Das modulare Smartphone Fairphone 2

Aus LinuxUser 04/2017

Das modulare Smartphone Fairphone 2

© Computec Media GmbH

Smart und fair

Das Fairphone 2 versucht den Spagat: Rohstoffabbau und Produktion sollen unter fairen Bedingungen stattfinden, als offene Plattform will es reparaturfreundlich sein und Wahlfreiheit beim Betriebssystem bieten.

Auch die Elektronikbranche versucht sich mittlerweile an Fair-Trade-Produkten. Die Herausforderung besteht hier nicht allein in der Produktion unter tatsächlich fairen Bedingungen: Auch die Rohstoffe für die elektronischen Schaltungen und Batterien, wie Zinn, Tantal, Wolfram oder Gold, sollen aus Quellen stammen, die anerkannt nicht in die Finanzierung von Konflikten verwickelt sind.

Bei den Platzhirschen der Branche finden sich solche Initiativen noch nicht, doch das in den Niederlanden ansässige Unternehmen Fairphone [1] führt mit dem Fairphone 2 [2] bereits die zweite Generation eines möglichst fair produzierten Smartphones in seinem Online-Shop. Das erste Fairphone (sowie dessen leicht überarbeitetes Update FP1U) war mit über 60?000 produzierten Einheiten komplett ausverkauft, das zweite Modell soll diesen Erfolg übertreffen [3].

Fairphone

Bei den Geräten der ersten Generation handelte es sich noch um eine Lizenzproduktion, das neue Modell entstand dagegen in Eigenregie. Fairphone verspricht sich davon einen noch besseren Einfluss auf die Produktionsbedingungen, die verbauten Materialien sowie die Lieferantenkette. Zudem achteten die Entwickler bei der Gestaltung des Telefons besonders auf Haltbarkeit, viele Komponenten lassen sich austauschen.

Technisch basiert das Fairphone 2 auf dem Qualcomm-SoC MSM8974AB-AB, der auch Geräte etablierter Hersteller wie das HTC One M8 oder das Samsung Galaxy S5 antreibt (siehe Tabelle “Technische Daten”). In Kombination mit 2 GByte Arbeitsspeicher und 32 GByte internem Speicherplatz (der sich über einen MicroSD-Kartenslot weiter aufrüsten lässt) arbeitet das Gerät im Alltag trotz des schon leicht angestaubten Prozessors recht schnell genug. Der wechselbare Akku bringt den Nutzer über einen kompletten Tag.

Display

5 Zoll, 1080 x 1920 Pixel, 446 ppi

Betriebssystem

Android 5.1 (Ubuntu Touch möglich)

SoC

Qualcomm MSM8974AB-AB

CPU

Snapdragon 801 2,26 GHz Quad-Core

GPU

Qualcomm Adreno 330 GPU (578 MHz)

RAM

2 GByte LPDDR3

Speicher

32 GByte eMMC5, MicroSD-Slot

Akku

2420 mAh (austauschbar)

Kameras

8 MP (f2.2), 2 MP (Rückseite)

Funk

LTE, 802.11b/g/n/ac, Bluetooth 4.0 LE

Dimensionen (HxBxT)

143mm x 74mm x 11mm, 168 Gramm

Preis, Gewicht

520,63 Euro1

1 In Deutschland übernimmt 1&1 den Vertrieb [21].

Modular

Während man die meisten Smartphones aufgrund fest verbauter Akkus und verklebter Gehäuse selbst bei einem kleinen Schaden entweder teuer reparieren oder gleich entsorgen muss, lässt sich das Fairphone 2 mit einfachsten Mitteln komplett zerlegen. Auf der Reparierbarkeitsskala von iFixit erreicht das Gerät als einziges Smartphone 10 von 10 Punkten [4]. Ersatzteile wie Batterie und Display sowie Bausteine wie das Kamera-Modul offeriert der Fairphone-Shop ab 20 Euro aufwärts [5]. Das Display ist mit etwa 85 Euro das teuerste Ersatzteil. Zudem soll es in Zukunft neue Komponenten zu kaufen geben [6].

Ausgeliefert wird das Gerät mit Fairphone OS, das nach Installation der Updates bei Version 1.11.1 steht (Abbildung 1). Das System basiert auf Android 5.1 “Lollipop” und wurde von den Entwicklern nur leicht angepasst. So zeigt es beispielsweise beim Start von Apps an, ob diese die Privatsphäre des Nutzers beeinträchtigen. Fairphone verspricht, die Software über 2 Jahre hinweg mit Updates zu versorgen [7], die eklatante Fehler oder Sicherheitslücken beheben.

Abbildung 1: Das Fairphone OS verzichtet auf unnütze Anwendungen.

Abbildung 1: Das Fairphone OS verzichtet auf unnütze Anwendungen.

Auf ein großes Update auf Android 6 “Marshmallow” (oder neuer) warten Besitzer des Geräts bislang vergeblich. Dazu schrieb der Community-Manager des Projekts, Douwe Schmidt, im November letzten Jahres, dass das Update “in den nächsten Monaten” bereitstehen solle [8]. Im Januar hieß es dann auf dem Twitter-Channel, das Update stünde “binnen Wochen” an [9]. Weitere Ankündigungen liegen derzeit nicht vor.

Als Alternative zum vorinstallierten System gibt es mit Fairphone Open eine Open-Source-Variante des Betriebssystems [10]. Sie verzichtet auf proprietäre Bestandteile (bis auf die zur Hardware-Unterstützung nötigen Binary-Blobs) und richtet sich daher an Anwender, die ein möglichst freies und offenes System ohne einen direkten Draht zu Google bevorzugen. Apps lassen sich dann etwa aus dem Open-Source-Market F-Droid [11] installieren.

Alternativ bieten Anwendungen wie der YalpStore [12] oder Raccoon [13] die Möglichkeit, App-Installationspakete in Form von APK-Dateien aus dem Play Store zu laden, ohne das komplette Google-Framework auf dem Handy installieren zu müssen. Die Open-Variante von Fairphone OS bietet zudem den Vorteil, dass sich das System direkt aus dem Einstellungsmenü heraus rooten lässt und Updates in monatlichem Turnus erscheinen.

Bei Bedarf lässt sich Fairphone Open zudem mittels Open GApps [14] mit den Google-Anwendungen nachrüsten und so zu einem “vollwertigen” Android-System mit Root-Rechten machen.

Ubuntu

Canonical möchte trotz gewisser Schwierigkeiten bei Ubuntu Touch noch nicht den Stecker ziehen: Auf dem letztjährigen Mobile World Congress in Barcelona zeigte die Firma mit dem Bq Aquaris M10 [15] und dem Meizu PRO 5 Ubuntu Edition [16] bereits zwei Geräte; in diesem Jahr will man zusammen mit dem niederländischen IT-Spezialisten Smoose [17] Ubuntu Touch für das Fairphone 2 präsentieren.

Die Arbeiten an dem Ubuntu-Port koordiniert das UBports-Projekt [18]. Aktuell stehen dort das OnePlus One, das Nexus 5 sowie eben das Fairphone 2 auf der Prioritätenliste ganz oben. Das zeigt sich auch an der Kompatibilität: Bis auf GPS unterstützt das Ubuntu-System die Hardware des Fairphone 2 komplett [19]. Die drei Geräte eignen sich damit für den Alltagsgebrauch.

Um Ubuntu Touch auf das Fairphone 2 zu bringen, installieren Sie auf einem mit Ubuntu ausgestatteten Rechner die Entwickler-Tools und flashen dann das Smartphone mit dem Ubuntu-System (Listing 1). Vorab sollten Sie sämtliche Daten des Handys sichern, denn der Installer löscht den kompletten Gerätespeicher und spielt stattdessen das etwa 400 MByte große Ubuntu-Image aus dem Netz ein – zumindest in der Theorie automatisch.

Listing 1

$ sudo apt-get install ubuntu-device-flash phablet-tools
$ sudo ubuntu-device-flash --server=http://system-image.ubports.com touch --channel=ubuntu-touch/stable --device=FP2 --bootstrap

In der Praxis funktioniert das jedoch nicht: Schon die Beschreibung auf der Download-Seite zum Booten des Geräts in den Fastboot-Modus stimmt nicht. Sie erreichen diesen nicht durch gleichzeitiges Drücken von [Lauter]+ (Lautstärkewippe nach oben) und dem An/Aus-Taster zum Booten des Geräts, sondern stattdessen durch längeres Drücken von [Leiser]+ (Lautstärkewippe nach unten) und [Power].

Fastboot-Modus

Im Fastboot-Modus wirkt das Handy, als wäre es abgestürzt. Auf dem Display erscheint lediglich das Fairphone-Logo, Bedienelemente fehlen. Kontrollieren Sie daher am besten mit dem Kommando sudo fastboot devices, ob das Handy sich im richtigen Modus befindet und der Rechner das Handy sieht.

Danach führen Sie das zweite Kommando aus Listing 1 aus. Am Ende meldete dieses im Test jedoch mit Can’t boot recovery image, dass der entsprechende Neustart nicht funktionierte. Sie müssen daher das Gerät abschalten, wozu Sie am besten das Fairphone vorübergehend vom USB-Kabel abstecken und kurz den Akku aus dem Gerät nehmen. Dann schalten Sie das Mobiltelefon mit Lauter plus An/Aus wieder ein.

Im Recovery-Modus (Abbildung 2) lässt sich das Fairphone 2 wieder über den Touchscreen steuern; der Rechner sollte das Handy in diesem Modus automatisch über sudo adb devices finden. Zum weiteren Flashen legen Sie auf dem Telefon das noch fehlende Verzeichnis /cache/recovery an und wiederholen das Kommando ubuntu-device-flash. Dabei lassen Sie am Ende jedoch die Option --bootstrap weg. Die Abfolge der Befehle inklusive der Ausgaben zeigt Listing 2.

Abbildung 2: Über den Recovery Modus installieren Sie Ubuntu Touch.

Abbildung 2: Über den Recovery Modus installieren Sie Ubuntu Touch.

Listing 2

### Handy ausschalten, per USB mit dem Computer verbinden
### und mit [Leiser]+[Power] in den Fastboot-Modus booten.
### Auf dem Display erscheint lediglich das Fairphone-Logo.
$ sudo fastboot devices
fbecf69e        fastboot
$ sudo ubuntu-device-flash --server=http://system-image.ubports.com touch --channel=ubuntu-touch/stable --device=FP2 --bootstrap
2017/02/09 19:53:28 Device is |FP2|
2017/02/09 19:53:28 Flashing version 15 from ubuntu-touch/stable channel and server http://system-image.ubports.com to device FP2
Can't boot recovery image
### Handy vom USB-Stecker abziehen und Akku herausnehmen.
### Danach Akku wieder einsetzen, USB anstecken und mit
### [Lauter]+[Power] in den Recovery-Modus booten.
$ sudo adb devices
List of devices attached
fbecf69e        recovery
$ sudo adb shell mkdir /cache/recovery
$ sudo ubuntu-device-flash --server=http://system-image.ubports.com touch --channel=ubuntu-touch/stable --device=FP2

Im Test lief das Flashen des Fairphone 2 mit Ubuntu Touch so zwar ohne erkennbare Fehler durch, das Gerät startete am Ende jedoch trotzdem wieder Android. Einen Schritt weiter kamen wir mit dem Magic-Device-Tool [20], das das Flashen von Ubuntu Touch auf einer Reihe von kompatiblen Geräten (darunter das Fairphone 2) erleichtert.

Wie in Listing 3 gezeigt, laden Sie das Skript auf einem Ubuntu-System aus dem Github-Repository des Projekts herunter, rufen es auf und wählen mit 12 die Installation von Ubuntu Touch auf dem Fairphone aus (Abbildung 3). Anschließend folgen Sie den Hinweisen im Fenster. Den Fastboot-Modus erreichen Sie wieder mit [Leiser]+[Power], den Recovery-Modus mit [Lauter]+[Power].

Listing 3

$ sudo apt install git
$ git clone https://github.com/MariusQuabeck/magic-device-tool.git
$ cd magic-device-tool
$ ./launcher.sh

Abbildung 3: Das Magic-Device-Tool erleichtert die Ubuntu-Installation.

Abbildung 3: Das Magic-Device-Tool erleichtert die Ubuntu-Installation.

Doch auch dieser Weg führte am Ende nicht zum gewünschten Erfolg: Das Fairphone bootete zwar nicht mehr Android, blieb aber generell beim Starten hängen.

Langer Rede kurzer Sinn: Die Installation von Ubuntu Touch auf dem Fairphone 2 ist alles andere als ein Selbstläufer. Auch wenn das UBports-Projekt dem Gerät eine sehr gute Kompatibilität bescheinigt, sollten Sie im aktuellen Zustand besser (noch) bei Android bleiben.

Fazit

Das Fairphone 2 lässt sich zwar nicht gerade als Augenschmaus bezeichnen, Material und Haptik fallen hinter Markengeräten weit zurück. Bei intensiver Nutzung spielt das jedoch buchstäblich nur auf den ersten Blick eine Rolle. Während schicke Markenhandys oft schon nach wenigen Monaten mit verbeulten Metallrahmen und zersprungener Glasrückseite viel von ihrem Glanz verlieren, lässt sich das Fairphone kostengünstig reparieren.

Auch bei der Wahl der Software lässt Ihnen Fairphone mehr Freiheiten als Samsung, Sony und Konsorten. Das vorinstallierte Android-Image verzichtet auf integrierte Crapware wie Facebook oder andere herstellerspezifische Dienste. Bei Bedarf werfen Sie mit Fairphone OS Open auch noch sämtliche Google-Dienste vom Handy.

An Ubuntu Touch bissen wir uns im Test allerdings noch die Zähne aus. Da das Fairphone Canonical jedoch offiziell als Referenzhandy für Ubuntu Touch dient, dürfte dieser Zustand nur vorübergehend sein: Wir halten Sie auf dem Laufenden. 

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