Editorial 03/2017

Aus LinuxUser 03/2017

Editorial 03/2017

Auf hohem Niveau

Ist Linux fehlerfrei? Mitnichten, am System wie auch an den Anwendungen finden sich naturgemäß immer wieder Kritikpunkte. Doch das ist Jammern auf hohem Niveau, findet Chefredakteur Jörg Luther.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

streift man durch die Tiefen des Webs, so stößt man immer wieder auf Blogs, in denen sich der Autor als ehedem enthusiastischer Linux-Anwender outet, der nun – angewidert von den Widrigkeiten der freien Software im Allgemeinen und von Linux im Besonderen – reumütig in den Schoß der kommerziellen Software zurückkehrt. Meist zielt der Wechsel auf MacOS ab. Jüngst bin auf Curius.de über eine aktuelle Variation des Themas gestolpert, betitelt mit “Mein Abschied von Linux auf dem Desktop” [1].

Da rantet der Autor Mercurius über seine Probleme mit KDE Plasma, das auf seiner “in vielen Jahren des Linux-Einsatzes angehäuften Intel-zentrierten Hardware” nicht so recht läuft. Auch in Sachen Anwendungen laute “die bittere Erkenntnis”, dass sich die Welt weiter gedreht habe, “nur bei Linux nicht”. Entweder fehle es schlicht an alternativen Lösungen zu den großen proprietären Platzhirschen, oder die vorhandenen Programme seien “funktional rückständig, es sei denn, man ist ein Anhänger des Arguments, dass man eh einen vollkommen falschen Arbeitsansatz hätte und lediglich die richtige Arbeitsweise erlernen müsse.” Deswegen ersetze ab sofort ein Apple-Produkt den “in die Jahre gekommenen” Desktop-PC.

Damit wünsche ich Mercurius viel Spaß. Ich muss selbst zeitweise mit Apple-Desktops und entsprechenden Anwendungen arbeiten, weil das Layout unserer Zeitschriften wie bei den meisten Verlagen mit Adobe-Produkten erfolgt. Beim Stichwort “funktional rückständig” fällt mir da als Erstes die fehlende Ordneraktualisierung bei Apples Betriebssystem ein: Beim Arbeiten im Netz aktualisiert der Dateimanager Finder regelmäßig Verzeichnisinhalte nicht. Eine Funktion, um das manuell nachzuholen (etwa via [F5]) gibt es schlicht nicht: Man muss entweder manuell eine neue Datei anlegen, woraufhin der Finder sich dazu bequemt, den Ordnerinhalt zu aktualisieren, oder man kauft sich Drittanbieter-Software, die auf Knopfdruck den Job erledigt. Was “vollkommen falschen Arbeitsansatz” und “nur die richtige Arbeitsweise erlernen” angeht, empfehle ich Mercurius, mal Adobe Acrobat, Illustrator oder InDesign zu verwenden.

Jetzt mal Butter bei die Fische: Ja, ich ärgere mich auch gelegentlich über Linux, einen Desktop oder eine Anwendung. Welcher Benutzer welchen Betriebssystems täte das nicht? Sowohl beim Desktop als auch bei den Anwendungen bietet sich mir aber eine Auswahl, mit der weder die Konkurrenz aus Cupertino noch die aus Redmond mithalten kann. Ja, Linux war subjektiv schon mal “besser” als im Moment; besonders mit Systemd hakt es momentan an der ein oder anderen Stelle. Der Effekt tritt aber bei der Einführung jeder neuen Technologie auf, und besonders bei Betriebssystemen lassen sich über die Jahre (ich arbeite seit gut zwei Dekaden mit Linux) hier merkliche Zyklen feststellen. Aber das ist bei anderen OS nicht anders – fragen Sie mal einen Windows-Anwender nach Windows 95 vs. Windows XP oder Windows Vista vs. Windows 7.

Was Sicherheit und Privatsphäre, Freiheit der Wahl sowie Beteiligungsmöglichkeiten für den Anwender betrifft, kann kaum ein anderes Betriebssystem (*BSD einmal außen vor) mit Linux mithalten. Bei so gut wie jeder Ausgabe von LinuxUser erleben wir, dass Entwickler bei unseren Tests entdeckte Fehler in ihrer Software beseitigen, noch bevor wir den Artikel ins Layout geben können. Das setzt freilich voraus, dass man Bugs nicht nur lauthals beklagt, sondern sie auch meldet. Faktisch bewegen sich Linux und seine Anwendungen auf einem mit jeder anderen Plattform konkurrenzfähigem Level. Klar findet sich immer etwas zu bemäkeln – aber das ist, darüber sollte man sich im Klaren sein, Jammern auf hohem Niveau.

Herzliche Grüße,

Jörg Luther

Chefredakteur

Infos

  1. “Mein Abschied von Linux auf dem Desktop”: https://curius.de/blog/13-linux/123-mein-abschied-von-linux-auf-dem-desktop

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