Systeme für ältere Hardware gibt es inzwischen etliche. Austrumi hebt sich von der Masse durch einige interessante Besonderheiten ab.
Das aus Lettland stammende System mit dem Namen Austrumi kennt in Mitteleuropa kaum jemand, trotz einer mehr als elfjährigen kontinuierlichen Entwicklung. Dabei weckt es schon aufgrund des exotisch wirkenden Konzepts direkt Interesse. So basiert Austrumi auf Slackware, der ältesten noch gepflegten und weiterentwickelten Distribution, die bereits 1993 das erste Release erlebte.
Wie das Original orientiert sich Austrumi am KISS-Prinzip (“Keep It Simple and Stupid”), um so Einsteigern ein praxistaugliches System zu bieten. Trotz der Verwendung von FVWM als Window-Manager bietet es alles andere als altbackene Hausmannskost: Der schlanke Desktop, der ebenfalls bereits auf mehr als zwei Dekaden Entwicklungszeit zurückblickt, glänzt durch eine enorme Flexibilität bei der Konfiguration.
Durch den Wegfall jeglicher schwergewichtiger Gimmicks kommt die Distribution daher mit alter Hardware gut zurecht und beansprucht nur wenige Ressourcen. Trotzdem finden sich an Bord alle gängigen Standardanwendungen. Damit lässt sich das Slackware-Derivat sofort als Desktop-System einsetzen.
Leichter Einstieg
Das lediglich rund 300 MByte große ISO-Image steht auf dem FTP-Server des Projekts zum Download bereit [1]. Das Hybrid-Image lässt sich live testen oder auf einem Rechner installieren.
Dazu bietet das Boot-Medium mehrere Optionen an, wobei es unter anderem das eigentliche System komplett in den Arbeitsspeicher lädt und daraus ausführt. Diese Variante eignet sich insbesondere für ältere Computersysteme, die lediglich das veraltete USB 1.x unterstützen oder nur über ein relativ langsam arbeitendes optisches Laufwerk verfügen. Eine weitere Option ermöglicht den Einsatz freier Treiber für Grafikkarten, was unter Umständen bei problematischen Komponenten hilft.
Nach recht kurzer Boot-Zeit begrüßt Sie der Desktop mit Tint2 als vertikalem Panel am linken Rand. In der rechten unteren Bildschirmecke findet sich zudem ein Pager für drei virtuelle Arbeitsflächen. Am oberen Rand öffnet sich horizontal zusätzlich nach einem Klick auf das erste Symbol im Panel ein Menü, das jeweils in Untermenüs verzweigt (Abbildung 1).

Abbildung 1: Der optisch ansprechende FVWM-Desktop von Austrumi bringt außer einem Panel am linken Rand nur wenige Elemente mit.
Beim Booten des Live-Systems lädt das Slackware-Derivat zunächst eine lettische Lokalisierung, bringt jedoch auch Pakete für Deutsch mit. Zum Umstellen der Sprache klicken Sie nach dem Öffnen des horizontalen Menüs auf die Schaltfläche mit dem Symbol für einen Schraubenschlüssel und anschließend auf das Flaggen-Icon. Nun öffnet sich ein Fenster mit den Spracheinstellungen, die Sie per Schaltfläche aktivieren (Abbildung 2).

Abbildung 2: Das Lokalisieren der aus Lettland stammenden Distribution geht im entsprechenden Dialog mit zwei Mausklicks vonstatten.
Haben Sie die gewünschte Sprache ausgewählt, melden Sie sich ab und sofort danach als Benutzer austrumi wieder an. Als Passwort geben Sie im Dialog zum Anmelden ebenfalls austrumi ein. Danach spricht das Betriebssystem Deutsch. Einige externe Anwendungen, wie etwa die in der Live-Variante enthaltene Bildbearbeitung Gimp, erscheinen allerdings weiter nur in englischer Sprache, da sie zur Lokalisation zusätzliche Dateien aus dem Internet benötigen.
Das deutsche Tastaturlayout aktivieren Sie anschließend im Menü Einstellungen | Keyboard configurator. Der Dialog mit unterschiedlichen Einstellungen für die deutsche Tastatur ist jedoch etwas umständlich zu handhaben: Sie müssen zunächst das rechts im Fenster in der Liste ausgewählte Layout durch Klicken auf den mittig im Fenster angeordneten Button mit dem Pfeil aktivieren. Anschließend steht es dann auf dem Desktop und im Terminal bereit.
Software
Für ein nur rund 300 MByte großes ISO-Image liegt dem System erstaunlich viel Software bei: Bereits in der Live-Variante finden sich die Untergruppen Spiele, Entwicklung, Unterhaltung, Grafiken, Einstellungen, Systemwerkzeug, Internet, Büro und Zubehör.
Dabei zeigen sich die einzelnen Gruppen von Haus aus gut bestückt: Auch im Live-System steht die komplette LibreOffice-Suite in Version 5.2.0.2 zur Verfügung, ebenso Gimp 2.9.4 zum Bearbeiten von Bildern und der PDF-Viewer Evince. Als Webbrowser dient der schnelle Chromium 53.
Zum umfangreichen Bestand an Werkzeugen zum Verwalten des Systems zählen unter anderem Gparted und Partimage. Mit dem Midnight Commander und EmelFM2 finden sich gleich zwei Dateimanager in den Menüs, die mit einer in zwei Fenster geteilten Ansicht aufwarten. Als Standard-Filemanager dient SpaceFM. Nicht alltägliche Pakete wie die VoIP-Applikation Linphone und – für Entwickler besonders interessant – die Software Qemu zum Virtualisieren von Systemen runden das Angebot ab.
Lediglich im Bereich Multimedia besteht Nachholbedarf: Zwar gibt es eine Software zum Brennen von optischen Datenträgern, einen universellen Dateikonverter, ein Internet-Radio und mit Deadbeef einen Audio-Player; ein vollwertiger Medienabspieler wie VLC oder Mplayer fehlt jedoch. Ähnliches gilt für Programme wie Video-Transcoder oder Software zum Bearbeiten von Filmen und Videos.
Auf die Platte
Aus dem Live-System heraus besteht die Option, über das Menü Systemwerkzeug das kleine Slackware-Derivat mit der Routine Install to HDD entweder direkt auf eine Festplatte oder eine SSD zu installieren.
Es öffnet sich ein recht komplexer Dialog, der nicht nur diverse Optionen zum Einstellen von Quellen, Partitionen und der Art der Installation enthält, sondern darüber hinaus mit XDM und LXDM verschiedene Display-Manager zur Auswahl stellt.
Zum Partitionieren und Formatieren der Festplatte schlägt die Routine zwei jeweils 1000 MByte große Laufwerke vor, wobei sie die Laufwerke für System und Daten mit dem inzwischen aus der Mode gekommenen Dateisystem ReiserFS versehen möchte. Alternativ bietet der Dialog in einem Auswahlfeld noch die Linux-Standarddateisysteme Ext3 und Ext4 an sowie das aus der Microsoft-Welt stammende VFAT. Es empfiehlt sich, eines der Ext-Dateisysteme auszuwählen und die Partitionen zu erweitern. Der Dialog gestattet zudem das Anlegen zusätzlicher Partitionen, sodass Sie noch ein eigenes Laufwerk für die Home-Verzeichnisse anlegen können (Abbildung 3).

Abbildung 3: Etwas unübersichtlich, jedoch mächtig: Die Routine für die Installation bietet umfangreiche Optionen, verwendet aber für neue Partitionen das veraltete ReiserFS. Es empfiehlt sich, an dieser Stelle von Hand nachzusteuern.
Anschließend kopiert die Routine die Daten auf den Massenspeicher, wobei Sie laufend Statusmeldungen in einem kleinen Fenster sehen. Danach ist das System einsatzbereit.
Um Austrumi unterwegs zu nutzen, installieren Sie es auf einen USB-Stick. Dazu finden Sie im Menü Systemwerkzeug das grafische Tool Install to USB. Es macht in wenigen Schritten ein bereits an den Computer angeschlossenes Speichermedium zu einem bootfähigen Datenträger. Im Test überzeugte das lettische Slackware-Derivat durch eine ausgezeichnete Geschwindigkeit beim Einsatz von einem solchen Datenträger.
Ressourcen
Im Test war das 32-Bit-System auch auf Single-Core-Systemen flott unterwegs und begnügte sich ohne größere geöffnete Applikationen mit knapp unter 100 MByte Arbeitsspeicher. Selbst beim Einsatz von Boliden wie Gimp (rund 75 MByte RAM) oder LibreOffice (etwa 20 MByte RAM) fiel es uns schwer, 512 MByte Arbeitsspeicher zu belegen.
Damit eignet sich die Software selbst für mehr als zehn Jahre alte Pentium-III-Systeme, die mit Arbeitsspeicher von maximal 512 MByte auskommen, ohne dass Sie auf große Applikationen verzichten müssten. Über den Systemmonitor Conky [2] behalten Sie den Ressourcenbedarf des Systems ständig im Auge.
Diesen blenden Sie oben rechts transparent in den Desktop ein, indem Sie auf dem Desktop an beliebigem Ort mit einem rechten Mausklick das Menü von FVWM für die Einstellungen öffnen und dort die Option FVWM | Start conky aktivieren. Das Programm zeigt anschließend wichtige Daten wie die Temperatur von CPU und Festplatten an, die Auslastung des Arbeitsspeichers sowie die Belegung der Massenspeicher. Selbst den Status von LAN- und WLAN-Schnittstellen sowie laufende Prozesse haben Sie so im Blick.
Netzwerk
Um den vollen Leistungsumfang des Systems zu nutzen, benötigen Sie einen Zugang zum Internet. Das System hilft bei dessen Einrichten sowohl durch eine übersichtliche grafische Oberfläche, die sich auch um WLAN-Anschlüsse kümmert, als auch durch vorinstallierte Firmware.
Insbesondere bei WLAN-Hardware in mobilen Systemen kommt es unter Linux immer wieder zu Problemen, weil deren Hersteller proprietäre Software für den Betrieb der Karten voraussetzen. Austrumi hat für viele solcher Komponenten bereits die nötigen Module mit an Bord. Daher funktioniert die Inbetriebnahme über Einstellungen | Network manager in der Regel problemlos (Abbildung 4).
Pakete
Klicken Sie im Menü Systemwerkzeug auf den Eintrag Paketverwaltung, so öffnet sich Gslapt. Das grafische Tool zum Paketmanagement erinnert optisch sehr stark an Synaptic (Abbildung 5).

Abbildung 5: Mit dem Frontend Gslapt – oberflächlich ähnelt es Synaptic – verwalten Sie die im System installierte Software sowie die Quellen, aus denen Sie diese beziehen.
Wie bei anderen Systemen aktualisieren Sie als Erstes die Paketquellen. Das geschieht über die Schaltfläche Aktualisiere. In den eigenen Quellen des Projekts steht bei Weitem nicht derselbe Bestand zur Verfügung wie bei Slackware oder gar Ubuntu. Austrumi ist jedoch binärkompatibel zu Slackware [3] und Derivaten, was es ermöglicht, weitere Repositories ins System zu integrieren.
Dazu klicken Sie in Gslapt im Menü Bearbeiten auf Optionen. Im Dialog wählen Sie dann den Reiter Quellen und suchen sich hier aus den bereits eingetragenen Servern einen oder mehrere aus (Abbildung 6). Danach mahnt die Software das Aktualisieren der Daten über die Repositories an. Anschließend installieren Sie die gewünschten Pakete.

Abbildung 6: Benötigen Sie mehr Software, als sich in den Quellen des eigentlichen Projekts befindet, aktivieren Sie zusätzliche Softwarequellen in den Einstellungen von Gslapt.
Fazit
Austrumi Linux dürfte speziell für jene Anwender interessant sein, die abseits des Mainstreams eine stabile und leistungsfähige Distribution suchen, die mit einem außergewöhnlichen Desktop und einem soliden Unterbau glänzen kann.
Das System arbeitet sehr ressourcenschonend und schnell, bringt aber dennoch eine komplette Software-Ausstattung für den täglichen Einsatz mit. Dabei gerät es auch durch schlecht unterstützte Hardware nicht aus dem Tritt. Mit Austrumi lässt sich daher so mancher ältere Pentium-Rechner problemlos produktiv weiternutzen.
Infos
[1] Austrumi Linux: ftp://austrumi.ru.lv
[2] Conky: Vincze-Aron Szabo, “Aufmerksamer Beobachter”, LU 11/2012, S. 50, https://www.linux-community.de/27097
[3] Slackware-Pakete: http://packages.slackware.com






