank der doppelten Ansteuerung lässt sich der Trackball flexibel an zwei Computern gleichzeitig nutzen – etwa per 2,4-GHz-Dongle am Desktop und per Bluetooth mit dem Multimedia-PC am Fernseher. Ein Klick auf die Taste unter dem Rad genügt, um den jeweils anderen Rechner zu steuern.
Für Systeme mit MacOS und Windows bietet Logitech zudem mit Flow [3] eine Software an, über die man Daten per Zwischenablage zwischen den verbundenen Rechnern austauschen kann. Das Programm gibt es allerdings nicht für Linux, hier müsste man auf ähnliche Lösungen wie etwa Synergy [4] zurückgreifen (siehe Kasten “Ferngesteuert”).
Ferngesteuert
Mit Synergy lassen sich zwei oder mehr Rechner mit nur einer Tastatur und Maus steuern. Ähnlich wie bei einem Computer mit mehreren Bildschirmen zieht man den Mauszeiger einfach über die Kante des einen Desktops auf den nächsten, nur dass man bei Synergy dann eben auf einem anderen Rechner landet (Abbildung 3).
Bislang lag der Quellcode der Anwendung komplett offen, allerdings verlangte der Hersteller für Pakete und Binaries Geld. Mit dem im November veröffentlichten Synergy 2 ändert sich das: Nur noch der Quellcode des Kerns der Software [5] liegt offen. Die Oberfläche muss man für 19 US-Dollar zukaufen, beziehungsweise in der Pro-Version mit allen Funktionen für 49 Dollar.
In der Version 2.0 fehlen Synergy allerdings noch eine Reihe von Funktionen. So lassen sich bislang nur Texte per Copy & Paste von einem zum anderen Rechner übertragen, aber keine Dateien. Diese Funktion und andere Erweiterungen, wie etwa das gleichzeitige Sperren und Entsperren der verbundenen Rechner, sollen in der Pro-Variante der Version 2.1 folgen.

Abbildung 3: Mit Synergy lassen sich die Eingabegeräte eines Rechners auf weiteren Systemen im Netzwerk verwenden.
Neben der linken Maustaste platziert Logitech zwei Tasten, die das System klassischerweise mit Vor und Zurück belegt. Im Browser lässt sich so der Verlauf aktivieren und entsprechend die zuvor oder danach besuchte Webseite öffnen. Die mit dem Daumen erreichbare Taste über dem Trackball dient quasi als Getriebe: Sie schaltet den Trackball in einen Präzisionsmodus, in dem eine Bewegung des Balls den Cursor auf dem Bildschirm nur noch um wenige Pixel verschiebt. So lässt sich auch in einer Bildbearbeitung sehr genau mit dem Trackball arbeiten (Abbildung 4).

Abbildung 4: Die Taste über dem Ball wirkt wie eine Lupe. Bei Bedarf wandert der Mauszeiger im Schneckentempo über den Schirm.
Fazit
An Trackballs scheiden sich die Geister: Entweder man liebt sie, oder man macht lieber einen weiten Bogen um die “umgedrehte Maus”. Dabei bietet ein Trackball gegenüber einer Maus eine Reihe von Vorteilen: Er braucht weniger Platz auf dem Schreibtisch, ist immer an derselben Stelle zu finden, und der Ergo MX schont dank seines Kippmechanismus das Handgelenk. Wer diese Art der Handhaltung bevorzugt, sich nicht aber komplett von der Maus lösen möchte, findet im Netz eine Reihe von Vertikalmäusen, die weniger Eingewöhnungszeit benötigen.
Infos
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Logitech MX Ergo: https://www.logitech.com/de-de/product/mx-ergo-wireless-trackball-mouse
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Solaar: https://pwr.github.io/Solaar
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Logitech Flow: https://www.logitech.com/de-de/product/options/page/flow-multi-device-control
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Synergy 2: https://symless.com/synergy
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Synergy Core: https://github.com/symless/synergy-core








Der Artikel ist zwar schon älter. Trotzdem erlaube ich mir einen Kommentar. Ich bin seit 2004 überzeugter Linux-User und habe bereits früher mit einer Trackball-Maus von Logitech gearbeitet. Ich habe mir auch die Logitech MX Ergo beschafft und nutze sie neben Linux auch mit Android-Tablets und einem Chromebook.
Ich benutze mein Equipment oft auch im ÖV. Dort bietet de MX Ergo einen riesigen Vorteil: Ich muss keine Maus bewegen und komme mit sehr wenig Platz aus. Die Standfläche der Trackball-Maus genügt!